Die verspielte Welt: Im Gespräch mit Arik Brauer und Paul Lendvai

Veranstaltungsdaten

Datum
9. 1. 2020
Veranstalter
BSA - Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen
Ort
BSA-Generalsekretariat
Veranstaltungsart
Dialog

Die erste BSA-Veranstaltung 2020 brachte unter dem Titel „Die verspielte Welt: Im Gespräch mit Arik Brauer und Paul Lendvai“ 2 Kosmopoliten zusammen:

Prof. Arik Brauer, seines Zeichens u. a. Maler, Grafiker, Sänger und Dichter, und Prof. Paul Lendvai, der seit Jahrzehnten als Journalist, Moderator und Autor in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Moderiert wurde das Gespräch der beiden von Matthias Vavra, dem Vorsitzenden des BSA-Döbling.

Die Gesprächsrunde stand unter dem Motto „Europa im Umbruch: Erinnerungen, Begegnungen und Analysen zweier Zeitzeugen“ und zu Beginn ging es um die Frage wie die beiden Ihre Jugend erlebt haben.

Arik Brauer wurde am 4. Jänner 1929 in Wien geboren. Brauers jüdischer Vater war aus Wilna nach Wien gekommen und bewunderte die Leistungen der Sozialdemokratie in Österreich. Als Kind wuchs Arik in einer Zinskaserne in Wien Ottakring auf und er erinnert sich noch sehr gut an den Bürgerkrieg im Februar 1934, denn im Gemeindebau, in dem er lebte, waren Schüsse zu hören und Brauers Mutter hatte zum Schutz der Familie Matratzen ins Fenster gesteckt.

Wegen der Kämpfe fiel das Faschingsfest im Kindergarten aus, daher wurde Brauer Antifaschist, „so einfach ist das“ erklärt er.

Paul Lendvai wurde am 24. August 1929 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren und wuchs in Ungarn auf. 1944 wurde er zusammen mit seinem Vater verschleppt und wurde vor einem Todesmarsch nach Österreich bewahrt, dank eines Schweizer Schutzpasses überlebte er in Budapest.

Sozialdemokrat wurde er laut eigener Aussage durch einen Zufall da sein Vater wollte, dass alle in der Familie einen Ausweis bekommen und so wurde Paul mit 16 Jahren in der Sozialdemokratie in Ungarn aufgenommen.

Nach dem 2. Weltkrieg und einem anschließenden Jurastudium schrieb Lendvai als Journalist bei sozialdemokratischen Zeitungen im kommunistisch regierten Ungarn. 1953 wurde er zu Unrecht als Trotzkist in Umgarn verhaftet und erhielt drei Jahre Berufsverbot. Im Zuge des Ungarn-Aufstandes floh er aus Ungarn über Prag und Warschau nach Österreich und kam am 4.2.1957 in Wien an.

Lendvai bekennt, dass er die schmerzhafte Zeit des Nationalsozialismus persönlich verdrängt hat und für ihn ist klar, dass man durch die Erlebnisse in dieser Zeit persönlich belastet ist. Für ihn sind antisemitische, fremdenfeindliche Äußerungen in der Gesellschaft daher absolute No-Gos.

Arik Brauer verbrachte laut eigener Aussage eine glückliche Kindheit, er hat auf Zimmer/Küche gewohnt, Wasser und Klo waren am Gang, er war nie hungrig und gehört damit auf eine gewisse Art zu den Gstopften, denn viele Menschen haben in den 30er Jahren gehungert. Er überlebte die Nazizeit in Wien und das Jahr 1945 hat er als Befreiung erlebt. Sein Leben begann für ihn mit der Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste als Student mit 16 Jahren.

5 Jahre lang war Brauer in der Nachkriegszeit glühender Kommunist, er brach dann aber mit dieser Ideologie und fühlt sich seither der Sozialdemokratie verbunden.

In Wien schrieb Lendvai unter verschiedenen Pseudonymen für führende österreichische Zeitungen. Der renommierte Journalist erzählt, dass er nie Mitglied der Sozialdemokratie in Österreich war, dennoch durfte er zusammen mit einem Kollegen die erste Kreisky Biografie schreiben. Lendvai hatte eine sehr innige Beziehung zu Bruno Kreisky und für ihn ist Kreisky der herausragendste Staatsmann Österreichs.

Er selbst sieht sich als kritischen Beobachter der Entwicklung der Sozialdemokratie und betont, dass er vor allem über internationale Politik schreibt und sich daher nur sehr selten in innenpolitische Belange einmischt.

Auf die Rolle und Bedeutung Europas angesprochen macht Brauer klar, dass Europa gelingen muss, um der Welt willen. Für Ihn sollte wegen der globalen Probleme eine Weltdemokratie entstehen. Die politische Rechte lebt in deren alten Idealen des 18., 19. und 20. Jahrhundert, der Nationalismus kann die Probleme der Zeit aber nicht lösen.

Prof. Lendvai betont, dass Europa ein schillernder Begriff ist, die EU die größte Erfolgsstory in der modernen Geschichte ist, aber Erfolgsstories auch nicht ewig dauern. Den Bürgern Europas empfiehlt er, sich eine Liste zu machen, wie das Leben ohne die EU aussehen würde…

Für Lendvai ist klar, dass Europa in Gefahr ist, in Ungarn z. B. ist die Demokratie jedenfalls gefährdet. Das Ibiza Video wäre in Ungarn nicht veröffentlicht worden und Lendvai erinnert an Orbans Freunderlwirtschaft und Korruption, die z. B. dazu geführt hat, dass ein ehemaliger Schulfreund Orbans, der Installateur gelernt hat, nun 1 Milliarde Dollar Vermögen besitzt.

Zum Konflikt zwischen George Soros und Viktor Orban erklärt Lendvai, dass Soros einige Milliarden seines Vermögens für mildtätige und gesellschaftspolitische Zwecke gespendet hat und es sachlich keine Gründe für die Kampagne von Orban gegen Soros gibt.

Positiv sind für Lendvai die Ergebnisse der jüngsten Präsidentenwahlen in Kroatien und in der Slowakei und er erinnert daran, dass in der Kommunikation Krisen öfter benannt werden als Erfolge.

Nichts kann in der Geschichte vorausgesagt werden (siehe z. b. das Ibiza Video). Der Ibiza Skandal ist damit auch ein Beispiel für das Glück, dass etwas passieren kann, dass einen positiven Wendepunkt in der Geschichte bewirkt. Für Österreich benennt Lendvai zudem die Wahl von Alexander Van der Bellen als einen der positiven Wendepunkte der jüngeren Geschichte.

Der Osteuropaexperte macht aber auch darauf aufmerksam, dass die Gefahr besteht, dass man aus der Geschichte eben nichts lernt. Es gelte daher wachsam zu sein, denn „die Dummheit und das Böse sind international“ und er erklärt, dass der Zynismus heute eine der wichtigsten Erscheinungen ist.

Für Arik Brauer ist der Niedergang der Sozialdemokratie in Europa eine Gefahr für das politische Gefüge. Zum Thema Antisemitismus in Europa erklärt der Künstler, dass es sowohl einen europäischen Antisemitismus als auch einen arabischen Antijudaismus gibt. Der europäische Antisemitismus ist 1000 Jahre alt, es gibt ihn nach wie vor, doch aus der Sicht von Brauer gibt es keine zahlenmäßig relevante jüdische Bevölkerung mehr in Österreich. In Frankreich ist der Antisemitismus arabisch stämmiger Franzosen politisch relevant, da es eine größere jüdische Gemeinde gibt. Ansonsten betrachtet Brauer den europäischen Antisemitismus als politisch bedeutungslos. In Israel ist der arabische Antijudaismus real und hat Hand und Fuß und ist aus der Sicht Brauers lebensgefährlich.

Für Lendvai ist die Gefahr, die von Neonazis in Europa ausgeht, real, international bereitet ihm u. a. die lückenlose digitale Überwachung in China Sorgen.

Konrad Adenauer hat off record in einem Gespräch gesagt, die Menschen denken primitiv und wählen primitiv – hübscher gesagt könnte man dies auch die Kraft der Dummheit nennen, erklärt Prof. Lendvai. Vor allem charismatische Persönlichkeiten wie Russlands Putin oder Donald Trump üben eine gewisse Faszination auf die Wähler aus, und für Lendvai ist klar, dass Macht korrumpiert.

Das Publikum möchte von beiden Zeitzeugen wissen, wie Sie zur neuen türkis-grünen Regierung in Österreich stehen, wie sie die aktuelle Situation in Europa sehen, und ob Sie eine Vision zur Reanimation der Linken in Europa haben.

Für Lendvai ist die neue türkis-grüne Regierung eine Folge von Ibiza und die Grünen sind dank der Energie von Werner Kogler wiederbelebt worden. Das zeigt, dass die Persönlichkeit an der Spitze einer politischen Bewegung sehr wichtig ist. Für Lendvai ist alles besser als eine Regierungsbeteiligung von Menschen, die nichts aus der Geschichte gelernt haben. Zur Krise der Linken hält er treffend fest: „Man braucht Menschen und Konzepte. Das Gefährlichste ist, wenn beide fehlen.“

Für Prof. Brauer ist klar, dass die Grünen ohne das Mädchen mit den Zöpfen nicht in der Regierung wären…

Für Prof. Lendvai ist die deutsch-französische Zusammenarbeit die Grundlage der EU ist und er lobt Macron, da dieser Frankreich vor dem Zugriff der Rechten gerettet hat. Prof. Lendvai schätzt Angela Merkel, von Ursula von der Leyen ist er nicht begeistert und er kritisiert das hohe Maß an politischem Opportunismus in der EVP, wie man an deren Umgang mit Viktor Orban sieht. Die Lage innerhalb der EU ist kompliziert und er merkt selbstkritisch an, dass die Erweiterung vielleicht zu schnell war, denn wenn ein Land schon Mitglied der Union ist, ist es sehr schwer, etwas zu erreichen (siehe Bulgarien, Rumänien); sprich: man kann dann als EU nicht mehr korrigierend eingreifen.

Die Frage aus dem Publikum ob ein Europa der Regionen Sinn macht bejaht Brauer und er bedauert die Schwächung der spezifischen Eigenschaften der Regionen, denn damit gehen regionale Dialekte verloren und Englisch wird zur globalen Weltsprache. Da wurden von der EU viele kleine Fehler gemacht und die Gefühle der Bürger durch Regelungen aus Brüssel verletzt. Die Kultur ist heutzutage jedenfalls international. Zu den Konfliktthemen Iran – Israel – Trump befragt hält Prof. Brauer fest, dass für den einzelnen Iraner Israel nicht relevant ist und Prof. Lendvai meint abschließend, dass wir in einer Welt leben, in den alten Gewissheiten über Nacht verschwinden.

Credits

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BSA-Paul Landvai & Arik Brauer Wolfgang Müller CC BY SA 4.0
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