Regeln für die Zukunft – Was ist wirklich nötig, um die Welt zu retten?

Unter der Leitung von Matthias Vavra, dem Vorsitzenden des BSA-Döbling, traf sich eine illustre Runde an ExpertInnen aus unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen, um darüber zu diskutieren, wie mit der aktuellen Corona-Krise umgegangen wurde und welche Lehren wir für die Zukunft ziehen können.

Die Sprachwissenschafterin Dr. Ruth Wodak analysiert die Kommunikationsstrategien in unterschiedlichen Ländern, um Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen: Schweden setzte auf klare Empfehlungen (aber keine Verbote) von Experten in Form eines Dialogs mit der Bevölkerung; Deutschland und Italien gaben klare Regeln vor, die technokratisch und nicht emotional vermittelt wurden; hierzulande setzte man vor allem auf eine Top-Down-Kommunikation mit teilweise religiösen Zügen (Auferstehung), ohne viel zu erklären und ohne der Wissenschaft Zugang zu relevanten Daten zu gestatten. Zuletzt beschreibt Wodak noch die Strategie der Leugner (USA, Brasilien, UK) und deren Meinungswandel, nachdem sie mit der Realität konfrontiert wurden. Wodak mag sich mit dem Begriff der „Neuen Normalität“ nicht anfreunden, denn dieser sei historisch belastet. Die Gesellschaft wird aus dieser Krise – wie aus allen davor – lernen und ihr Verhalten anpassen. Der starke Staat erlebe nach einer längeren Zeit neoliberaler Vorherrschaft ein Revival, ebenso wie die Sozialpartnerschaft.

Für die Philosophin Dr. Lisz Hirn zeigt sich in der Corona-Krise, wie machtlos viele der starken Männer (Trump, Johnson) tatsächlich sind, wenn martialische Lösungen nicht wirken. Allerdings sollte man sich darüber nicht freuen, denn es stehe eine ökonomische Krise vor der Tür, die gelöst werden müsse. Angst wird dann nicht mehr helfen, um an die Vernunft zu appellieren. Durch die Krise seien sich viele Menschen wieder des gut ausgebauten Wohlfahrtsstaates, den neoliberale Kräfte in guten Zeiten gerne reduzieren würden, bewusst geworden, so die Bezirksrätin der Grünen.

Philippe Narval, Generalsekretär des Europäischen Forums Alpbach, war überrascht davon, wie solidarisch sich die meisten Menschen in der Pandemie verhalten haben. Nach dem Lockdown merkte man aber schnell, dass die Zeit der Analyse nicht überall gleich gut genutzt worden sei. Viele Konfliktlinien, die vor der Krise oft unter den Teppich gekehrt wurden, seien nun präsent, zb die prekären Arbeitsverhältnisse osteuropäischer Landwirtschaftskräfte: Italien habe diesen Arbeitskräften endlich einen legalen Aufenthaltstitel gegeben. Auch im Bereich der Gesundheits-versorgung habe man gemerkt, wie systemrelevant die schlecht bezahlten PflegerInnen tatsächlich sind. Durch den ökonomischen Druck der kommenden Wirtschaftskrise werden die Konfliktlinien innerhalb der Gesellschaft zunehmen. Geld allein wird die Krise nicht lösen. Den in der Krise notwendigen autoritär verhängten Regeln müsse nun entgegengewirkt werden: der Bürger müsse wieder mehr in die Eigenverantwortung gebracht werden, so Narval.

Der Politikberater und ehemalige NEOS-Bundesgeschäftsführer Feri Thierry fürchtet, dass das Match Freiheit versus Sicherheit zu Gunsten der Sicherheit ausgehen wird; die Corona-Krise verstärkt Tendenzen im Allgemeinen, und dieses Spannungsfeld gibt es bereits seit Jahren. Gegenbewegungen sind nötig, um Schlimmeres zu verhindern. Es sei wichtig, wie Regierungsvertreter auftreten und welche Stimmung sie verbreiten. Die Einsicht, dass es neben gesundheitlichen auch noch andere Rechte der Bürger zu bewahren gelte, lasse sich nicht bei allen handelnden Politikern feststellen.

Im weiteren Gespräch wird die im Zuge der Krise wieder aufbrechende, ideologische Spaltung Großbritanniens in Brexiteers und Remainers ebenso besprochen, wie die Anti-Establishment-Bewegungen in vielen Ländern, unterschiedliche Freiheitsbegriffe und Bürgerpflichten, die Rolle Europas in Krisensituationen und in der Welt, Verschwörungstheorien und deren Ursachen, die Digitalisierung und ihre durch die Krise verstärkte Umsetzung und daraus ableitbare Veränderungen für die Arbeitswelt – und vieles mehr.

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Regeln fuer die Zukunft Wolfgang Müller CC BY SA 4.0

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