Tree of Love

Eine unfaire Geschichte

Nepalganj ist eine der am weitesten entwickelten Städte Nepals. Außerdem ist es eine der großen Industriestädte des Landes, in der eine Vielfalt von Menschen unterschiedlichster Gemeinschaften lebt und überlebt.

Zur Information sollte ich noch anfügen, dass Nepalganj in der Terai-Region im Tiefland liegt und einen öffentlichen Grenzübergang nach Indien hat.

Einen knappen Kilometer vom Herzen der Stadt entfernt befindet sich mein Zuhause: Im Viertel Dhamboji wurde ich geboren, und hier bin ich aufgewachsen.

Da ich in eine hinduistische Brahmanenfamilie geboren wurde, gaben meine Freunde mir den Spitznamen „Pandit“, anstatt mich mit meinem wirklichen Namen, Vir Prasad Upadhaya, anzusprechen.

Der Titel „Pandit“ bezeichnet im Nepalesischen einen Priester, der der höchsten Kaste angehört und heilige Rituale wie Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse durchführt. In Nepal können nur Angehörige der Brahmanen geistliche Tätigkeiten ausführen.

Da ich in eine kleine, aber hochgestellte Familie geboren wurde, hatte ich alles, was ich wollte. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, als ich 15 Jahre alt war; ich besuchte den 8. Jahrgang der nahen Bageshowri English Medium Secondary School. Das Leben nahm seinen gewohnten Gang. Wir wissen alle, dass die Zeit stets Veränderungen mit sich bringt, doch für mich schien das damals nicht der Fall zu sein. Und ich muss zugeben, dass ich mir eine Veränderung wünschte.

Ich ging nach den einmonatigen Ferien erstmals wieder zur Schule. An diesem Tag war ich noch aufgeregter als sonst, weil ich hoffte, neue Freunde kennenzulernen, etwa in der neunten Klasse. Und tatsächlich kam es genauso, wie ich es mir gewünscht hatte: Ich bemerkte die Gesichter von einigen neuen Jungen im Klassenraum. Obwohl ich gehofft hatte, dass auch ein paar Mädchen dabei sein würden, freute ich mich. Langsam und leise setzte ich mich in die dritte Reihe neben einen dunkelhäutigen und gutaussehenden Jungen. Er erwiderte mein Lächeln, mit dem ich ihn begrüßte.

Später erfuhr ich, dass er Rajan Regmi hieß. Er wurde einer meiner besten Freunde.

Obwohl ich mich ein bisschen vor dem Lehrer, Dinanath sir, fürchtete, schaffte ich es, die Reihen der Mädchen, die von uns getrennt saßen, von der ersten bis zur letzten durchzusehen. Unglücklicherweise wurden meine Hoffnungen nicht erfüllt, ich sah unter den Mädchen kein einziges neues Gesicht. Traurig dachte ich, dass auch dieses Jahr wieder ziemlich langweilig werden würde.

Als die Tage vergingen, verlor ich meine Hoffnung mehr und mehr, weil der letzte Tag für die Zulassung neuer Schüler immer näher kam. Eines Tages hastete ich morgens zur Schule, ich war spät dran. Auf dem Weg bemerkte ich ein Mädchen vor mir. Ich wunderte mich über sie, weil sie von oben bis unten in Schwarz gekleidet war, und fragte mich, wie sich ein Mädchen bei einer Temperatur von über 45 Grad auf diese Art ganz in Schwarz einpacken kann. Aus was für einer Kultur war sie? Weil ich es eilig hatte, überholte ich sie und rannte weiter.

Fünf Minuten später erreichte ich meinen Klassenraum und ging hinein. Als ich meinen Platz in der dritten Reihe einnahm, drehte ich meinen Kopf und sah völlig unerwartet das Mädchen in Schwarz in der Tür. „Was?“, dachte ich, „Ist sie etwa neu in unserer Klasse…?

Ich war fassungslos, sie in der Tür unseres Klassenzimmers zu sehen. Bevor ich meine innere Konversation beendet hatte, kam sie herein und setzte sich ebenfalls in die dritte Reihe. Sie war direkt nebenan, nur etwa einen Meter von mir entfernt.

Ist die verrückt?“ dachte ich und lachte über sie. Aber als sie nach einer Weile den Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, etwas öffnete, war ich völlig überwältigt von dem, was ich sah, vor allem von ihren Augen.

Oh mein Gott!“ Ich war ganz und gar erschüttert von ihrer Schönheit! Wie kann ich nur die Schönheit ihrer Augen und die Farbe ihrer Haut beschreiben? Ich glaube, ich kann keine Worte finden, die dafür ausreichen!

Sie hatte blaue Augen, die mich sofort an einen Ozean denken ließen. Ich schwöre, ihre Augen waren der Mittelpunkt ihrer Anziehungskraft. Ich garantiere, wer auch immer ihre Augen sah, musste sich sofort in sie verlieben. Sie waren extrem anziehend. Ich konnte die Schönheit der ganzen Welt klar in diesen Augen sehen. Wie schön ihre Brauen geschwungen waren! Diese Augen waren so sinnlich und verlockend.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich sehr froh war, sie in meiner Nähe zu haben. Ihre Anwesenheit brachte eine gewisse Neugier und Aufgeregtheit in die Klasse, vor allem natürlich unter den Jungen.

Sie begannen zu murmeln und zu tuscheln; vermutlich fragten sie sich gegenseitig über die Neue aus.

Als die Zeit verging, zog dieses Mädchen wieder und wieder meine volle Aufmerksamkeit auf sich, ohne dass ich genau wusste, warum. Vielleicht war es der Einfluss ihrer Nähe, oder ich war einfach nur neugierig auf sie.

Obwohl ich absolut nichts über sie wusste, war doch eines klar: Sie musste Muslimin sein. Wie konnte ich, ein Hindu, von ihr angezogen sein, wo sie als Muslimin doch in allen Dingen – Religion, Kultur und Sprache – so völlig anders war?

Ihr ganzer Körper war von schwarzer Kleidung bedeckt. Als ich sie näher betrachtete, bemerkte ich, dass ihre Handflächen ganz hell, glatt und sanft waren. Die kleinen Stücke Haut, die ihre Burka unbedeckt ließen, waren ausreichend für mich, um mir ihren Körper vorzustellen.

Ich wartete ungeduldig auf die dreiminütige Pause, die nach dem Ende der Nepali-Stunde folgen würde. Ich zählte die Minuten bis dahin, doch die Zeit verging quälend langsam. Ich fragte mich, wie wohl ihr Gesicht im Ganzen aussehen würde, wie sich ihre Stimme anhören würde, was ihr Name wäre etc. Ich würde mit Lichtgeschwindigkeit rennen, um mehr über dieses Mädchen erfahren zu können!

Als ich so in meine Gedanken versunken war, stupste mich jemand von hinten an und fragte: „Wohin bist du denn verloren gegangen?“ Ich sah auf und bemerkte, dass die Nepali-Stunde bereits vorbei war. Es war Binod, der mich angestupst hatte. Ich lächelte und antwortete ihm, dass ich über die Hausaufgaben von gestern nachgedacht hatte.

Wieder bewegte ich meinen Kopf langsam in Richtung dieses neuen Mädchens und sah sie wie eine Statue in der dritten Reihe sitzen. Sie sprach mit niemandem und sah nur in ihr Buch. Sie tat mir leid. Ich wünschte, ich könnte mit ihr sprechen und ihr Gesellschaft leisten.

Ich hoffte lange, dass irgendeines der Mädchen sich mit ihr unterhalten würde, so dass ich ihre Stimme hören und vielleicht ihren Namen erfahren könnte, aber niemand sprach sie an. Schließlich suchte ich Hilfe bei meinem Freund Rajan.

Kennst du die Neue?“, fragte ich ihn. Er lachte und antwortete: „Nein, wie sollte ich? Ich dachte, du würdest sie kennen, ihr seid ja zusammen reingekommen. Machst du Witze?“ Und sofort fügte er an: „Ist sie deine Freundin?“ „Was? Bist du irre?“, antwortete ich mit einem Grinsen auf meinem Gesicht. „Ich weiß ja nicht mal, wie sie heißt!

Doch in meinem Inneren machte es mich glücklich, dass er mich mit ihr in Verbindung gebracht hatte. Aber zunächst hielt ich es für besser, den Mund zu halten, und ein paar Sekunden später war auch schon Kishor Aamatya, unser Mathelehrer, im Klassenzimmer.

Ich dachte, er würde sie darum bitten, sich vorzustellen, wie er es immer bei neuen Schülern machte.

Doch heute – ich weiß nicht warum – hatte Kishor es eilig und begann sofort nach Betreten des Raumes mit seinem Thema. Nun richteten sich meine ganzen Erwartungen auf die zehnminütige Pause, die auf die Mathestunde folgen würde. Nach langem Warten läutete die Glocke. Ich wollte meine alte Freundin Natasa nach dem Namen des Mädchens fragen, doch konnte ich es nicht wagen, das vor den anderen zu tun. Um unbemerkt mit ihr sprechen zu können, entschied ich mich, im Klassenraum sitzen zu bleiben und nicht für die Pause hinauszugehen.

Innerhalb weniger Minuten verließ Natasa zusammen mit der Neuen den Raum. Ich blieb dort zurück, um auf sie zu warten, und fragte mich, wann die beiden wohl zurückkommen würden. Mehrere Minuten vergingen, doch sie erschienen nicht. Die anderen meiner alten Freunde kamen nach und nach zurück, nicht jedoch diese beiden. Mir wurde klar, dass ich umsonst wartete. Schließlich waren alle Schüler wieder auf ihren Plätzen, bis auf die beiden Mädchen. Plötzlich riefen alle „Good afternoon, Sir!“, als der Englischlehrer Rakesh Tiwari hereinkam – zusammen mit Natasa und der Neuen.

So ein Pech, dachte ich – nun musste ich 90 Minuten auf die nächste längere Pause warten. Alle Schüler hörten Rakeshs Erklärungen über die Erzählung „The Woodcutter“ zu, doch meine Konzentration war wieder ganz bei ihr.

Ich beobachtete all ihre Aktivitäten, ihre kleinsten Gesten und Ausdrücke. Sie hatte die wunderbare Gewohnheit, den Stift zwischen ihren Fingern zu drehen. Sie machte es unbewusst über Stunden, und ich liebte es, sie dabei zu beobachten.

Dasselbe passierte während der Physikstunde. Wir diskutierten den Unterschied zwischen Geschwindigkeit und Tempo, dann läutete kurz die Glocke und wir mussten zum Mittagessen in die Kantine. Natasa und die Neue waren schon draußen, ehe wir anderen überhaupt bereit waren zu gehen. Als ich zusammen mit Rajan und Binod in der Kantine ankam, konnte ich die beiden zu meinem Unglück nirgends sehen. Wieder glaubte ich, die Gelegenheit verpasst zu haben, Natasa nach ihrem Namen zu fragen. Ich war sehr enttäuscht. Hastig nahm ich mein Mittagsgericht „Chola und Samosa“ ein und drängte auch Rajan und Binod zur Eile.

Ich wollte einen Rundgang über das Schulgelände machen und fragte meine Freunde, ob sie mitkommen würden. Ich hoffte, auf diese Art Natasa und die Neue sehen zu können. Wir drehten mehrere Runden, aber wir fanden sie nicht; bald war die Mittagspause vorüber, ohne dass ich eine Gelegenheit gefunden hatte, mit ihnen zu sprechen. Als wir zurück in den Klassenraum gingen, saßen die beiden Mädchen bereits dort. Den ganzen Tag hatte ich gewartet, um irgendetwas über die Neue herauszufinden, doch alles war umsonst. Das änderte sich auch während der restlichen drei Unterrichtsstunden an diesem Tag nicht. Als die Schule vorüber war, ging ich mit Rajan und Binod nach Hause.

Ein paar hundert Meter entfernt ging die Neue in Begleitung unserer alten Klassenkameradinnen Natasa und Mahima. Trotz aller Versuche hatte ich an diesem Tag nicht das Geringste über sie auskundschaften können. Die ganze Nacht dachte ich an sie, stellte sie mir vor und machte Hunderte von Plänen, wie ich sie endlich kennenlernen und mit ihr sprechen könnte.

Fortsetzung folgt …

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Tree of Love Tree of Love maf04 CC BY-SA 2.0

Diskussion (Keine Kommentare)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.