Europa DIALOG mit Journalist und Historiker Ari Rath

Europa DIALOG Ari Rath

Veranstaltungsdaten

Datum
14. 6. 2016
Veranstalter
Europa Club Wien
Ort
Haus der Europäischen Union
Teilnehmer
Ari Rath, Israelischer Journalist und Publizist
Benedikt Weingartner, Moderator

Aus der Reihe „Europa im DIALOG“ wurde diesmal Ari Rath begrüßt: isrealischer Journalist, Publizist, und Historiker. Am 14. Juni 2016 war er zu Gast im Haus der Europäischen Union. Für die Moderation sorgte Benedikt Weingartner.

Ari Raths zusammenfassende Betrachtung hinsichtlich Europa:

„Europa war und ist für das kleine Israel eine wichtige Heimat.“

Der Dialog

Was bedeutet für Sie persönlich Europa?

Als Isreaeli bedeutet Europa ihm besonders viel; aber auch Israel braucht Europa, weil Israel von muslimischen Staaten umzingelt ist – Fußball, Tennis werden z.B. in Europa gespielt. Mit anderen Worten: Das isolierte Israel im Nahen Osten hat eine ganz besonders wichtige Verbindung zu Europa.

In den Fünfziger Jahren habe Israel versucht, sich langsam der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft anzuschließen – es war nie einfach. Europa war und ist für das „kleine Israel“ eigentlich eine wichtige Heimat.

Hat diese Heimat mit ihren persönlichen Kindheitserfahrungen zu tun?

Das bejaht Rath. Er ist in Wien am 6. Juni 1925 geboren und könne sich noch gut daran erinnern, als sein Vater in den 20er, 30er Jahren vom „Frieden“ gesprochen hat – von der schönen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Leider ist er aber auch im Wien des „Austrofaschismus“ aufgewachsen; den Bürgerkrieg von 1934 hat er noch ganz klar im Gedächtnis, als sei es gestern passiert. In der Schubertschule hatte er eine tolle Lehrerin, die hatte die Schüler am 12. Februar in der Früh nach Hause geschickt – Generalstreik, es gab keine Elektrizität, keine Heizung:

„Wir sind alle zur Porzellangasse, und dort ist die schon von Pferden gezogene Artillerie aufmarschiert; wir haben deutlich gehört, wie der Karl-Marx-Hof und andere Bauten bombardiert wurden. Für mich als junges Kind war das kein leichtes Erlebnis. Nicht zu vergessen, dass am Tag des Anschlusses im März 1938 allein in Wien noch 180.000 jüdische Bürger gelebt haben –  10% der Bevölkerung. In ganz Österreich waren es 195.000.“

Es gab und gibt heute noch dieses „jüdische Syndrom“, so der Historiker, dass man versuche, das Schlimmste zu verdrängen, im Sinne von: ‚Uns kann nichts passieren.‘ Damit ist zu erklären, dass, obwohl Hitler schon 5 Jahre an der Macht war, es den Austrofaschismus gegeben hat.

In Ihrem Buch haben Sie das sehr anschaulich mit der „Judenklasse“ geschildert ..

Ja, das war ein Beschluss, ein Erlass des damaligen Unterrichtsminister Schuschnigg vom 4. Juli 1934, der bedeutete, dass man in sämtlichen Gymnasien (nicht Volksschulen) die Klassen zweiteilt: In die 1A mit den katholischen Schülern und in die 2B mit den „anderen“. Die „anderen“ waren die Juden gewesen, denn die wenigen protestantischen Schüler kamen in die Christen-Klasse. Das sei übrigens derselbe Schuschnigg gewesen, der nach der Ermordung von Dolfuß Bundeskanzler wurde und auch die „Sturmscharen“ gegründet hatte.

Ihre Wurzeln sind ja ganz „österreichisch“ – Ihre Eltern stammen aus Galizien.

Ja, Raths Großmutter mütterlicherseits hat in Stryj, in der heutigen Ukraine, gelebt; und sein Vater hat in Kolomea (Ukraine) ein deutsches Gymnasium absolviert. Dann musste dieser einrücken und landete schlussendlich im Kriegsministerium; er sei nie besonders körperlich stark gewesen.

Als Kind erlebte Rath Wien als Teil des Habsburger Reiches und als Teil Europas. Bis heute noch. Jedoch weist er darauf hin, dass Europa heute immer mehr nach Rechts rückt – nicht nur in Österreich und dass es gut ist, wachsam zu sein.

Sie überblicken viele Jahrzehnte: Sie kennen also diesen Rechtsruck seit Ihrer Kindheit – wo sehen Sie die Wurzeln dieses Ruckes, der sich in Europa breitmacht?

Rath sieht das nicht als leichte Frage. Es sei aber der Fremdenhass, den es immer gegeben hat.

„Es gibt den Antisemitismus ohne Juden – in Wien leben nur noch 12.000 Juden – und es ist der Fremdenhass, der immer schlimmer und gefährlicher wird. Wir wissen, was in den letzten Monaten vorgegangen ist. Leider wissen wir auch, dass bei den letzten BP-Wahlen die Hälfte der Österreicherinnen die Strache-Partei gewählt hat. Das soll uns alle zu denken geben.“

Auch in Israel gibt es nun eine Rechts-Regierung, die Rath sehr kritisch beäugt. Herr Strache sei, so Rath, offiziell von der konservativen Likud-Partei des Premierministers Natanyahu nach Israel eingeladen worden.

Also war es doch eine offizielle Einladung – da hat es ja grosse Diskussionen geben ..

Rath bestätigt erneut, dass Strache offiziell von der Likud-Partei, die keine friedliche Lösung mit den Palästinensern anstrebe, eingeladen worden sei – man kann das nachlesen.

Europa: Welche Lösungen gibt es gegen diesen Fremdenhass?

Der israelische Journalist erinnert daran, dass der Aufbau von Wien als multi-ethnische Stadt der heute ziemlich große Anteil von türkischen österreichischen Bürgern und Bürgerinnen beteiligt war und ist. Was den tief-verwurzelten Fremdenhass, die Rolle des Antisemitismus betrifft, so sei dieser leider noch immer da und würde auch stärker, meint Rath. Das sieht er als große Gefahr und betont die Wachsamkeit.

Vor kurzem fand in Wien eine Demonstration statt, die zu Ausschreitungen führte: Es wurden die sogenannten Identitären aktiv, deren Programm eigentlich harmlos klingt; verwenden den Begriff „Europas Heimat“. Bei näherer Betrachtung allerdings bemerkt man die Tendenzen in Richtung Fremdenhass und auch die Verflechtungen mit Pegida, AfD und Le Pen ..

„Es besteht die Gefahr, dass Europa, das frei und liberal sein sollte, immer mehr nach Rechts rückt. (…) Es macht mir keine Angst, aber es besorgt mich sehr. Ich würde weder mit Strache noch mit Netanyahu ’sein‘ wollen, ich würde auswandern.“

Bei der Betrachtung Ihres Lebensweges zieht sich die „Flucht“ durch Ihr Leben: Aufgewachsen in Wien, 1938 nach Palästina geflüchtet und Hilfe beim Aufbau eines Kibbuz. Bei Betrachtung der wir uns die Situation in Israel: Das Konfliktpotential ist gross. Und wir hier aus der Ferne sehen nur den Konflikt ..

Man dürfe nicht vergessen, dass dem Gründer des Zyonismus, Theodor Herzl, der auch in Wien aufgewachsen ist, ganz bewusst war, dass es sich um ein Land handle, wo auch Nicht-Juden leben. Sein historischer Fehler sei seine Losung gewesen: ‚ein Volk ohne Land, ein Land ohne Volk‘. Dass die Juden ohne Land gewesen sind, habe gestimmt. Aber schon damals im türkischen Palästina handelt es sich um eine falsche Behauptung, denn es gab dort (zumindest schon von Anfang an) eine Viertel Million Araber/Palästinenser. Und es herrschten – wenn man sich die Geschichte des Aufbaus des jüdischen Palästina anschaut – alle 6, 7 Jahre Kämpfe und Bürgerkrieg. Bis die Engländer sich zurückgezogen und die Vereinten Nationen den Teilungsplan am 29. November 1947 adoptiert haben.

Eine weitere, eher unbekannte Tatsache: Vor 2, 3 Jahren war der Präsident der Palästinenser Mahmud Abbas (Abu Mazen) in Wien im Kreisky Forum zu Gast und hat dort erklärt, dass es seiner Meinung nach ein großer Fehler gewesen ist, dass die Araber/Palästinenser damals den Teilungsplan abgelehnt und bekämpft haben. Die Teilung wäre nämlich viel günstiger für die Palästinenser gewesen.

Und dann kam der sogenannte Sechs-Tage-Krieg von 1967, der sich bis in die heutige Zeit zieht. Und das „kleine Israel“ wurde zu einer Besatzungsmacht. Bis heute sei die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten sehr gefährlich, und leider nimmt Netanyahu das nicht genug zur Kenntnis. Er sei sogar über den Kopf von Präsident Obama in den amerikanischen Kongress gegangen, um Obama zu überstimmen.

„Israel befindet sich ‚zwischen dem Regen und der Traufe‘, oder ‚between a stone and a hard place‘, und ist sei leider Israels Schicksal. Und es ist nicht leicht, mit diesem Schicksal zu leben, aber man muss es tun.“ So Rath.

Die Friedensbemühungen, die Oslo-Verträge, die Vermittlung von Europa, Russland und Amerika bis in die heutige Zeit lassen manchmal Hoffnung schöpfen, dann auch wieder nicht. – Wie schätzen Sie die Situation ein? Wird es irgendwann Frieden geben?

Sehr bedauerlich sei die Politik der heutigen Regierung in Israel – sie gefährde die Zukunft des Landes, denn man könne nicht auf die Dauer gegen den Willen von über eine halbe Million Menschen herrschen. Gerade dass das jüdische Volk, das selbst so viele Jahrhunderte von Verfolgung betroffen gewesen ist, jetzt eine Besatzungsmacht ist, ist für Rath unvorstellbar. Leider würden die Leute das nicht genug wahr nehmen, meint der Historiker.

Vor zwei Jahren hatte mich, gemeinsam mit Peres und Abbas, Papst Franziskus nach seinem Besuch in Israel in die Vatikanischen Gärten zu einem Gebet eingeladen; mich haben die Bilder damals unglaublich berührt – wie sich die beiden älteren Herren umarmt haben ..

Auch Papst Johannes Paul II habe damals Jerusalem besucht, die Heiligen Stätten, die Grabeskirche in Bethlehem, und auch die Moscheen und die Klagemauer. Und es gibt diesen Brauch, so Rath, dass Leute einen kleinen Wunschzettel zwischen die Steine legen. Papst Johannes Paul II ging damals zur Klagemauer, hatte einen vorgedruckten Bogen auf Englisch, Hebräisch und Lateinisch und diesen in die Klagemauer gesteckt. Darin hat sich der Papst entschuldigt für alles, was die katholische Kirche im Laufe der Jahre dem Judentum angetan hat. Das sieht der Journalist als einzigartigen, tapferen Schritt. Das habe zwar auf viele Tausende Menschen einen Eindruck hinterlassen, und doch sind Antisemitismus, Judenhass und der heutige Fremdenhass damit leider nicht beseitigt.

Nun zitiert Rath anlässlich eines Staatsbesuches in Israel, als noch Jitzchak Rabin Israels Premierminister war:

„Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Wir müssen wachsam sein.“

Und leider stimme dieser Satz bis heute noch, mehr als je zuvor.

Die „Entschuldigung“ für die Greueltaten am jüdischen Volk, die Vergangenheitsbewältigung, das Bekenntnis – da haben Deutschland und Österreich unterschiedliche Vergangenheitsbewältigungen; Sie erwähnen in Ihrem Buch Adenauer, der ein klares Bekenntnis abgelegt hat.

Mit Österreich war es immer sehr problematisch, denn Österreich hat viele Jahre an die erste Opfertheorie geglaubt, die aus der Moskauer Erklärung von 1943 stammt. Darin wurde erklärt, dass Österreich das erste Opfer der Aggressionspolitik von Hitler war. An das können sich alle erinnern. Aber dass es noch einen zweiten Teil derselben Moskauer Erklärung gebe, der sogar damals vorgelesen wurde, daran denke man bis heute leider nicht.

Was leider in Vergessenheit gerät, so Rath:

„Man darf nicht vergessen, dass Abertausende Österreicher in der Nazi-Wehrmacht gedient und an sehr schlimmen Gräueltaten teilgenommen haben. Eine ganze Reihe von berüchtigten Nazis waren Österreicher. Das wird leider bis heute hier zu viel verdrängt. Und es wird nicht genug darauf hingewiesen.“

Das habe auch seine Folgen: Rath besucht sehr viele Schulen, fungiert als Mahner, und es sei unglaublich, dass viele Schüler, die kurz vor der Matura stehen, den Namen Eichmann nicht kennen würden. Darauf reagiere die Lehrerin, die zuständig ist für politische Erklärung ist: ‚Wir sind noch nicht dazu gekommen.‘ Die Frage ist: Wann kommt sie dazu? Diese Lücken in der Erziehung haben auch damit zu tun, dass eine Partei mit einem rassistischen Gedankengut wie die Strache-Partei fast die Hälfte der Stimmen bei der Präsidentenwahl gewonnen hat.

„Wer weiß, was bei der nächsten Nationalratswahl noch geschehen kann“, warnt Rath.

In meiner Schulzeit, in den 80er Jahren, da hat schon ein Umdenken stattgefunden, und die Zeitzeugen sterben. Wie müsste man in Sachen „Mahnen“ intensiver vorgehen – in der Entschuldigung und in der Erinnerung?

1952 gab es ein Wiedergutmachungsabkommen zwischen der BRD und Israel auf Initiative von Konrad Adenauer. Israel meinte, halb im Spaß, halb im Ernst, dass, wenn man in Wien geboren sei, man das nie mehr wieder gutmachen könne. Es habe Jahrzehnte gedauert. Erst infolge der Waldheim-Affäre, der Causa Prima, habe Österreich erst langsam angefangen, zu versuchen, sich mit seiner wahren Vergangenheit auseinanderzusetzen, sagt Rath.

„Über Nacht wurden wir Juden von Menschen zu Unmenschen erklärt. In der ersten Woche nach dem Anschluss alleine haben 80 oder 90  Rechtsanwälte und Universitätsprofessoren Selbstmord begangen. Für sie war das Leben zu Ende. Was auch ziemlich schlimm ist, laut Statistik: Es gab viele Einsatzkommandos in den verschiedenen Konzentrationslagern, und obwohl Österreicher nur 10 Prozent der Bevölkerung des Deutschen Reichs ausmachten, waren ein Drittel dieser Einsatztruppen, ihnen die schlimmsten Mörder, Österreicher. Es gab Dokumente, die das beweisen.“

Die Frage stellt sich, warum das so ist. Weil Österreich katholischer ist? Eine Antwort darauf habe er leider nicht. Er befürchtet aber, dass es mit der Tatsache zu tun habe, dass das katholische Österreich mehr zum Antisemitismus neigt. Und jahrelang habe man sich hinter der ersten Opfertheorie buchstäblich versteckt.

Adolf Eichmann sind Sie in Ihrem Leben zweimal begegnet ..

Das erste Mal sei ganz wichtig gewesen, so Rath: Man musste sich damals stunden- bis tagelang anstellen für einen gültigen deutschen Reisepass, der mit einem großen, roten „J“für Jude versehen wurde; das war übrigens keine Forderung der Gestapo, sondern der Schweizer, die scheinbar keine jüdischen Immigranten haben wollten, betont der Historiker.

Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass in einem Rothschild-Palais gegenüber dem Belvedere eine Auswanderungsstelle für Juden eröffnet wurde. Da kam man in einen großen Raum, und anstelle in verschiedene Ämter gehen zu müssen, wurden wir wie in einem Fließband abgefertigt.

Am Ende saß auf einem Podium ein SS-Offizier und musste den Pass bestätigen: Das war Adolf Eichmann. Es sei seine Idee gewesen, so viele Juden so schnell wie möglich aus Österreich rauszubekommen. Was auch passierte, und das sieht Rath als großes Paradoxon:

„Von allen Ländern, die unter der Nazi-Herrschaft waren, war es Österreich, aus dem der Großteil der jüdischen Bürger noch rechtzeitig auswandern konnte –  über Italien, Jugoslawien. Am Tag des Anschlusses gab es noch 195.000 Juden in Österreich. 65.000 sind leider ermordet worden, zwei Drittel konnten noch rechtzeitig auswandern nach Chile bis Shanghai. Es ist interessant, dass das möglich war. Allein, die Österreicher waren immer sehr fleißig, wenn es um den Juden- und Fremdenhass ging. Das ist eine Tatsache, die uns zu denken geben sollte.“

Als Sie Anfang der 60er Jahre für die „Jerusalem Post“ gearbeitet haben, sind Sie Eichmann wieder begegnet ..

Das war bei der Eröffnung des Prozesses gegen Eichmann, der auf Kosten des Staates Israel ging: Er saß in einer kugelsicheren Glaszelle, denn man hat Rache von ehemaligen Opfern gefürchtet. Eichmann stand da, im schwarzen Anzug, weißen Hemd, Krawatte und Hornbrillen, wie ein Postbeamter aus Amstetten. Bei jeder Möglichkeit stand der Angeklagte auf und sagte: ‚Im Sinne der Anklage –  nicht schuldig.‘

Wie ist es Ihnen da persönlich gegangen? Sie haben damals berichtet für die Zeitung als Journalist, aber als Mensch .. fühlten Sie persönliche Wut?

Keine persönliche Wut, aber Schmerz hat Rath gefühlt. Andererseits war er irgendwie stolz darauf, dass der Staat Israel trotz allem Eichmann einen richtigen Prozess gemacht hat.

„Ich werde nicht vergessen: Vor einem halben Jahr war ich eingeladen nach Buenos Aires, und dort ist diese Straße, wo Eichmann unter dem Decknamen Roberto Clemens mit falschen Papieren – die ihm übrigens das Rote Kreuz und der Vatikan wie vielen Hunderten anderen Nazis, wenn nicht mehr, ausgestellt hat. Der israelische Geheimdienst, der Mossad, wollte sich vergewissern, dass es sich um keinen Irrtum bei ihm handelte. Sie wussten, dass an einem bestimmten Tag Veronika Eichmann Geburtstag hatte. Und an diesem Tag kam Eichmann mit dem Bus zu dieser Haltestelle, nicht weit von seinem Haus entfernt und trug einen Blumenstrauß für Veronika Eichmann.“

Das sei der letzte Beweis gewesen, dann habe der Mossad Eichmann festgenommen und nach Israel gebracht. Der Prozess selbst habe monatelang gedauert. Und es gab dramatische Szenen, dass ehemalige Opfer, die ausgesagt hatten, im Gerichtssaal ohnmächtig wurden.

„Es war ganz wichtig, dass wir das getan haben, und er war der einzige Mensch, der gemäß des Gesetzes ‚Genozid‘ auch erhängt wurde.“

Auch wenn es eine Genugtuung war: Menschlich gesehen gab es keinerlei Schuldeingeständnis von ihm ..

Er war nicht der einzige, wenn man sich die Nürnberger Prozesse anschaut und die Leute die Selbstmord begangen haben von Göring bis Himmler. Es handelt sich laut Rath demnach um ein Wunder der Geschichte, dass gleich nach den USA der wichtigste Verbündete des Staates Israels die Bundesrepublik Deutschland sei. Wenn man sich ein wenig mit der Geschichte befasst, so haben der Nationalsozialismus und Hitler direkt und indirekt etliche Male am Aufbau des jüdischen Palästina und des Staates Israel beigetragen. Beispielsweise 1936:

Das Transferabkommen wurde von den Vertretern der Jewish Agency in Palästina unterschrieben; demgemäß konnten Juden aus Deutschland, die nach Palästina ausgewandert sind, 20% ihres Vermögens für deutsche Maschinen in Palästina ausgeben; so hat indirekt Hitler schon damals geholfen, den Staat aufzubauen.

Dann 1952 das sogenannte Wiedergutmachungsabkommen, demgemäß der Staat Israel viele Milliarden von Reichsmark in Gütern bekommen hat; auch das habe wesentlich zum Aufbau des jüdischen Staates beigetragen.

„Ich kann es nicht oft genug sagen: Die BRD ist heute gleich nach den USA der wichtigste Verbündete des Staates Israels. Zweimal im Jahr kommen die Regierungen und das Kabinett aus Deutschland und Israel sogar nach Berlin und Jerusalem, um dort zu tagen. Deutschland macht das wirklich schon seit so vielen Jahren; leider hat es bei den Österreichern viel länger gedauert, bis man sich zumindest infolge der sogenannten Waldheim-Affäre mit der Nazivergangenheit des Landes auseinandergesetzt hat.“

Als Journalist haben Sie auch eine kurze Unterbrechung gemacht und sind für den Premierminister und Staatsgründer David Ben-Gurion tätig gewesen.

Da hat eine Spaltung in der Arbeiterpartei stattgefunden, und Ben-Gurion war in der Opposition. Er hat Rath persönlich gekannt und gebeten, sein Sekretär und Mitarbeiter bei diesem Wahlkampf 1965 zu sein. Das sei ein einzigartiges Erlebnis für ihn gewesen

Wie erleben Sie den Terror, der in Israel Alltag ist?

Es sei sehr schlimm; vor etlichen Tagen saßen in einem sehr populären Kaffeehaus zwei junge Palästinenser, Cousins, angezogen wie Rechtsanwälte, und sei sind plötzlich aufgestanden und haben ihre Carl Gustaf Maschinenpistolen gezogen und wild um sich umgeschossen. Dabei wurden Menschen getötet. Rath betont als Lösung wieder die Notwendigkeit eines friedlichen Ausgleichs mit den Palästinensern und zeigt sich erneut kritisch gegenüber der Siedlungspolitik von Netanyahu.

Ich habe vor wenigen Tagen einen Fernsehbericht gesehen, da ging es um 2 palästinensische Schüler, 9 und 11, die wollten beide einen Soldaten töten. Der 11jährige wurde danach befragt, was ihn dazu bewogen hat und er sprach: „Ich sehe immer im Fernsehen, wie über Märtyrer gesprochen wird –  ich wollte als Märtyrer sterben. Deshalb wollte ich an den Checkpoint gehen, um den Soldaten zu erstechen –  ich wollte mich rächen.“ –  Es wird Hass geschürt?

Das stimmt leider, so der Historiker. Aber man müsse verstehen, dass sich die Jungen in einer Sackgasse sehen. Deshalb müsse man unbedingt einen friedlichen Ausgleich als endliche Lösung anstreben, ist Rath überzeugt.

Dieses Beispiel dieser beiden jungen Burschen ist ja sehr extrem.  Was die Terroranschläge durch Palästinenser betrifft, so sind es zum Großteil eher junge Menschen, die hoffnungslos sind.

Rath betont die Zweistaaten-Lösung: Solange sich die Menschen in einer politischen und auch seelischen Sackgasse befinden, werde der Hass noch mehr geschürt, und dann würde es sehr, sehr gefährlich.

Fragen aus dem Publikum:

Fühlen Sie sich mehr als Israeli oder als Österreicher?

Rath fühlt sich mehr als Israeli:

„Ich sage immer: ein Israeli mit Wiener Wurzeln. Auch wenn ich jetzt einen erheblichen Teil meiner Zeit in Wien verbringe; meine Heimat ist Israel, seit ich 1938 aus Österreich vertrieben wurde.“

Wie schätzen Sie die Friedenssicherung/-Politik, also Europa heute ein?

Der gefährliche Rechtsruck in Europa ist für Rath etwas, was man nicht kleinsprechen dürfe. Ihm bereitet es große Sorgen, dass es diese Verbindung zwischen Strache, AfD und Le Pen gibt. Europa sollte sich ähnlich wie die Vereinigten Staaten von Amerika verhalten. So könnte und würde es sehr viel erreichen.

Woran liegt es, dass es nicht gelingt?

Der Wille hänge von den politischen Parteien ab und man werde sehen; es passierte der Kanzlerwechsel und jetzt besteht die große Frage, wie Christian Kern die Politik gestaltet.

Sehen Sie im politischen Europa Hilfe oder Unterstützung in Richtung Friedensprozess?

Da wird nicht ausreichend Hilfe geboten; lediglich Tony Blair habe jahrelang sein Büro in Jerusalem gehabt als Vermittler. Leider habe es so viele Vermittler und auch Vermittlungspläne gegeben, und die meisten sind an der Hartnäckigkeit der unterschiedlichen israelischen Regierungen gescheitert. Rath kritisiert den Mangel am Willen für einen friedlichen Ausgleich.

Die Tage gibt es zwei wichtige Tage in Brüssel: Es wird der Israel. Präsident Rivlin wird nach Brüssel reisen und vor dem Europäischen Parlament sprechen. Das Spannende daran: Abbas befindet sich einen Tag darauf im Europäsichen Parlament ..

Das ist sehr positiv, so Rath. Präsident Rivlin, der übrigens mal im rechten Lager gewesen ist, hat sich sich in den Jahren seit seiner Präsidentschaft als guter, positiver Staatsmann bewiesen. Rath sieht es als positives Zeichen, würden Rivlin und Abbas einander im Europäischen Parlament begegnen.

In wieweit glauben Sie hat Fremdenhass mit Selbsthass und Selbstentfremdung zu tun?

Das ist eine sehr komplizierte Frage, die man eigentlich Psychoanalytikern stellen sollte. Fremdenhass habe seines Erachtens immer irgendwie mit einer persönlichen Unzufriedenheit im eigenen Leben zu tun. Denn Hass als solcher sei eine Eigenschaft, die ein gutgesinnter Mensch nicht haben sollte, denkt Rath.

„Wenn der Hass sich hineinschleicht, sollte man alles tun, um ihn irgendwie wieder loszuwerden.“

Ist Gewalt gegen Rechts legitim, sinnvoll oder vielleicht sogar vernünftig?

Rath meint, dass es sein gutes Recht sei, auf die Straße zu Gegendemonstrationen zu gehen. Man soll die Straßen nicht den Rechtsradikalen überlassen. Es käme auch nicht oft vor, dass die Nicht-Rechten Gewalt ausüben. Wir wissen auch, dass es nicht so lange her gewesen sei, da sei der Präsidentenkandidat der Freiheitlichen tief in der Burschenschaft verwurzelt gewesen; im ganz rechten Lager seiner eigenen Partei.

Hofer: Der Wolf im Schafspelz?

Rath: „Ich glaube nicht, dass er einen Schafspelz hat, der Hofer, auch wenn er manchmal lächelt.“

Weiters gibt der jüdische Publizist zu bedenken, dass die Wahl ist ja noch nicht endgültig ist; sie könnte noch wiederholt werden, was er natürlich nicht hofft.

Was wäre Ihre Botschaft an die Europäer?

Raths Wunsch ist es, das Vereinte Europa zu verwirklichen und nicht nur Gerede darüber erzeugen. Es sei möglich. Man brauche nur den guten Willen und den Glauben an eine bessere Zukunft. Davon ist der jüdische Historiker und Journalist Ari Rath überzeugt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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