Jenseits des Offensichtlichen

Jenseits des Offensichtlichen

Jede Kultur hat ihre Eigenheiten. In jeder Kultur wird ein bestimmtes Verhalten als akzeptabel und angemessen angesehen. Doch bleibt ein bestimmtes Denken vorherrschend, das den Ansturm von Globalisierung und Wandel überlebt zu haben scheint. Einige bestimmte Sitten werden in Ehren gehalten und gewisse Traditionen gepriesen. Verstöße dagegen werden üblicherweise abgelehnt, wenn nicht sogar bestraft.

Meine Bedenken beziehen sich nicht auf die Verehrung und Bevorzugung, die bestimmten Sitten, Traditionen oder Glaubensinhalten in irgendeiner bestimmten Kultur entgegengebracht wird. Solche Bevorzugungen oder Verehrungen sind Kennzeichen der Unverwechselbarkeit einer Kultur. Meine Bedenken beziehen sich auf die Art, wie sie sich in der Psyche ihrer Mitglieder verfestigen, die sie an die nächste Generation weitergeben, ohne ihre Stichhaltigkeit und Glaubwürdigkeit infrage zu stellen.

Ich bekräftige die Notwendigkeit, die Eigenheiten unseres Glaubens, unserer Sitten und Traditionen infrage zu stellen und die Verzerrungen, die Widersprüche und die negativen Auswirkungen unseres Glaubenssystems zu erkennen. Ich möchte, dass wir lernen, hinter das Offensichtliche zu schauen.

Es steht außer Frage, dass etablierte Sitten und Glaubensinhalte die Ansichten und Entscheidungen der Menschen formen, die sie teilen. Die Art, wie kulturelle Eigenheiten die Vorlieben, die Neigungen und das Verhalten der Menschen formen oder gestalten, ist von sehr subtiler und heimlicher Natur, und doch nehmen sie einen sehr festen Platz in ihrem Unterbewusstsein ein. Man muss sich seiner spontanen Reaktionen bewusst sein; seiner Wünsche und seines Verlangens, das zuweilen angeboren oder natürlich erscheinen mag, sowie seiner Vorlieben und Neigungen. Man muss sich dessen bewusst sein, denn:

Ich glaube, dass unser bewusstes und unbewusstes Denken ständig und maßgeblich von unserer soziokulturellen Umgebung konstruiert wird.

Haben unser Verlangen und unsere Wünsche irgendetwas an sich, sodass sie als angeboren angesehen werden könnten? Sind unsere Vorlieben und Neigungen ein Ausdruck unseres inneren Selbst? Ja, ich glaube schon. Ich glaube aber auch, dass sie ebenso eine Manifestation unseres kulturellen Kontextes sind. Die Art, wie wir denken und wahrnehmen, die Art, wie wir uns benehmen und verhalten, unsere Entscheidungen und Wünsche, all dies ist Ausdruck unseres inneren Selbst ebenso wie der Kultur, der wir angehören. Tatsächlich ist unser Verständnis unserer Umgebung und der Welt im Ganzen eine Funktion unserer Kultur.

Die Kultur, in der ich aufwuchs, prägte in mir eine bestimmte Einstellung und eine bestimmte Art des Denkens und Wahrnehmens.  Alles erschien mir überzeugend und offensichtlich, bis ich eines Tages meine Umgebung durch eine andere Linse betrachtete. Meine Überzeugungen und Sichtweisen begannen zu zerfallen. Ein spezielles Gebiet, auf dem kulturelle Eigenheiten besonders klar zutage treten, ist das Gebiet der Geschlechternormen. Ich glaube, dass jede Kultur ihre unverwechselbar eigentümlichen Normen hat, wenn es um die Geschlechter geht.

In Indien gibt es die besonders tief verwurzelte Überzeugung, dass eine verheiratete Frau sich klar von einer unverheirateten unterscheiden müsse. Verheiratete Frauen sollen „verheiratet“ aussehen. Sie müssen äußerlich von den unverheirateten und auch von den Witwen unterscheidbar sein. Daher schmücken sich verheiratete Frauen in Indien normalerweise auf eine bestimmte Art, um verheiratet auszusehen. Diese Art der Aufmachung kann zu einem Teil ihrer Identität werden, einem Kennzeichen ihres Ehestatus. Die Frage ist jedoch: Gibt es wirklich eine Notwendigkeit dafür, verheiratet auszusehen? Was könnte der Zweck einer solchen Sitte oder Anforderung an verheiratete Frauen sein?

Ja, es ist offensichtlich, dass dies soziale Konstrukte sind. Und sie werden listig durch die Anwendung zusammenhangloser Logik konstruiert und durch die Zeitalter immer wieder bestätigt, um die Anforderungen einer patriarchalischen Sozialordnung zu erfüllen.

Ich fordere nicht die völlige Ablehnung dieser Eigenheit unserer Kultur in Bezug auf Geschlechternormen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen einer jeden Kultur sich der Bedeutung, der Stichhaltigkeit und der Nebeneffekte ihrer kulturellen Normen bewusst sein sollten. Ich freue mich auf eine Umgebung, in der Normen infrage gestellt und Eigenheiten entwirrt werden, bevor man sie akzeptiert.

Man muss wissen, dass es in dem Mix, der einer Frau auf magische Art eine verheiratete Erscheinung verleiht, einige extrem wichtige Bestandteile gibt. Für Hindus ist der wichtigste Bestandteil, der als Kennzeichen des Ehestatus gilt, ein Sindoor genanntes Pulver, das auf die Scheitellinie aufgetragen wird. Dies wurde nie infrage gestellt und hat eine universelle Verwendung; so wird jede Hindu-Gemeinschaft in fast jedem Teil Indiens die Unantastbarkeit dieser Sitte bestätigen und ihre Aufrechterhaltung unterstützen.

Sindoor ist ein rotes Pulver, das verheiratete Frauen auf ihre Scheitellinie auftragen oder als Bindi – ein farbiger Punkt – auf ihre Stirn. Es ist eines der sichtbarsten und am meisten akzeptierten Kennzeichen, an dem jeder in Indien eine verheiratete Frau erkennen kann. Es ist wichtig zu erwähnen, dass dies ein Privileg verheirateter Frauen ist, denn unverheiratete dürfen es nicht benutzen.

Ich glaubte lange Zeit, dass daran nichts Eigentümliches sei.

Ich sah es als unbestreitbare Norm an, und es sollte überall auf der Welt ähnliche Normen geben, die von einer verheirateten Frau verlangen, verheiratet auszusehen. Als ich aufwuchs, sah ich, wie jede verheiratete Frau das Sindoor mit Verehrung in ihrem Herzen auftrug. Ich dachte und begann zu glauben, dass es Glück bringe, dass es etwas Heiliges sei.

Andere Bestandteile des Mixes sind leuchtend bunte Kleidung und schwerer Schmuck. Von verheirateten Frauen wird in Indien erwartet, dass sie leuchtende Farben tragen und sich mit viel Schmuck behängen. Eine verheiratete Frau ohne Schmuck ist eine unerwünschte Abweichung von der Norm, die sehr oft verwirrte Blicke und Fragen älterer Frauen auf sich zieht. Tatsächlich würde ich sagen, dass leuchtende Farben und Schmuck in Indien allgegenwärtig sind, da sie dort von allen verheirateten Frauen, unabhängig von ihrer Religion, ihren Sitten und Traditionen, reichlich verwendet werden.

Nach und nach, mit mehr Abstand und verschiedenen Erfahrungen, begann ich, den patriarchalischen Aspekt darin zu sehen und es als eine patriarchalische Anforderung zu betrachten. Dennoch kann ich es nicht als Diktat bezeichnen, weil viele Frauen in Indien es lieben, ihren Scheitel mit dem roten Pulver zu schmücken. Es ist eine strikte Vorgabe, die aber von den meisten Frauen auch nicht infrage gestellt wird.

Für die ältere Generation ist diese Sitte unantastbar; sie dient vorrangig dazu, die eigene Akzeptanz in der Gesellschaft zu bestimmen, aber auch als Bekenntnis ihrer unbestrittenen Verehrung von Gebräuchen und Traditionen. Doch für die jüngere Generation transportiert es verschiedene Bedeutungen, und daher wird diese Vorgabe von ihr auf unterschiedliche Art interpretiert und gerechtfertigt. Einige folgen der Sitte aus Liebe zur Tradition. Manche halten daran fest, um die Gefühle der Menschen in ihrer Umgebung nicht zu verletzen, während viele andere die Sitte unter der Ausrede akzeptieren, dass es ja nicht mehr als eine bloße Verzierung sei.

Unter den Hindufrauen der jüngeren Generation in den urbanen Gebieten ist es in Mode gekommen, das Sindoor nicht zu verwenden. Ebenso ist es in Mode, das verheiratete Aussehen zu vermeiden. Doch meine Sorge ist, ob eine solche Mode wirklich etwas mit einem bewussten Infragestellen vorherrschender Sitten zu tun hat, die uns bestimmte Dinge tun lassen und ein bestimmtes Verhalten aufzwingen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Jenseits des Offensichtlichen Jenseits des Offensichtlichen Sumana Singha CC BY-SA 4.0