Journalismus gestern und heute – Dr. Anneliese Rohrer

Diesmal hat Moderator Alexander Sitpsits die österreichische Journalistin Dr. Anneliese Rohrer in unsere Küche eingeladen. Die „Medienlöwin“ erzählt zu Beginn über ihre Jugenderlebnisse in den USA und Neuseeland und beschreibt den ungewöhnlichen Weg, wie sie bei der Tageszeitung „Die Presse“ landete, ohne journalistische Vorkenntnisse. Dies sei heute nicht mehr möglich, denn mittlerweile werden die meisten Jobs in diesem Bereich nur nach akademischer Qualifikation vergeben.

Bis zur Erreichung des Pensionsalters schrieb sie für die Presse, danach schrieb sie 5 Jahre für den Kurier, bevor sie wieder zur Presse wechselte.

Ihr Hauptgrund, mit dem Journalismus zu beginnen, war, die Menschen davor zu bewahren, von Politikern hinters Licht geführt zu werden. Jeder Journalist müsse für den Job „brennen“, neugierig sein und die „Extrameile“ gehen, die andere nicht zurücklegen. Denn gerade als Aufdeckungsjournalistin hat man es im „kleinen“ Österreich, in dem jeder jeden kennt, besonders schwer.

Der Typ des Analysten-Journalisten, zu dem sich auch Rohrer zählt, sei heute sehr gefragt, da er Aussagen von Politikern mit seiner Erfahrung in einen Kontext bringt. Die neueste Entwicklung ist der Klick-Journalist, dessen einziges Ziel hohe Zugriffsraten auf seine Werke sind. Dies führt zumeist zu einer Radikalisierung der eigenen Meinung, denn radikale Positionen finden in den sozialen Medien den meisten Zuspruch.

Durch den digitalen Wandel und die Verschiebung der Werbekundschaft in neue Medien sei die Zeit vorbei, in der Journalisten und Verleger nur in ihrer eigenen Blase kommunizieren und davon leben können. Durch die Einsparungen werden viele Artikel nur noch von den großen Agenturen abgeschrieben. Künftig wird ein Medium online nur mit Paywalls überleben, erste Beispiele (NYT) zeigen, dass das funktionieren kann.

Das Problem in Österreich sei, dass niemand hierzulande ein Interesse an einer unabhängigen Presse hat. Auch ist es kein Vorteil, dass es so gut wie keine privaten Geldgeber oder Stiftungen wie in den USA gibt. Addendum und dossier.at betreiben investigativen Journalismus, ob sich diese Modelle langfristig finanzieren können, wird sich aber erst herausstellen.

Seit Rohrer den Umgang von Schwarzblau (auch schon unter Schüssel) mit Ausländern kritisierte, gilt die seit jeher bei konservativen Medien beschäftigte Journalistin vor allem in den sozialen Medien als linksorientiert. Heutzutage könne man keine sachliche Diskussion führen, ohne von der einen oder der anderen Seite massiv dafür angefeindet zu werden.

Da die wichtigen Fragen (Bildung, Gesundheit etc) bereits von Bruno Kreisky in den 1970ern gelöst wurden, fiel die Sozialdemokratie seit damals eher durch „sinnloses Herumdoktorn“ auf. Auch hier stellt Rohrer die Unfähigkeit, sachliche Arbeit zu leisten, fest. Verpasst hat die SPÖ die gesellschaftlichen Veränderungen; zB hat sie den zahlreichen kleinen Selbständigen, die auch bei der WKO kaum Gehör finden, kein Angebot gemacht. Die offensichtliche Zerstrittenheit innerhalb der Partei erhöht die Attraktivität für den Wähler natürlich auch nicht.

Pamela Rendi-Wagner sei nicht die Schuldige der Krise, sondern jene (Männer), die sie mit 12 Monaten Politikerfahrung in die Führungsposition gehievt haben, da niemand anderer sich für den Parteichefposten fand.

In der Gleichberechtigung der Frauen habe sich einiges getan, doch fürchtet Rohrer dank der nicht vorhandenen Solidarität unter Frauen, dass Errungenschaften auch von Frauen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Spricht man dieses Fehlen von Solidarität in Frauenkreisen an, dann wird man sofort als konservativ abgestempelt, und schlimmeres.

Die Idee des Friedens scheint den jüngeren Generationen nicht mehr so viel wert zu sein, wie jenen, die Krieg und dessen Auswirkungen noch miterlebt haben. Frieden wird als selbstverständlich angesehen – wie man auch aktuell am Fehlen der Friedensbewegung sieht. Auch wenn es an der EU viel zu kritisieren gäbe, so sei doch das wichtigste daran der langanhaltende Friede in Europa. Auch international sei der Friede stark gefährdet, vor allem wenn man es mit Politikern wie Trump zu tun hat. Das Nichtwissen der Österreicher um die Verfassung sei ebenso dramatisch wie demokratiegefährdend, wie man auch am kritiklosen Verschwinden der Ergebnisse des Verfassungskonvents Mitte der 2000erjahre sehen konnte. Der Grund dafür ist die nicht vorhandene politische Bildung und auch die weite Verbreitung von Boulevardmedien, auch unter Jugendlichen.

Die Lösung: mehr Zivilcourage! Unter den Lehrern, unter den Schülern, und natürlich auch unter den Erwachsenen.

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Anneliese Rohrer Wolfgang Müller CC BY SA 4.0
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