Die letzten Nomaden in Nepal: die Raute

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Einhergehend mit dem kontinuierlichen Fortschritt in der Technologie, den unbegrenzten Entdeckungen und den rasanten Entwicklungen erreichte die heutige Welt ihren Höhepunkt: Fortschritt und Modernisierung. Das Leben der Menschen ist so einfach und luxuriös geworden, dass die Menschen ein Leben nach Traumvorstellung führen. Alles, was in der Vergangenheit unvorstellbar zu sein schien, ist jetzt nicht nur möglich, sondern auch zur täglichen Gewohnheit des Menschen von heute geworden. Trotz der Wunder, die diese modernen Welt mit sich bringt, gibt es da aber noch einige Fakten und unbemerkte Realitäten, die uns dazu veranlassen, uns selbst kneifen zu wollen und uns dazu verpflichten, auch über sie zu berichten.

Eine dieser unbemerkten Tatsachen ist die erheblich vom Aussterben bedrohte Ethnie in Nepal, von der ich an dieser Stelle berichten möchte: Sie ist als “Raute” bekannt und das letzte Nomadenvolk Nepals.

Der Lebensstil und die Traditionen der Raute sind so einzigartig und primitiv, dass man es gar nicht glauben möchte. In diesem Artikel möchte ich mehr über diese Menschen in Nepal erzählen, die vom Aussterben bedroht sind, ihr Nomadenleben aber mit viel Würde und Stolz im Westen Nepals führen.

Raute, auch bekannt als Banraja (Könige des Waldes), Raji (Kleine Herrscher), Banrawal (Rawal des Waldes), Banmanchea/Banmanus (Menschen des Waldes), Jangali (im Wald Lebende) und Rautya sind eine von der Regierung Nepals offiziell anerkannte nomadische Volksgruppe. Die Geschichte spricht von der Existenz der Raute seit mehr als 200 Jahren, und man sagt, dass sie Teil der tibeto-burmanischen Volksgruppe seien. Raute sprechen Khamchi, dessen Grundsprache auf der Bhot-Burmess-Sprache basiert. Khamchi – das heißt “unser Gespräch” – ist eine Sprache, die der Chepang-Sprache ähnelt. Chepang ist eine Sprache, die von den Chepangs gesprochen wird – einer der mongolischen Gemeinschaften in Nepal in der Himalaya-Region.

Die tatsächliche Einwohnerzahl der Raute ist immer noch unbekannt, aber die Volkszählung von 2011 in Nepal ergab 618 Personen – derzeitige Schätzung: 150. Diese Tatsache wurde in verschiedenen Zeitungsartikeln erwähnt. In Nepal sind die Raute die permanenten Bewohner von West-Nepal. Obwohl Raute immer an den verschiedensten Orten vorzufinden sind, leben sie vorwiegend in Teilen der folgenden Distrikte: Dailekh, Jajarkot, Surkhet, Salyan, Kalikot, Achham, Jumla, Darchula und Baitadi.

Traditionell feiern Raute Feste wie Nagpuja, Masto und Bhairab Puja und sind große Verehrer von Bhuyar (dem Jagdgott) und der Natur (Sonne, Fluss und Wald). Der Glaube der Raute beinhaltet, dass ihr Hauptgott, Bhuyar, nicht wünsche, dass sie mit Außenstehenden in Kontakt treten, sonst würde er wütend und das Volk nicht mehr mit Lebensmitteln und ihrer Siedlung versorgen.

Raute kämpfen immer noch im Wald um ihr Überleben, das aus Jagen, Sammeln und Tauschhandel besteht. Deshalb kann man ihr Leben als kampfträchtig und auch sehr primitiv bezeichnen. Die Lebensweise der Raute orientiert sich an vier Grundprinzipien: keine Landwirtschaft oder Viehzucht, keine Bildung, kein Geld und keine dauerhafte Ansiedlung.

Raute führen eine Tradition: Sie ziehen alle sechs bis acht Wochen weiter, weil sie glauben, dass ein längerer Aufenthalt an einem Ort den Wald zerstören oder beschmutzen könne – ihre Bindung zum Wald ist sehr intensiv. Der letzte Ort, den sie verlassen, könne so ausreichend regenerieren, weil sie eben viele verschiedene Orte in verschiedenen Distrikten als vorübergehenden Lebensort wählen.

Ein weiterer Grund, warum sie in so kurzen Abständen umziehen, ist, den Konflikt mit den Menschen und Dorfbewohnern in der lokalen Gemeinschaft zu vermeiden. Einheimische erlauben den Raute nicht, Bäume zu fällen, die ihrem Gebiet oder Territorium angehören, obwohl die Waldnutzung von der nepalesischen Regierung offiziell genehmigt wurde. Doch warum fällen Raute Bäume? Sie sind völlig abhängig von Holz und den daraus hergestellten Produkten. Sie fällen verschiedene Baumarten zur Holzproduktion und verkaufen oder tauschen sie gegen Getreide.

Raute verhalten sich einer Möglichkeit der Staatsbürgerschaft und dem Wahlrecht gegenüber ablehnend. Sie sind der Meinung, dass ein Staatsbürgerschaftsnachweis nur für Grundbesitzer bestimmt sei, und das wiederum widerspreche ihrer Tradition. Sie denken, es sei Sünde, Samen zu säen. Raute verwehren sich gegen Beruf und Job. Noch bevor Raute sich an einem neuen Ort niederlassen, begeben sie sich auf die Suche nach einem großzügigen Gebiet, einem dichten Wald mit den notwendigen Bäumen und frischen Wasserquellen. Heute hausen sie in provisorischen Zelten, wohingegen sie in der Vergangenheit in strohbedeckten Hütten lebten. Ihre provisorischen Zelte sind mit hölzernen Zweigen befestigt oder mit Blättern und Tüchern bedeckt. Raute besitzen nur ein Beil, eine Axt und einen Meißel für wilde Waldknollen, Früchte und Grünflächen. Sie stellen Hütten aus Zweigen, Planen und Blättern her.

Raute heiraten nur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Frauen dürfen keine Lebensmittel essen, die von Menschen außerhalb ihrer Gemeinde angefasst wurden. Witwer dürfen wieder heiraten, aber keine Witwen. Ihre Familienstruktur ist traditionell. Wenn jemand in der Familie verheiratet ist, muss er in ein neues Zuhause umziehen und ein neues Leben als Paar beginnen, auch wenn seine Eltern alleine zurückbleiben. In einer Raute-Gemeinschaft dürfen Frauen nicht am Gottesdienst teilnehmen.

In der Tradition der Raute ist auch fest verankert, an einen neuen Ort zu ziehen, wenn jemand innerhalb ihrer Gemeinschaft stirbt. Der tote Körper eines Raute wird bekleidet und zusammen mit dessen Besitz in einem Netz – ein Fangnetz für Affen – begraben. Alle Mitglieder der Raute-Gemeinschaft, ob alt, jung, Kinder oder Eltern, sind dazu verpflichtet, ihr Hab und Gut an einen neuen Ort mitnehmen. Raute tragen ihr ganzes Leben lang keine Schuhe oder Hausschuhe. Wo auch immer sie hinziehen: Sie gehen barfuß. Raute lehnen Medizin aber, aber heutzutage sympathisieren sie sukzessive mit Medizin und Geld.

Fortsetzung folgt …

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

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