Vom Gasthaus zum Globalen Dorf – Franz Nahrada im Gespräch

Dieses Mal begrüßt Alexander Stipsits den Zukunftsforscher Franz Nahrada in unserer Küche. Nahradas Eltern bewirtschafteten ein kleines Gasthaus, welches er nach langem, inneren Kampf weiterführte. Sein Urgroßvater war sozialdemokratisches Urgestein, der seine Wurzeln auch dann nicht vergaß, als die Weltwirtschaftskrise 1929 die Arbeiterschaft schwer in Mitleidenschaft zog.

Nahrada war in seiner Jugend fasziniert von Utopien und sozialwissenschaftlichen Büchern. Er erkannte früh, dass es für den Menschen wichtig sein sollte, die Ergebnisse seines eigenen Handelns zu antizipieren, was eine gewisse Programmierung des eigenen Verhaltens voraussetzt. Diese Ideen hielt er im Alter von 17 Jahren in seinem unveröffentlichten Buch „Das System des Glücks“ fest. Musil’s Aussage „Der Mensch bringt alles zustande, nur nicht sich selbst“, stand am Anfang jenes Buches und war auch für Nahrada wichtig auf seinem Erkenntnisweg.

Der studierte Soziologe war an der Uni begeistert von der marxistischen Theorie und gleichzeitig entsetzt von dessen Umsetzung. In Nahrada‘s Diplomarbeit stand das Kunstverständnis von Marx im Zentrum seiner Betrachtungen: Kunst war für Marx nur dann akzeptabel, wenn sie die Realität abbildete; Kunst rein aus dem Künstler heraus, quasi als Ego-Show, konnte er nicht leiden.

Nach einem schweren Krankheitsfall 1979 fuhr er zur Rehabilitation nach Griechenland. Beides veränderte sein Leben. Die Krisen führten bei ihm quasi zu einem Neubeginn des Lebens. In Griechenland entdeckte er auch die Schönheit der Einfachheit: ein Dorf als kompletter Lebensraum, einfache/funktionelle Bauweisen und Lebensstile, hohes Gemeinschaftsgefühl. All dies trug zu seiner Gesundung bei. Auch wie wichtig für all unsere Kommunikation der Raum, der uns dabei umgibt, ist, hat er dort gelernt. Hier lohnt sich eine Beschäftigung mit dem Wiener Architekten Christopher Alexander, dessen Prinzipien und Muster, die er in der Architektur fand, unser Denken im Allgemeinen revolutionieren werden.

Mitte der 80erjahre verschlug es Nahrada in die Vereinigten Staaten. Als Macintosh-Autodidakt (er sucht für seine vielen Fundstücke einen Platz für ein Mac-Museum) fasste er in der IT-Branche Fuß und arbeitete im Silicon Valley. Die frühen Ansätze, den Computer und das entstehende Internet zu demokratisieren (damit jeder die neuen Technologien nutzen kann), wurden vor allem von Apple und dessen Community getragen. Dies hat sich allerdings mit der Kommerzialisierung radikal geändert. Im Zuge seiner Arbeit lernte Nahrada auch den Pionier des Personal Computers, Douglas Engelbart, kennen, der auf Grund seiner Erfahrungen in der Computerbranche zufällig auf der Suche nach einem Soziologen war.  Denn gesellschaftliche Innovation kann nur funktionieren, wenn alle an der Gesellschaft beteiligten Gruppen dabei ein Mitsprachrecht haben – und so wollte Engelbart die Entwicklung des Computers vorantreiben, wie Nahrada in einem großen Forschungsprogramm selbst miterlebte. Im Gegensatz zum egalitären Ansatz der USA haben die Europäer einen hierarchischen Zugang zur Welt, was gerade bei Innovationen, aber auch bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen, nachteilig wirkt.

Den größten Einfluss auf sein Leben hatte wohl der kanadische Medienwissenschaftler Marshall Mc Luhan, der den Begriff des Global Village prägte: er bezeichnete Medien als die verlängerten Sinne des Menschen und entwarf vier Gesetze der Medien. Das Internet als bestimmendes globales Medium dehnt sich, wie alle Medien davor, bis an seine Grenzen aus – und wird, wie alle Medien davor, beim Erreichen dieser Grenzen eine nie da gewesene kulturelle Renaissance auslösen: in diesem Fall, da es sich um ein globales Medium handelt, die Renaissance des Lokalen, die Besinnung auf die eigene Umgebung, auf das Dorf, dessen Bauten etc. Das Dorf ist zwar über die Technologie an die Welt angebunden, es wird aber lokal „gelebt“. Dieses Leben ist laut Nahrada wesentlich zukunftsträchtiger, als das Drängen in die überfüllten Städte. Regionale Wirtschaftsprozesse müssen über die globalen Kommunikationswege koordiniert werden. Dies wäre wesentlich ressourceneffizienter als die heutige Wirtschaftsweise mit extrem langen Transportwegen. Auch die Gestaltbarkeit von Kulturräumen, die Möglichkeit der Autonomie und die Nähe zu den Entscheidungsfindern spricht künftig für die Rückkehr in das (dann globale) Dorf.

Da die Zukunft der Dörfer laut Nahrada an der Bildung hängt, steckt er seine zukünftige Arbeitskraft in die Idee der Dorfuni: denn am Land wird viel Wissen gebraucht, um die komplexen Aufgaben, die bisher Städte übernommen haben (zB Krankenhäuser), auch lokal lösen zu können.

Credits

Image Title Autor License
Franz Nahrada Wolfgang Müller CC BYSA 4.0

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