Die Liebe zum Lesen

Die Liebe zum Lesen

Schon der bloße Anblick von Büchern macht mich glücklich und zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Wenn ich sie berühre, empfinde ich etwas tief in meinem Inneren. Es fühlt sich an wie eine Verbindung, die begierig ist zu wachsen, eine Verbindung zwischen mir und jemandem, den ich noch gar nicht kenne. Und in dem Moment, in dem ich ein Buch in die Hand nehme, um es zu lesen, weiß ich, dass ich neue Bekannte habe, die mich umgeben und die für ein paar Tage alles für mich sein werden. Einige mögen sich nach und nach in dünne Luft auflösen, während andere für den Rest meines Lebens in mir lebendig sein werden. Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, freunde ich mich mit jemandem an; ich sehe mich selbst in ihm oder kann mich völlig in ihn hineinversetzen und mit ihm fühlen. Dieser Jemand kann eine Figur in einer Erzählung sein oder auch der Autor selbst.

Manchmal wünsche ich mir, der Autor wäre mein Freund. Ein Freund, der auf dieselbe Art fühlt wie ich und dem ich mein Herz öffnen kann. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn jemand sagt, dass die Figuren einer Geschichte oder eines Buches in unserem Verstand lebendig zu werden beginnen. Sie bauen ihr Zuhause in uns auf und beeinflussen die Art, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Sie verleihen unserem Leben ihre Erfahrungen. Ja, sie fügen unseren Erfahrungen etwas hinzu.

Ich stimme William Styron absolut zu, der sagte:

Ein wirklich gutes Buch sollte dich mit vielen Erfahrungen zurücklassen und ein wenig erschöpft am Ende. Du lebst mehrere Leben, wenn du liest.

Ich glaube, dass Lesen einem nicht nur die Welt um einen herum bewusst macht, sondern auch die eigene Realität.

Die meiste Zeit über sind wir uns der Feinheiten unserer Gefühle nicht bewusst. Wir mögen uns aus verschiedenen Gründen dafür entscheiden, viele unserer verworrenen Gefühle zu ignorieren. Doch eines Tages nehmen wir plötzlich ein Buch, und während wir es lesen, stoßen wir auf ein paar Zeilen oder Sätze und stellen fest, dass sie die exakte Manifestation unserer Gefühle sind. Der Gefühle, die wir ignorierten oder von denen wir dachten, dass nur wir sie hätten und niemand sonst.

Manchmal fühlt es sich seltsam an, und manchmal verblüfft es mich, dass eine Person, der wir nie begegnet sind oder die vielleicht sogar längst gestorben ist, genau das in Worte gefasst hat, was ich einmal gefühlt habe oder die ganze Zeit über empfinde. Solche wunderbaren Erlebnisse, die das Lesen mit sich bringt, machen uns demütig und trösten uns gleichzeitig. Schon das Bewusstwerden der Tatsache, dass unsere Gefühle, unser Schmerz und unsere Probleme in dieser Welt keineswegs einzigartig sind, ist eine wichtige Erfahrung. Es lässt unseren Schmerz und unsere Probleme banal und unserer Aufmerksamkeit und Energie nicht wert erscheinen.

Doch das Lesen ist nicht nur die Erfahrung, viele Leben in einer Lebenszeit zu führen, es ist auch ein Pfad in Richtung Transformation.

Es war das Lesen, das mir klarmachte, dass das Leben irrational ist. Das mir half, Frieden zu schließen mit vielen Unbegreiflichkeiten des Lebens. Und es war auch das Lesen, das es mir erleichterte, viele schmerzvolle Dinge zu bewältigen. Durch das Lesen wurde mir die Existenz vieler Erfahrungen bewusst, die ich noch gar nicht gemacht hatte. Und so konnte ich eines Tages, als ich diesen Erfahrungen dann tatsächlich begegnete, sanft durch sie hindurchschweben. Das Lesen kann dich wahrhaftig davor bewahren, deine Realität, dein gebrochenes Herz und deinen Schmerz zu verleugnen.

Und es war auch das Lesen, das viele meiner Wunden heilte. Ich fühlte mich erleichtert und geheilt, als ich Texten begegnete, die genau die Situationen beschrieben, von denen ich dachte, dass sie nichts weniger als eine Tragödie seien. Es fühlt sich besser an zu wissen, dass das Leben jeden seltsam und ungerecht behandelt. Nicht nur mich.

George Orwell sagte einst:

Die besten Bücher (…) sind die, die dir sagen, was du schon weißt.

Doch ich glaube, die besten Bücher sagen uns auch Erfahrungen voraus, die wir noch gar nicht gemacht haben. Tatsächlich glaube ich, dass das Lesen uns zeigt, wer wir sind. Durch das Kennenlernen anderer Leute, durch das Kennenlernen dessen, was sie denken, fühlen und tun; durch das Kennenlernen ihrer Verschrobenheiten lernen wir unsere eigenen zu verstehen, wir lernen, „wer wir sind“ und „wer wir werden könnten“.

Ein weiterer Grund, warum ich das Lesen so sehr befürworte, ist, dass es unserer Vorstellungskraft Flügel verleiht.

Denkst du nicht auch, dass das Lesen ein ebenso kreativer Prozess ist wie das Schreiben? Lesen ist immer verbunden mit dem Prozess aktiver Imagination. Der Autor mag dem Leser den Rahmen einer Geschichte vorgeben, die Figuren, die Situationen und die Gefühle. Aber meinst du nicht, dass es der Leser ist, der das Wesentliche jeder Emotion, jeder Figur und jeder Situation in seiner Vorstellung ausarbeitet?

Ich liebe das Lesen, weil es mir hilft, dem Alltäglichen zu entkommen. Ich liebe die Flügel, die es verleiht. Ich liebe die Art, wie es uns in eine andere Welt entführen kann. Man kann so durch die ganze Welt reisen, während man in seinem Zimmer sitzt. Ich liebe die Art, wie es unsere Erfahrungen und unser Wissen über das Leben erweitert. Ich liebe die Art, wie das Lesen Gefühle von Sympathie und Mitgefühl für Menschen entzündet, denen ich nie begegnet bin, und für Fremde, die ich so gut kennengelernt habe.

Ich finde, dass Bücher die Ketten der Zeit zerreißen. Sie lassen Menschen aus einer fernen Epoche zu dir sprechen und verbinden dich mit ihnen. Sie werden zu Kanälen, durch die sie von einem fernen Land, einer fernen Zeit zu uns gelangen können, mit ihren Erfahrungen und ihren Lebenswirklichkeiten. Ihre Stimmen hallen in unseren Köpfen nach und schlagen Wurzeln in unserer Seele. Ich stimmte schon immer mit diesen Worten Carl Sagans überein: „Lesen ist eine Reise durch die Zeit.“

Wir lesen, um zu lernen, um Wissen zu sammeln, um zu verstehen, um zu erfahren.

Ja, das Lesen war einst eine beängstigende Erfahrung für mich, doch nun ist es meine große Liebe. Ich lese jetzt aus reiner Freude daran. Ich lese für den Trost, den es mir gibt. Ich lese, weil das Lesen oft meine Überzeugungen, meinen Glauben, meine Weltsicht tief erschüttert hat – und immer wieder zu etwas viel Besserem erneuerte.

Fiktionales oder Nichtfiktionales, Historisches oder Liebesgeschichten, Fakten oder Erfindung … lest einfach! Lest und lasst euer Gefühl entscheiden.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

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Die Liebe zum Lesen Die Liebe zum Lesen Sumana Singha CC BY-SA 4.0