Schlafende Kinder in der Mulberry Street

Man hat schließlich Standards …

Unser Alltag ist von endlos wiederholten Erinnerungen daran durchsetzt, wie ein erfolgreiches Leben auszusehen hat. Kleine Abweichungen von diesem Bild mögen noch als liebenswerte menschliche Unvollkommenheit toleriert werden. Ihm aber überhaupt nicht zu entsprechen – oder am Ende gar nicht entsprechen zu wollen -, löst bei anderen jedoch einen Impuls der Feindseligkeit aus. Das ist kein Wunder, da Gruppenkonsens uns Menschen heilig ist – und gerade ein Bruch der unausgesprochenen Gesetze (die man nicht kritisieren und hinterfragen kann, weil sie implizit sind) stellt eines der größten Tabus dar.

Je unlogischer ein Gebot ist, desto stärker müssen Abwehr und auch Selbstzensur sein, wenn eine Gruppe ihre Einigkeit nicht verlieren will. Man darf sich zwar verschieden (ver-)kleiden und damit vermeintlichem Individualismus frönen, vom Mainstream zu stark abweichende Meinungen sollte man jedoch tunlichst vermeiden. Die Meinung, dass Armut keineswegs selbstverschuldet ist, gehört zu diesen unpopulären Ideen und wird ungeduldig zur Seite gewischt. Dieser den Konsens über die Wahrheit stellende Mechanismus mag in kleinen Stammesgemeinschaften für Frieden sorgen, in unserer vernetzten und (genau durch unsere Trägheit im Umdenken) ernsthaft gefährdeten Welt ist er jedoch vollkommen fehl am Platze.

Das Feigenblatt der Uninformiertheit

Wir verschließen vor unübersehbaren Problemen die Augen, weil alle anderen es auch tun und wir nicht als Querulanten gesehen werden wollen … und entschuldigen damit das Fortbestehen der schrecklichsten Verbrechen an unseren Mitmenschen.

Wir glauben bereitwillig die dünnsten Erklärungen, die uns weismachen wollen, dass all das weltweite Elend unausweichlich und unabänderlich sei. Die Unwahrheit dessen beginnt allein schon damit, dass wir, der Westen, den Rest der Welt ausbluten und in Knebelverträgen halten, dass wir zehnmal mehr verbrauchen als uns zusteht und die bittere Armut anderswo direkte Folge des Reichtums hierzulande ist.

In Wirklichkeit, so sagen wir uns, sind die Einwohner armer Länder einfach faul und unorganisiert – und da wir sie nicht kennen, fällt es leicht, diese Selbsttäuschung aufrecht zu halten. Wir wollen aber auch nicht hören, dass mitten unter uns Menschen leben, die von Kindesbeinen an keine Chance auf ein glückliches, produktives und erfolgreiches Leben hatten.

Kenne deinen Platz …

Vielleicht sind dies Reste der mittelalterlichen Denkschule, welche Reichtum mit Gottes besonderer Zuneigung gleichsetzte, während Armut als eine Prüfung der Demut dargestellt wurde. Wer aufbegehrte, widersetzte sich somit direkt dem Willen des Herrn – überaus praktisch für die Wohlhabenden, die ihre Untergebenen somit ungestraft ausbluten lassen durften. In unserer aufgeklärten Welt wurde an dieser Stelle Gott durch den Mythos von Glück und Strebsamkeit ersetzt, der völlig außer Acht lässt, dass man mit noch so harter Arbeit schlichtweg nicht unendlich viel Benachteiligung wettmachen kann und obendrein über kurz oder lang die Kraft verliert, wenn man genau weiß, dass man nicht fair entlohnt wird. Jedem Realitätssinn zum Trotz glauben wir auf verschwommene Weise, dass arme Menschen einfach nur ihre Chancen nicht genutzt haben und somit schon irgendwie dort hingehören, wo sie sind. Wir ignorieren sie als Personen und setzen keinerlei Schritte, um etwas an der Verteilungsungerechtigkeit zu ändern.

Wer sind die ewigen Verlierer und wie sind sie in ihre Lage gekommen?

Was wir vor uns sehen, wenn wir einen gescheiterten Menschen anschauen, ist die Folge jahrelanger Zermürbung. Niemand entscheidet sich aus freien Stücken für ein Leben ohne Sinn, Antrieb und Respekt seitens der Mitmenschen – es steckt immer eine Geschichte voll missglückter Versuche und unglücklicher Umstände dahinter. Bei Menschen aus wirtschaftlich vollkommen maroden Ländern ist der Mangel an Chancen vielleicht noch einigermaßen nachvollziehbar (minus dem „faul und unorganisiert“-Faktor) …

Doch was ist mit den Ausgestoßenen unserer eigenen „reichen“ Gesellschaft? Ein Großteil derer, die einfach nicht vorankommen können, hatte schlichtweg eine trostlose, traumatisierende Kindheit, deren Folgen ihnen ständig Kraft abziehen und sie in schlechte Entscheidungen treiben. Aus der Perspektive eines erfolgreichen Menschen mag es sich weinerlich anhören, wenn jemand die Gründe für eine aktuelle prekäre Situation in so weit zurückliegenden Ungerechtigkeiten sucht – doch jede Statistik bestätigt es:

Ein schlechter Start bedeutet schlechtes Rüstzeug für soziale Interaktion, häufig auch Aufmerksamkeitsdefizite und Wissenslücken und schlichtweg eine grundlegende Sorgenlast, die andere Kinder nicht haben. Dies bringt Probleme in der Schule, die sich immer weiter akkumulieren, anstatt besser zu werden, und den Zugang zu höherer Bildung verwehren – davon abgesehen, dass Eltern in Geldnot oft nicht wollen, dass ihre Kinder nach der Pflichtschule weitere Zeit im Bildungssystem verbringen, anstatt auszuziehen oder finanziell mitzuhelfen.

Jede Leistung eines solchen Kindes ist dreimal härter erkämpft als für andere.

Zu behaupten, jeder hätte die gleiche Chance, sich ein gutes oder gar reiches Leben zu erarbeiten, ist die gigantische Lüge, auf der der soziale Friede aufbaut.

Ja, auch ein Kind aus ärmsten Verhältnissen kann Erfolg haben, wenn es zufällig außergewöhnlich klug, ideenreich, lernwillig, fleißig, willensstark und dazu noch gesund und belastbar ist. Das trifft aber schon in der Mittelschicht auf kaum jemanden zu – wie viel weniger wahrscheinlich ist es für Kinder aus armen Verhältnissen (denn ständige Angst vor Mangel lässt – aus mehreren Gründen – auch geistig verarmen)?

So lange die Kinder reicher Eltern reich bleiben – gleichgültig, ob sie auch nur eine einzige positive Eigenschaft haben – während Menschen aus der Mittelschicht sich mit lebenslangem, manischem Fleiß gerade noch über Wasser halten oder mit viel Glück vielleicht zu bescheidenem Wohlstand kommen, Menschen aus prekären Verhältnissen jedoch immer mittellos bleiben (außer, sie sind der eine unter Tausend, dem Begabungen und Glück das goldene Ticket bescheren) … so lange gibt es im Zentrum unserer Gesellschaft eine so riesige Ungerechtigkeit, dass uns nur zwei Wege bleiben: Wir können die Augen verschließen, das Tabu achten und das Problem dadurch mittragen – oder versuchen, etwas zu ändern und damit leben, dass wir und unsere Ansichten in selbstgefälliger Ignoranz belächelt werden.

Credits

Image Title Autor License
Budapest "Keleti", August 2015 Budapest „Keleti“, August 2015 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Schlafende Kinder in der Mulberry Street Schlafende Kinder in der Mulberry Street Kelly Short Public Domain Mark 1.0

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