Tuberkulose, mein neuer Freund und ich

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Vor etwa zwanzig Jahren reiste ich von meinem Heimatort im Distrikt Jajarkot in Nepal zur Behandlung meiner Krankheit ins Chaurjahari Mission Hospital. Das war eine sehr schwierige Zeit für mich.

Ich verlor viel Gewicht und hatte permanente Hustenanfälle. Zumeist hustete ich Blut. Der zuständige Arzt in meiner Dorfgemeinde teilte mir mit, dass ich an Tuberkulose litt. Und auf seine Empfehlung hin suchte ich das Chaurjahari Mission Hospital zur Behandlung auf. Nach der Untersuchung wurde bei mir eine schwere Tuberkulose (TB) diagnostiziert. Die Ärzte sagten mir, ich müsse zur Behandlung mindestens drei Monate im Krankenhaus bleiben.

Diese Nachricht beunruhigte mich sehr, weil ich allein in Chaurjahari war und niemand da war, der mir helfen konnte. Ich war auch um meine Familie und Kinder besorgt, weil ich eigentlich schon einige Tagen nach der Behandlung nach Hause zurückkehren sollte. Damals gab es auch noch keine Mobiltelefone oder Festnetzanschlüsse wie heute.

Auf meiner Reise machte ich mir viele Gedanken und näherte mich plötzlich einer kleinen Hütte, die wie ein Teeladen aussah. Dort stand ein Mann, der in meinem Alter gewesen sein musste. Er machte Tee an dem einen Feuer und Chapattis am anderen. Also fragte ich ihn, ob er etwas wisse über eine Unterkunft in der Nähe. Er antwortete: “Du bist hier ganz richtig, denn hier ist auch gleich ein Hotel. Hast du das Schild nicht gesehen?” Er zeigte auf die Tafel, aber ich konnte sie nicht lesen – an dieser Bildung fehlte es mir.

Er fügte hinzu: “Hier gibt es Tee, Snacks und Essen, und das ist mein Haus“, und er zeigte auf sein Haus aus Holz und Steinen. Ich war sehr glücklich, eine Unterkunft gefunden zu haben, aber trotzdem bedrückte mich etwas: Ich hatte ein Problem mit dem Geld, denn was ich bei mir trug, reichte nur für einige Tage. Deshalb erzählte ich dem Hotelbesitzer gleich davon, und er meinte, dass das kein Problem sei: “Du kannst bezahlen, bevor du gehst.” Ich war sehr dankbar für dieses Angebot. Der Hotelbesitzer brachte mich in sein Haus und gab mir ein kleines Zimmer im ersten Stock mit einem kleinen Fenster, das für eine Weile mein Zuhause werden sollte.

Nach nur drei Tagen Aufenthalt im Hotel entstand zwischen dem Besitzer und mir sehr viel Nähe. Ich erzählte ihm alles über mich, über meine Familie und auch über meine Probleme. Der Hotelbesitzer verhielt sich immer freundlicher und begann auch, über seine eigenen Probleme zu sprechen. Er war sehr offen und hilfsbereit. Wie ich war er verheiratet und hatte drei Kinder. Und jeden Tag kamen wir uns ein Stückchen näher.

Warum? Weil er mir nicht nur mit Essen und einem Unterschlupf in seinem Hotel geholfen hat, sondern auch mit meiner Medizin. Er erinnerte mich oft daran, meine Medizin einzunehmen, und sorgte auch für die korrekte Dosierung. Außerdem half er mir in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, denn es war ihm auch vertraut. Ich war so glücklich, diesen Mann gefunden zu haben, der bald zu einem engen Freund wurde.

Und doch konnte ich es mir nicht erklären, warum er mich so sehr mochte und warum er derart hilfsbereit war. Diese Fragen gingen mir durch den Kopf …

Eines Tages fragte ich ihn endlich, warum er mich so viel unterstützt hatte. Er meinte, er sei mit allen Menschen so. Er helfe jedem, der in sein Hotel komme, weil er das für seine Pflicht halte. Er sehe es als Pflicht, sich menschlich und gastfreundlich zu verhalten. Dann meinte er:

Aber ich weiß nicht, warum ich dich für so einen besonderen und guten Menschen halte. Wenn ich dich sehe, will mein Herz dir automatisch helfen. Ich glaube, es ist, weil du so dünn bist, Probleme mit der Gesundheit hast und einsam bist.

Dabei lächelte er. Später fand ich heraus, dass er auch mal ein TB-Patient war; ich glaube, dass er mich auch aus diesem Grund so gut behandelte und mich immer wieder daran erinnerte, wann und wie ich meine Medizin einnehmen sollte.

Die Tage vergingen, und unsere Freundschaft wurde immer tiefer. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, redeten und teilten viele Dinge.

Eines Tages fragte ich ihn nach seinem Namen. Es scheint normalerweise eine selbstverständliche Nebensache zu sein, jemanden nach seinem Namen zu fragen. Aber in unserem speziellen Fall geschah es sehr spät. Nun nannte er mir seinen Namen: Dhan Bahadur Singh. Jetzt war ich total überrascht, denn ich heiße auch Dhan Bahadur, nur habe ich einen anderen Nachnamen: Khatri. Als er mich wiederum nach meinem Namen fragte, war auch er verblüfft über unsere Namensgleichheit. Damals war es in Nepal Tradition, dass wenn zwei Freunde sich sehr nahe kommen und gemeinsame Namen, Gedanken, Überzeugungen und Einstellungen haben, sie zu “Mit” wurden, was soviel wie “Seelenfreunde” bedeutet.

Sofort schlug ich ihm vor, Seelenfreunde zu werden. In Nepal, vor allem in den hinduistischen Gesellschaften, wird man als Seelenfreund so etwas wie ein Familienmitglied – man glaubt dabei an Blutsverwandtschaft und dass man sich in jeder schwierigen Lebenssituation gegenseitig helfen, aber auch sein Glück miteinander teilen sollte. So nimmt man an allen kulturellen und traditionellen Anlässen des anderen teil, wie z.B. an Beerdigungen, Hochzeiten etc.

Um uns den Wunsch nach Seelenfreundschaft zu erfüllen, mussten wir einiges für den Prozess der Vollendung dieser Beziehung tun. Die Kulturen, Traditionen und Aktivitäten, die wir gemeinsam erlebten, um Seelenfreunde zu werden, waren sehr spannend. Die Ereignisse und die Erinnerungen, die wir miteinander teilen konnten, erstaunten noch mehr. Mehr darüber erfahrt ihr im nächsten Teil dieser Serie, der in Kürze folgen wird.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

Credits

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00_Cover_Tuberculosis, My New Friend and I- 00_Cover_Tuberculosis, My New Friend and I- Elisa Steininger CC BY-SA 4.0

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