Goethes Spiritualität (Goethes Bezug zur Bibel)

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Im letzten Artikel zur Spiritualität in der antiken abendländischen Überlieferung haben wir ansatzweise versucht aufzuzeigen, wie über die Zeiten hinweg ein erstaunlich konstanter Wesenskern bestehen blieb in den verschiedenen Redeweisen von der Bestimmung des Menschen und dessen Verhältnis zum Dasein überhaupt.

(Artikel: Spiritualität in der antiken abendländischen Überlieferung)

Im Hinblick auf das Christentum zum Beispiel konnten wir so lernen, auch mit innerer Freiheit gegenüber der christlich geprägten Vorstellungswelt, die Rede von “Gott” entsprechend zu verstehen – und zu genießen. So erscheinen alsbald alle Religionen, und darüber alle religiöse und spirituelle Dichtung, als eine Fundgrube tiefer poetischer Weisheiten über das Weltverhältnis des Menschen, die im Grunde alle wechselseitig aufeinander verweisen – und deren je verschiedene Art des Ausdrucks wir nur umso mehr genießen können, je weniger wir über die faktische Wahrheit des konkreten Wortlauts streiten müssen … je mehr wir aber deren eigentlich gemeinsames Wesen erfahren dürfen.

Nach unserem zweiteiligen Einstieg wollen wir uns nun der Epoche der deutschen Klassik zuwenden. Nicht nur, da er weltbekannt ist und allgemein hochgeschätzt, sondern auch weil ich aus Weimar schreibe, bietet es sich an, dass Johann Wolfgang Goethe hier den Anfang macht. Bereits früh hat er sich nach einem „bewusste[n] Akt religiöser Emanzipation gegenüber allen etablierten, auch und gerade gegenüber den christlichen Glaubensformen der Zeit“ den „Weg frei“ gemacht „zu einer individuellen Religiosität“, wie Günter Niggl bemerkt.1 – Goethe selber rekapituliert in seiner autobiografischen Schrift “Dichtung und Wahrheit”, er habe recht bald die Einsicht gehabt, dass „jeder Mensch […] am Ende doch seine eigene Religion“ habe, und dass „ich mir auch meine eigene bilden könne“ (HA IX, 350)2: „so bildete ich mir ein Christenthum zu meinem Privatgebrauch“ (HA X, 45).

Damit macht Goethe die eigene Bemühung einer individuellen (d.h. konfessionslosen) Kultivierung seines Bezugs zum Heiligen, Unbedingten oder Göttlichen ausdrücklich – das, was wir unter Spiritualität verstehen.

Die eigene innere Freiheit, die Goethe so zum Christentum, mit dem er aufgewachsen war, aufbringen konnte, sorgt aber gerade dafür – wie wir bereits allgemein erläutert haben -, dass ihm dieses nicht fremd wird: „Nach wie vor kann und will Goethe mit der Bibel leben“.3 Sein ganzes Werk ist durchzogen von direkten und indirekten Referenzen auf sie und zeigt dabei ein „genuin poetisches Verhältnis zur Bibel.“ 4 Er hat dabei ein deutlich historisch-kritisches Bewusstsein, das der Zeit und seinem Umfeld – nach damals eigener Erfahrung zu seinem “Stolz” – gewissermaßen vorausging:

Die Bibel als ein zusammengetragenes, nach und nach entstandenes, zu verschiedenen Zeiten überarbeitetes Werk anzusehn, schmeichelte meinem kleinen Dünkel, indem diese Vorstellungsart noch keineswegs herrschend, viel weniger in dem Kreis aufgenommen war, in welchem ich lebte.

(HA IX, 509)

Damals habe sich bei ihm schon eine „Grundmeinung“ ausgebildet hinsichtlich aller Überlieferung:

Es war nämlich die: bei allem, was uns überliefert, besonders aber schriftlich überliefert werde, komme es auf den Grund, auf das Innere, den Sinn, die Richtung des Werks an; hier liege das Ursprüngliche, Göttliche, Wirksame, Unantastbare, Unverwüstliche, und keine Zeit, keine äußere Einwirkung noch Bedingung könne diesem innern Urwesen etwas anhaben, wenigstens nicht mehr als die Krankheit des Körpers einer wohlgebildeten Seele. […] wie denn überhaupt keine Überlieferung ihrer Natur nach ganz rein gegeben und, wenn sie auch rein gegeben würde, in der Folge jederzeit vollkommen verständlich sein könnte, jenes wegen Unzulänglichkeit der Organe, durch welche überliefert wird, dieses wegen des Unterschieds der Zeiten, der Orte, besonders aber wegen der Verschiedenheit menschlicher Fähigkeiten und Denkweisen […].

(HA IX, 509)

Mit aller wünschenswerten Deutlichkeit unterscheidet Goethe hier, wovon wir seit Beginn unserer Reihe sprachen: Den eigentlichen und überzeitlichen Kern einer (religiösen) Überlieferung und die je verschiedene kulturhistorisch bedingte “Trübung” dieses Kerns. Wohl aber weiß er auch darum, dass „überhaupt keine Überlieferung ihrer Natur nach ganz rein gegeben“ wird – dies wäre denn nicht mehr als eine allgemeine, aber darüber leere und lebensferne Abstraktheit. Stattdessen zeigt er ein deutliches Bewusstsein für die Art der je kulturellen Einfärbung des universellen Wesensinhalts, und zwar aus produktionsästhetischer Perspektive (das heißt aus der Perspektive des Urhebers oder Vermittlers) und rezeptionsästhetischer Perspektive (also der Perspektive der Leser):

Niemand kann universale Wahrheiten ganz rein mitteilen, sondern bleibt auch dabei noch immer und unabwendbar ein Kind seiner Zeit und seiner Kultur. Zugleich aber wird unsere Rezeptions- bzw. Lektüreerfahrung wiederum ebenso geprägt von unserem eigenen Vorwissen und individuellen Vermögen und dem Einfluss unserer Zeit. Das ist ein menschlich-allgemeines Phänomen, das für alle menschliche Kultur und alles menschliche Leben gilt: Wir sind alle verbunden im Unendlichen, das aber nirgends “rein” sich zeigt, sondern immer nur in Form seiner je verschiedenen und je konkreten Manifestationen.5

Beim Lesen der Welt oder der Lektüre – zum Beispiel der Bibel – müssen wir dementsprechend unsere Achtsamkeit auch auf den überzeitlichen Wesenskern des Rein-Menschlichen zu richten versuchen, was oftmals nur durch vorsichtiges Abtasten und Annähern möglich wird. Vor allem aber darf der ganz innige Abgleich mit der Ganzheit der ganz eigenen Erfahrung niemals ersetzt werden, die sich selbst ebenso, so gut es geht, gegen alle bedingte Äußerlichkeit kritisch in Freiheit setzen muss. So resümiert Goethe in diesem Sinne:

Das Innere, Eigentliche einer Schrift, die uns besonders zusagt, zu erforschen, sei daher eines jeden Sache, und dabei vor allen Dingen zu erwägen, wie sie sich zu unserm eignen Innern verhalte, und inwiefern durch jene Lebenskraft die unsrige erregt und befruchtet werde; alles Äußere hingegen, was auf uns unwirksam, oder einem Zweifel unterworfen sei, habe man der Kritik zu überlassen, welche, wenn sie auch imstande sein sollte, das Ganze zu zerstückeln und zu zersplittern, dennoch niemals dahin gelangen würde, uns den eigentlichen Grund, an dem wir festhalten, zu rauben, ja uns nicht einen Augenblick an der einmal gefaßten Zuversicht irre zu machen.

(HA IX, 510)

Diese Prüfung an der innersten Lebenserfahrung jedes Einzelnen gilt nicht nur den überlieferten Religionen, sondern, wesentlich, allem Menschenleben überhaupt. Freiheit gewinnt man nur, indem man in diesem Sinn zu einem eigenständigen Gegenüber erwächst. Solche Freiheit ist keine Opposition. Entsprechend auch Goethe: “Durch diesen Begriff ward mir denn die Bibel erst recht zugänglich.” (HA IX, 510) Entsprechend der Allgemeinheit der Einsicht aber resümiert er auch: „Diese aus Glauben und Schauen entsprungene Überzeugung […] liegt zum Grunde meinem sittlichen sowohl literarischen Lebensbau […].  (HA IX, 510)

 

1 Günter Niggl: „In allen Elementen Gottes Gegenwart“. Religion in Goethes Dichtung. Darmstadt 2010, S. 14f. Niggls Buch sei auch gerne zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema dem Interessierten anempfohlen!

2 Im Folgenden zitiere ich Goethe hauptsächlich nach der Hamburger Ausgabe unter der Sigle HA mit Angabe des Bandes und der Seitenzahl: Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Textkritisch durchgesehen und kommentiert von Erich Trunz. München 2000. Diese Gesamtausgabe ist für den Heimgebrauch auch preislich erschwingbar und zitierfähig.

3 Niggl (2010), S. 63.

4 Ebd. S. 62.

5 So haben auch alle einzelnen Muttersprachen der Welt ihre universalen bewusstseinstheoretischen Grundlagen und sind zu verstehen als historisch gewachsene Manifestationen dieses universal-allgemeinen, aber in seiner Offenheit ungreifbaren Möglichkeitsreservoirs – was der Philosoph Johannes Heinrichs eindrucksvoll und überzeugend in seinem 5-bändigen Sprachwerk rekonstruieren konnte: Johannes Heinrichs: Sprache in fünf Bänden. 2009.

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