Gender-Politik in der palästinensischen Gesellschaft

Das Verhältnis der Geschlechter in der palästinensischen Gesellschaft

Wann immer in Zusammenhang mit Palästina das Wort „Unterdrückung“ benutzt wird, ist damit ausnahmslos die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung durch die israelische Militärverwaltung gemeint. Wann immer vom Leiden der Palästinenser die Rede ist, hat das Bild, das in den Köpfen entsteht, normalerweise kein Geschlecht.

Der seit langer Zeit schwelende israelisch-palästinensische Konflikt hat unbestreitbar alle Aufmerksamkeit und alle Energie auf sich gezogen und sehr wenig Raum gelassen, um sich mit den internen politischen und sozialen Fragen der palästinensischen Gesellschaft zu befassen. Alle Bemühungen, alle Energie ist auf den nationalen Kampf gerichtet – und man übersieht dabei verschiedene innere Angelegenheiten, die ebenfalls angesprochen werden müssten. Tatsächlich kann man jedoch sagen, dass alles andere als nebensächlich eingestuft wird.

Dieses Anliegen wurde von vielen palästinensischen Teilnehmern unseres Jugendcamps zur Sprache gebracht.

Zweifelsohne ist der nationale Kampf und die Unabhängigkeit für alle Palästinenser absolut vorrangig. Der Wunsch, die israelische Besatzung zu beenden, steht außer Frage und hat vor allen anderen Angelegenheiten Vorrang. Unterdrückung und Leid wird stets durch die Brille der israelischen Besatzung und Kolonisation gesehen. Und daher sieht auch die internationale Gemeinschaft die Kategorie von Unterdrückung und Leid nur in Zusammenhang mit dem nationalen Konflikt.

Doch eine Diskussion, die in unserem Camp organisiert wurde, um verschiedene Angelegenheiten in Zusammenhang mit dem nationalen Kampf anzusprechen, führte zu einer Unterhaltung über Geschlechterpolitik und Unterdrückung sowie über andere interne Probleme. Diese Abweichung vom Thema war von den Organisatoren freilich nicht beabsichtigt, und schließlich wurde die Diskussion wieder zurück auf den nationalen Kampf geführt. Doch die Anliegen, die von einigen der palästinensischen Teilnehmer angesprochen wurden, machten mir bewusst, wie sehr die ganze Angelegenheit des nationalen Kampfes stets vermännlicht und in den Vordergrund gerückt wird, während Fragen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit aufgrund des Geschlechts als irrelevant vernachlässigt werden. Ich war fasziniert zu sehen, dass Geschlechterfragen nicht nur als nebensächlich betrachtet, sondern in diesem Stadium des palästinensischen Kampfes insgesamt als unwichtig abgewiesen wurden.

Eine Palästinenserin vertrat den kritischen Standpunkt, dass palästinensische Frauen ohne Zweifel unterdrückt würden: außerhalb ihrer Wohnungen von den israelischen Behörden und innerhalb ihrer Wohnungen von ihren eigenen Männern. Ich stimme ihr voll und ganz zu; doch ich möchte dem, was sie ausführte, noch etwas hinzufügen über die Angelegenheit der Geschlechterunterdrückung in Palästina.

Die palästinensische Gesellschaft ist, wie alle arabischen Gesellschaften, ausgesprochen patriarchalisch. Vorstellungen von Ehre und Schande sind von ausschlaggebender Wichtigkeit in ihrer Weltsicht, ebenso wie in ihrem Verständnis von ihrer persönlichen Identität und Lebensführung. Die Ehre ist männlich bestimmt, deren Verlust hängt aber immer vom Verhalten der Frauen ab. Der Verlust der Ehre bringt Schande über die ganze Familie, und ausschließlich das Verhalten der Frauen und ihre moralische Lebensführung kann den Verlust der Ehre herbeiführen. Solche Ansichten und ein solches Glaubenssystem könnte man als spezifisch für die arabischen Gesellschaften ansehen und kritisieren, doch kann man solche Ansichten in unterschiedlichem Ausmaß in fast jeder Gesellschaft auf der Welt finden.

In der palästinensischen Gesellschaft nimmt das geschlechtsspezifische Verhalten allerdings ein erhebliches Ausmaß an. Solche Ansichten sind verantwortlich für viele soziale Verbrechen wie Ehrenmorde, Misshandlung von Frauen, Verheiratung von Kindern, Polygamie etc.

Als wir von Jerusalem nach Jericho zurückfuhren, wurde uns eine palästinensische Frauenrechtsaktivistin vorgestellt. Sie war mit einem der Organisatoren des Camps befreundet und daher gekommen, um uns zu treffen und uns ihre Erfahrungen mitzuteilen. Die Anliegen, die sie zur Sprache brachte, waren von größter Wichtigkeit für eine Nation im Entstehungsprozess.

Sie erzählte uns von ihrem Leben und wie sie darum kämpfen musste, eine Existenz in Würde zu führen.

Sie wurde in sehr jungem Alter verheiratet und wurde Mutter, als sie die Bedeutung einer Mutterschaft noch kaum verstehen konnte. Ihr Eheleben war unerträglich, weil ihr Mann zu häuslicher Gewalt neigte und sie jeden Tag schlug. Nach ihrer Heirat brachte sie innerhalb weniger Jahre vier Kinder zur Welt, doch das änderte die Einstellung ihres Ehemannes kein bisschen. Nach langem Kampf und viel Leid schaffte sie es, sich scheiden zu lassen. Für diesen Entschluss wurde sie von ihrer Familie und der Gesellschaft bestraft, doch gab sie den Kampf entgegen aller Widerstände niemals auf. Jahre später heiratete sie noch einmal, und heute leitet sie eine Organisation für Frauenrechte.

Sie erzählte uns weiterhin, dass viele palästinensische Frauen zu Hause solchen Gewalterfahrungen ausgesetzt sind. Doch nur wenige bringen den Mut auf zu dem Entschluss, daraus auszubrechen. Die patriarchalische Einstellung ist tief verwurzelt in der palästinensischen Gesellschaft, und daher wird unabhängiges Verhalten von Frauen selten toleriert. Mehr noch, Männer werden als die Hüter der Familienehre angesehen, als den Frauen in jeglicher Hinsicht überlegen. Von Frauen wird dagegen erwartet, sich in der Öffentlichkeit auf eine ganz bestimmte Art zu verhalten, und zu viel Interaktion mit Männern gilt als unanständig. Ein solches Glaubenssystem führt zu vielen verschiedenen Formen von Diskriminierung gegenüber Frauen in der palästinensischen Gesellschaft.

Mir war die Situation der Frauen in der palästinensischen Gesellschaft auch zuvor schon nicht völlig unbekannt, ich hatte über dieses Thema in Büchern gelesen. Der Austausch mit einer palästinensischen Delegation aus Schriftstellern und Filmemachern, die Indien besucht hatte, bestätigte die Existenz von Gewalt gegen Frauen und deren Zunahme.

Mir wurde erzählt, dass Gewalt gegen Frauen sowohl in den palästinensischen Flüchtlingslagern als auch unter den palästinensischen Einwohnern Israels zunimmt. Der Grund für dieses gewalttätige Verhalten ist das wachsende Gefühl von Machtlosigkeit unter palästinensischen Männern, die üblicherweise mit der Anforderung sozialisiert werden, innerhalb ihrer Gesellschaft die Rolle von Machthabern einzunehmen.

Dieses Gefühl der Machtlosigkeit wird übersetzt in gewalttätiges Verhalten gegenüber Frauen. Das ist das einzige Gebiet, in dem sie ihre Dominanz und ihre Kontrolle, die sie unter der Besatzung fast verloren haben, noch durchsetzen können. Doch als ich Palästina besuchte, wurde es zunehmend schwierig für mich, die Komplexität der Geschlechterthemen zu verstehen und anzuerkennen.

Ich beobachtete, dass die Trennung von männlichen und weiblichen Räumen und Rollen in der palästinensischen Gesellschaft zwar existiert, aber nicht in derselben Schärfe wie in anderen arabischen Gesellschaften vorhanden ist. Die männlichen und weiblichen Teilnehmer unseres Jugendcamps wurden in völlig verschiedenen Gebäuden untergebracht und durften den jeweils anderen Bereich nicht betreten. Doch diese Trennung war aufgehoben, während wir im Bus saßen. Palästinensische Jungen und Mädchen saßen zusammen, tanzten miteinander und genossen die Gesellschaft der anderen.

Daher kann man die Geschlechtertrennung und die Unterdrückung, die sich in der palästinensischen Gesellschaft etabliert hat, nicht auf den ersten Blick sehen und mit Entschiedenheit kritisieren. Tatsächlich werden viele Formen der Unterdrückung von Frauen als Notwendigkeit für den nationalen Kampf gerechtfertigt. So wird zum Beispiel unter Palästinensern einer hohen Geburtenrate größte Wichtigkeit als politisches Werkzeug beigemessen. Das ist im israelisch-palästinensischen Kontext verständlich, weil Bevölkerungswachstum für das Überleben als Gemeinschaft ziemlich relevant ist. Die Geburtenrate ist sowohl unter Israelis als auch unter Palästinensern recht hoch.

Von palästinensischen Männern wird als Vertreter ihrer Nation erwartet, dass sie aktiv dazu beitragen, die palästinensische Bevölkerung zu vergrößern, während die israelische Besatzung versucht, diese zu begrenzen. Die nationale Strategie für die Ausdehnung der palästinensischen Bevölkerung verlangt von den Frauen als zentrale Aufgabe im Befreiungskampf den Einsatz ihrer Gebärfähigkeit. Das Problem ist jedoch, dass solche Ziele die Körper der Frauen zu Kampfgebieten machen und ihnen die Kontrolle über ihre eigenen Körper wegnehmen. Viele Formen dieser Unterdrückung bleiben versteckt und sind daher nicht leicht nachvollziehbar.

Dennoch darf man die palästinensischen Frauen nicht als schwach und fügsam ansehen. Jede Palästinenserin, der ich in diesem Land begegnete, war von beeindruckender Scharfsinnigkeit. Sie alle hatten ein gutes Verständnis von der politischen Situation und sehr klare Meinungen darüber, wie der nationale Kampf fortgeführt werden sollte. Sie sind stark und mutig. Sie haben erlebt, wie ihre Familienmitglieder vom israelischen Militär gefoltert und gedemütigt wurden. Palästinensische Frauen haben gesehen, wie ihre Kinder vor ihren Augen getötet wurden. Doch sie geben nicht auf und stellen sich der Besatzungsmacht entgegen.

Sie haben ihre Söhne dem nationalen Kampf geopfert. Sie haben sich abgerackert, um ihren Teil zum Befreiungskampf beizutragen. Sie bleiben nicht zu Hause sitzen, sondern beteiligen sich aktiv an den Widerstandsaktivitäten und der Politik. Tatsächlich haben Palästinenserinnen seit Beginn des Konflikts wichtige Führungsrollen im nationalen Kampf übernommen. Jedes palästinensische Mädchen wird darauf trainiert, mental oder sogar physisch für die Nation zu kämpfen.

Dennoch können wir die Tatsache, dass die Unterdrückung von Frauen existiert, nicht ignorieren und behaupten,  im Verhältnis der Geschlechter sei alles ganz prima. Tatsächlich gibt es eine Menge Dinge in diesem Bereich, die innerhalb der palästinensischen Gesellschaft angesprochen gehören. Nach meiner Interaktion mit den Palästinenserinnen wurden viele Dinge, die mir zuvor überhaupt nicht bewusst waren, nachvollziehbar – während viele andere Angelegenheiten, von denen ich dachte, ich hätte sie wirklich gut verstanden, viel unklarer.

Jede Gesellschaft hat zahllose interne Problempunkte. Doch sie gehören angesprochen und nach und nach gelöst, anstatt als unwichtig abgetan zu werden.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Gender-Politik in der palästinensischen Gesellschaft Gender-Politik in der palästinensischen Gesellschaft Sumana Singha CC BY-SA 4.0

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