Es nicht immer alles Sonnenschein

Und da bin ich nun, noch immer ein Nomadenleben führend und stets auf dem Weg von einem Ort zum anderen mit meinem Rucksack und meinen Büchern. Dieses Abenteuer, dieser rastlose Lebensstil ist wie eine Achterbahn und wirklich die aufregendste, lehrreichste und ereignisreichste Zeit, die ich jemals hatte. Ich hatte so oft davon geträumt und konnte diesen Traum tatsächlich wahr machen.

(Aus: Ich gondele durch die Welt)

Obwohl ich mein rastloses Leben liebe und damit meinen Traum verwirkliche, möchte ich auch ein paar Schattenseiten des Langzeitreisens erwähnen, denn viele Leute haben die Vorstellung, dass es nur aus Spaß, Glück und ständigem „Chillen“ bestehe. Vielleicht wird es als ein nie endender Urlaub wahrgenommen, weil das Internet voll ist von Reisebloggern, die nur die schönen Orte zeigen, die sie besucht haben, und weil niemand gerne über die negativen Seiten davon spricht.

Viele Menschen wissen nicht, dass es einen riesigen Unterschied zwischen einem Touristen und einem Reisenden gibt. Als ich als Touristin reiste, um Urlaub von meinem Studium, meinem Job oder einfach nur meinem Alltagsleben zu machen, war es noch nicht mein vorrangiges Interesse, möglichst sparsam unterwegs zu sein und die langsamere, dafür aber billigere Route von einem Ort zum anderen zu nehmen, denn ich hatte nur sehr wenig Zeit zur Verfügung. Nun aber, wo das Reisen ein Teil meines Lebens geworden ist, ist es von großem Interesse für mich, mit einem schmalen Budget auszukommen.

Ich wähle nicht den schnellsten Weg, um irgendwohin zu gelangen, sondern den billigsten – was zumeist der langsame und auch von den Einheimischen genutzte Weg ist.

In der Realität ist das Langzeitreisen nicht immer so lustig. Es ist aufregend, manchmal aber auch ein harter Fulltime-Job, der einen von Zeit zu Zeit richtig stressen kann. Es ist eine wilde und schöne Achterbahnfahrt, die man einfach so genießen muss, wie sie kommt.

Eines der Vorurteile, das ich klären möchte: Viele Leute glauben, dass ich als Reisende nichts zu tun habe und nur entspannt herumliege. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil, weil ich den ganzen Tag beschäftigt bin. Sobald ich an einem neuen Ort angekommen bin, meist nach einer längeren Reise mit Bus, Zug oder Flieger, mit wenig oder gar keinem Schlaf, checke ich in meiner Unterkunft ein, gehe duschen, ziehe mich um, esse etwas und mache (sofern ich das nicht schon vorher erledigt habe) eine Online-Recherche, was ich mir dort alles ansehen sollte. Und dann gehe ich los und erkunde die Umgebung – völlig egal, wie das Wetter ist, ob kalt, regnerisch oder superheiß. Je nachdem, wo ich bin, kann das den ganzen Tag dauern. Meistens gilt es absolut keine Zeit zu verlieren, weil ich mich ständig von einem Ort zum nächsten bewege.

Ein anderer Punkt ist der Transport. Wie ich bereits erwähnte, bevorzuge ich die ortsüblichen Reisemöglichkeiten, und obwohl diese sehr billig sind, haben sie doch ihren Preis:

Fernbusse sind extrem unkomfortabel und stundenlang unterwegs, und die Fahrer fahren oft wie die Irren – es ist unmöglich für mich, auch nur für eine Sekunde die Augen zu schließen, ohne Angst um mein Leben zu haben. Meistens sind die Straßen in schrecklichem Zustand, und ich hüpfe während der Fahrt ständig rhythmisch auf meinem Sitz auf und ab, vor allem auf Gebirgsstraßen.

Manchmal sind die Busse so voll, dass die Leute wie die Sardinen stehen und ständig aneinanderstoßen; viel Glück also, falls man zu Klaustrophobie neigt! Leute, die sich neben mir übergeben, sind ebenso Routine wie das dringende Warten auf den nächsten Halt, um endlich aufs Klo gehen zu können (die meisten Busse haben keine Bordtoilette) – wobei ich dann hoffe, dass der Bus während der Pinkelpause nicht ohne mich weiterfährt und dass niemand in der Zwischenzeit meinen Rucksack klaut (oft wird das Gepäck vorne im Bus verstaut).

Obendrein sind die einheimischen Linienbusse nicht sehr zuverlässig, eine Verspätung von mehreren Stunden kann ebenso jederzeit vorkommen wie eine Panne mitten auf der Strecke. Vor allem in Indien hupen die Fahrer alle zwei Minuten, und wenn man das Pech hat, vorne zu sitzen, ist man am Ende der Fahrt wahrscheinlich taub. Zugfahrten sind ein wenig besser und sicherer, aber auch teurer und meistens langsamer, und nicht in allen Ländern gibt es überhaupt Züge. Anfangs ist das alles aufregend, weil es etwas Neues ist, aber wenn man es jeden Tag macht, wird sogar das zu einer Art Routine für Reisende.

Die Unterkunft ist, wenn man auf die billige Art reist, ein Problem und völlig unvorhersehbar. An den meisten Tagen weiß ich nicht einmal, wo ich in der nächsten Nacht schlafen werde. Apps wie Agoda oder Hostelbookers sind nicht immer zuverlässig; es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich online ein Zimmer gebucht habe, und als ich endlich das Hotel erreichte, hieß es, dass sie völlig überbucht seien und keinen Platz für mich hätten. Dann muss ich mich, obwohl ich vielleicht gerade eine 48-stündige Zugfahrt hinter mir habe und völlig erschöpft bin, noch auf die Suche nach einem anderen Hotel machen.

Die meisten Busse kommen am frühen Morgen an; die Hotels erlauben den Check-in aber meist erst zu Mittag, was eine längere Wartezeit bedeutet. Und als ich in Indien mit einem indischen Mann unterwegs war, mit dem ich nicht verheiratet war, ist es uns oft passiert, dass man uns kein Doppelzimmer geben wollte – oder den doppelten Preis dafür verlangte mit der Behauptung, dass die Polizei Probleme machen werde.

In den schlimmsten vorstellbaren Zimmern zu schlafen, ist alltäglich – etwa mit Ratten, Mäusen und Spinnen, die über meine Füße krabbelten und an meinen Guaven nagten, wie in Nepal; in einem Zimmer, das offenbar zu einem Bordell gehörte, wie in Sri Lanka; in einem fensterlosen Raum, der wie eine Gefängniszelle aus den Zeiten der Roten Khmer aussah wie in Kambodscha – oder ohne Klimaanlage, wenn es draußen 45 Grad hat und man buchstäblich vor Schweiß tropft, oder ohne Heizung, wenn es draußen saukalt ist.

Und von solchen Sachen wie Hygiene und Sauberkeit in den Zimmern will ich gar nicht erst anfangen, weil meistens alle Decken und Kissenbezüge voller Flecken sind und man immer wieder Zimmer bekommt, die offenbar seit Ewigkeiten nicht mehr geputzt worden sind.

Manchmal bin ich wirklich angewidert, aber nachdem ich mich für diesen Lebensstil entschieden habe und nicht für irgendeinen Luxus, muss ich meinen Standard anpassen und darf nicht zu viel erwarten.

Wenn das Zimmer sehr mies ist, dann erinnere ich mich selbst daran, dass ich diesen Ort in einem oder zwei Tagen verlassen und eine andere Unterkunft finden werde. Es ist wie ein Glücksspiel, manchmal bekomme ich für wenig Geld einen sehr guten Deal, ohne es wirklich zu erwarten, und manchmal das Gegenteil.

Fortsetzung folgt…

(Anmerkung: In diesem Artikel spreche ich vor allem über meine Reiseerfahrungen in Nepal, Indien, Sri Lanka und Südostasien.)

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Eine riesengroße Spinne, Nepal Eine riesengroße Spinne, Nepal Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Schlafwagon, Indien Schlafwagon, Indien Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Der schmutzigste Raum, Sri Lanka 2 Der schmutzigste Raum, Sri Lanka 2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Der schmutzigste Raum, Sri Lanka Der schmutzigste Raum, Sri Lanka Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Lange Zugreise, Indien Lange Zugreise, Indien Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Vollgestopfte öffentliche Verkehrsmittel, Indien Vollgestopfte öffentliche Verkehrsmittel, Indien Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Linienbus, Indien Linienbus, Indien Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Linienbus, Sri Lanka Linienbus, Sri Lanka Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Linienbus, Sri Lanka Linienbus, Sri Lanka Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Es nicht immer alles Sonnenschein Es nicht immer alles Sonnenschein Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Eine Babymaus im Badezimmer gesichtet,Nepal Eine Babymaus im Badezimmer gesichtet,Nepal Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Keine Heizung und kaltes Wetter in den Bergen Keine Heizung und kaltes Wetter in den Bergen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Toilette an einer Raststation während einer langen Busfahrt, Nepal Toilette an einer Raststation während einer langen Busfahrt, Nepal Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
11-Wildlife im Zimmer: Skorpion 11-Wildlife im Zimmer: Skorpion
Nach einer langen Zugreise traf ich diesen unerwarteten Gast auf dem Bahnhof Nach einer langen Zugreise traf ich diesen unerwarteten Gast auf dem Bahnhof
Toilette an einer Raststation während einer langen Busfahrt, Nepal Toilette an einer Raststation während einer langen Busfahrt, Nepal Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Erkundungstour im Regen, Inle-See, Myanmar Erkundungstour im Regen, Inle-See, Myanmar Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Wanderung unter brennender Sonne in ein entlegenes Gebiet zu einem Gesundheitscamp für Frauen, Nepal Wanderung unter brennender Sonne in ein entlegenes Gebiet zu einem Gesundheitscamp für Frauen, Nepal Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Fototag in heftigem Schneefall in Kaschmir, Indien Fototag in heftigem Schneefall in Kaschmir, Indien Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0

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