Im Land der tausend Farben

Drei Wochen durch Brasilien
Lebenswelten

Die größte Artenvielfalt unseres Planeten, menschenleere Sandstrände mit prächtigen Palmen so weit das Auge reicht und direkt daneben riesige Metropolen mit Slums und No-Go-Zonen: Brasilien ist atemberaubend und voller Nervenkitzel. Als ich 10.000 Kilometer über den Atlantik auf die andere Seite der Welt flog, veränderte sich sehr vieles. Nicht nur die Landschaft, die Natur und die Menschen um mich herum, sondern vor allem ich selbst.

„Bist du dir sicher, dass du nach Brasilien willst? Es ist wirklich gefährlich dort!“ Faszination und Worte des Zweifels schlugen mir gleichermaßen entgegen, als ich von meiner anstehenden Reise erzählte. In die Vorfreude mischten sich wenige Wochen vor Abflug Zweifel ob der richtigen Entscheidung. Um mich zu beruhigen, las ich stundenlang Reisetipps und informierte mich über mögliche Krankheiten und Gefahren, denen ich besser aus dem Weg gehen sollte. Wie zu erwarten, half das nicht: Die Sorge blieb.

Aber kaum war das Flugzeug in Recife (Nordeste, dort wo Brasilien den „Knick“ macht) gelandet, hatte ich nur noch Augen für die Landschaft, die so anders aussieht als bei uns, das weite Meer mit seinen wunderschönen Sandstränden und die Menschen. Die engen Straßen von Maragogi und Pipa, holprige Wege aus rotem Sand mit Löchern, in denen der rote Fiat locker hätte versinken können und mit Brasilianern an einem Freitagabend im vibrierenden Porto de Galinhas zu feiern, faszinierte mich, schärfte aber auch meine Sinne. Mein Kopf hatte viel zu tun, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und gleichzeitig wachsam und aufmerksam für meine Umgebung zu sein.

Es dauerte genau einen Tag, bis die Faszination über die Unsicherheit und Angst siegte. Ich wollte so viel wie nur möglich sehen – und konnte viele Momente gar nicht richtig genießen, weil so viel auf mich einprasselte und die Zeit an einem Ort oft knapp war. In den Megastädten Rio de Janeiro und São Paulo, lebhaften Küstenorten im Norden wie Pipa und Maracaipe und in der Natur mit einzigartigen Tieren und prächtigen Pflanzen, sprühte es nur so vor Leben. Brasilien lebte, vibrierte und pulsierte, wohin ich schaute.

Brasilien ist so bunt und lebensfroh, so grün und gleichzeitig städtisch, überall ist Leben, Musik, Gewusel. Das Leben findet überwiegend auf der Straße statt. Jeder fährt hier Auto. Die Menschen sind auch zu Fremden freundlich, offen und entspannt, aber die Armut und Probleme, mit denen Brasilien kämpft, sind überall zu sehen und zu spüren.

Tagebucheintrag vom September 2023
Strandspaziergang auf der Ilha Grande nahe Rio de Janeiro

Die Farben der Natur, das leuchtende Türkis des Meeres, die strahlenden Grüntöne des Regenwaldes (Mata Atlântica) und die vielen bunten Tiere und Blumen spiegeln sich überall wieder – im Essen, in den Häuserfassaden, den Autos und der Kleidung der Menschen. Zum ersten Mal musste ich mich in einer 20-Millionen-Stadt zurechtfinden. 500 Kilometer weiter nördlich ließ ich mich an einem Sonntag mit den „Cariócas“ von der U-Bahn bei gleißender Sonne bis fast an die weltberühmte Copacabana spülen.

Ein Traum wurde wahr, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn überhaupt hatte. Und das löste etwas in mir aus und hinterließ tiefe Spuren.

Inseln vor der Ilha Grande bei Rio de Janeiro
Inseln vor der Ilha Grande nahe Rio de Janeiro

Die Fassade bröckelt an vielen Stellen

Auf den ersten Blick ist das Leben in Brasilien einfacher und lockerer als wir es in Mitteleuropa kennen. Lebensfreude scheint aus jedem Haus und jeder bunten Wand zu sprühen. Wer genauer hinschaut und die touristischen Trampelpfade verlässt, erkennt, dass die Menschen in Brasilien – egal, ob reich oder arm – hart und diszipliniert arbeiten. So wie Adonias, ein Brasilianer in seinen Fünfzigern, der sich einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt ausgesucht hat, dafür aber jeden Tag körperlich schuftet. Adonias arbeitet in Vila do Abraão, der Hauptstadt der Insel Ilha Grande vor Rio, in einer Unterkunft (Pousada). In Flipflops und im ärmellosen Fußballshirt in Gelbgrün zerrte er mit einem Sackkarren unsere 23 Kilo schweren Koffer und Rucksäcke unbeirrt über den sandigen, unebenen Boden. Autos oder Motorräder gibt es hier nicht, Straßen ebenso wenig.

Adonias, der an einem paradiesischen Ort hart körperlich schuftet

Adonias ist ein Beispiel für das Leben, das die meisten der 215 Millionen Brasilianer führen. Denn so malerisch wie die Fassade ist das Leben dort nicht. Drogenabhängige machen die Zentren der Großstädte quasi unbegehbar und viele Menschen überleben trotz Arbeit nur gerade so. Für sie interessiert sich niemand, selbst die Regierung hat sie aufgegeben. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich die Favelas in Rio und São Paulo und empfand eine Mischung aus Mitleid und Faszination für diese Lebensweise. Denn als „Stadt in der Stadt“ sind die Favelas nur geduldet und daher in desolatem Zustand ohne offizielle Energieeversorgung, Abfallwirtschaft oder Apotheken und Ärzte.

Favela in Rio de Janeiro im September 2023

Gegensätze, wohin man schaut

Von diesem Elend, das in Brasilien gar nicht zu verstecken versucht wird, lenken das sonnige Wetter, die weißen Sandstrände und die Tier- und Pflanzenwelt ab. Die brasilianische Herzlichkeit, Offenheit und Lebensfreude machen fast süchtig und die dunklen Ecken und Schattenseiten ziehen jeden in den Bann, der ein bisschen Herausforderung und Abenteuer sucht. Hier laufen die Dinge nicht so wie im geordneten Mitteleuropa. Landstraßen verwandeln sich bei Dunkelheit in gefährliche Routen, die man dann besser meidet, weil Überfälle nicht unüblich sind. Die Zentren großer Städte wie São Paulo und Recife sind No-go-Areas, wenn man nicht im gepanzerten Auto unterwegs ist. Und in den Favelas herrschen Gewalt, Drogen, Selbstjustiz und das Recht des Stärkeren.

Die Gegensätze sind extrem. Weil sich Rio und São Paulo immer weiter ausbreiteten, wuchsen die millionenteuren gläsernen Bürogebäude mit den Verschlägen der ärmeren Bevölkerung quasi zusammen. So wie das „Centro empresarial São Paulo“, von dessen Glasfassade der Blick direkt in die angrenzende Favela geht. Die obere Mittelschicht hat sich in schillernden Hochhäusern ihre eigene Realität geschaffen und sich gegen das Elend in „gated communities“, sogenannten condomínios, mit hohen Zäunen und Sicherheitspersonal abgeschottet. Daneben „hausen“ Menschen zusammengepfercht an den Hängen in illegalen Siedlungen eng Tür an Tür, Wand an Wand. Jeder fünfte Brasilianer lebt in solchen provisorischen Häusern. Kilometerweit erstrecken sich die Favelas über die Hügel und prägen das Bild der Städte, in denen man sich schon an die Zustände gewöhnt und sie akzeptiert hat.

Blick vom Museu Paulista (im Stadtteil Ipiranga) auf São Paulo

Brasilien verändert sich – und mich

Brasilien gilt als aufstrebende Wirtschaftsmacht, besonders in der Hauptstadt Brasilia, in Rio de Janeiro und São Paulo ist gut Geld zu machen. Wirtschaftlich geht es dem sich entwickelnden Land zwar nicht schlecht, die Korruption verhindert aber, dass die Entwicklung auch bei den Menschen „unten“ ankommt: Sie verschlingt jedes Jahr 11 Millionen Euro, 111 Millionen Euro werden in der gleichen Zeit an Steuern hinterzogen – und das sind nur die geschätzten Zahlen.

Als neuntstärkste Wirtschaftsnation der Welt sollte eigentlich genug für alle da sein – nicht aber, wenn der Wohlstand absolut ungerecht verteilt ist (wie ein Gini-Koeffizient von 52,9 Prozent zeigt – Anmerkung: Je höher der Wert, desto ungleicher). Wer reich ist und im richtigen Viertel wohnt, lebt dort ein sehr gutes Leben. Wer weniger hat, der kämpft. Und wer in der Favela geboren ist, hat kaum Chancen, aufzusteigen und aus dem Slum herauszukommen.

im Jahr 2022BrasilienÖsterreich
Bruttoinlandsprodukt (BIP)2 Bio. Euro478 Mia. Euro
Einwohner215 Mio.9 Mio.
BIP pro Kopf9300 Euro53000 Euro
Gini-Koeffizient in Prozent
(Ungleichverteilung)
52,927,8
Steuerhinterziehung111 Mio. Euro1,25 Mia. Euro
Korruptionsschäden11 Mio. Euro15 Mia. Euro
Vergleich von Wirtschaftsfaktoren zwischen Brasilien und Österreich

Brasilien hat mich verzaubert und in seinen Bann gezogen. Das Land und die Reise haben mich verändert: Meinen Blick auf das Leben, auf meinen Wohlstand, unseren wundervollen Planeten, meine Toleranz für andere Lebensformen und ein Stück mehr an Wissen, wie viel und was genau wirklich zum Leben notwendig ist und zählt. Die Reise hat mir den notwendigen Mut und das Selbstvertrauen gegeben, um in und durch meinen Beruf wirklich wirken zu können. Etwas, das seit 20 Jahren in mir schlummert und das ich bisher immer weggeschoben oder ignoriert habe, wurde geweckt: Den Wunsch, als Journalistin von einem anderen Ort der Welt berichten zu dürfen, die Wunder des Lebens sichtbar und greifbar zu machen und nicht wegzuschauen, wenn etwas falsch läuft.

Ob ich also wiederkehre? Certamente – ganz sicher.

Dieser Bericht wurde erstveröffentlicht auf dem Blog Pillars of Truth: https://pillarsoftruthblog.com/2024/05/29/das-land-der-tausend-farben-drei-wochen-durch-brasilien/

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