Kann die Ausrottung der Elefanten noch verhindert werden?

Afrikanische Elefanten

Afrikas Elefanten sind beeindruckende, ikonische Geschöpfe. Doch mit ihren Stoßzähnen tragen sie ein Material mit sich herum, das immens wertvoll ist – und einen starken Anreiz gibt, sie zu töten. Die steigende Nachfrage nach Elfenbein in Asien befeuert im Zusammenspiel mit politischen Problemen in einigen afrikanischen Ländern eine eskalierende Wilderei, die die Art innerhalb kurzer Zeit an den Rand der Ausrottung gebracht hat. In den letzten Jahren sind schockierende Zahlen über den Rückgang der Afrikanischen Elefanten an die Öffentlichkeit gelangt: Wissenschaftler befürchten, dass die Art innerhalb der nächsten zwanzig Jahre ausgelöscht werden könnte!

Zwar geraten Elefanten – wie sehr viele andere Tierarten – auch durch die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume zunehmend unter Druck. Der derzeit absolut bedrohlichste Faktor für den Fortbestand der Art ist jedoch der massenhafte Abschuss der Tiere, um an ihr Elfenbein zu gelangen, für das immer höhere Preise gezahlt werden. Dieses Problem ist nicht neu, es schien aber vor einigen Jahren schon einmal weitgehend gelöst zu sein:

Nachdem zwischen 1979 und 1989 ungefähr die Hälfte aller Elefanten Afrikas wegen ihres Elfenbeins getötet worden waren, wurde der Elfenbeinhandel 1989 auf Grundlage des Washingtoner Artenschutzübereinkommens weltweit verboten. Dieses Verbot war zunächst so effektiv, dass die Abschüsse deutlich zurückgingen und die Bestände sich erholen konnten.
Elfenbein
Das Elfenbein ist zur Finanzbasis von Terrorgruppen geworden (im Bild beschlagnahmte Schmuggelware). (Bildmaterial wurde vom WWF zur Verfügung gestellt.)

Einige Zeit sah es für die Elefanten nicht schlecht aus. Doch schon 1997 wurde das Handelsverbot durch eine Reihe von Sonderregelungen wieder aufgeweicht: In die USA darf Elfenbein seitdem wieder eingeführt werden, wenn es sich um Jagdtrophäen handelt, und in China ist es legal, Material aus Lagerbeständen in kleinen Mengen zu verkaufen. Die größten Auswirkungen hatte jedoch die Sondergenehmigung, die es einigen afrikanischen Ländern erlaubte, große Mengen beschlagnahmter Stoßzähne, die beim Inkrafttreten des Handelsverbots eingelagert worden waren, zu verkaufen. Dadurch gelangte sehr viel Elfenbein ganz plötzlich in den Handel. Das große Problem dabei:

Legal gehandeltes Elfenbein zieht stets eine noch viel größere Menge illegal gehandelter Ware nach sich, denn es bringt die Konsumenten auf den Geschmack und erhöht so die Nachfrage – und ob das Elfenbein, das an die Endkunden verkauft wird, aus legalen oder illegalen Quellen stammt, lässt sich in der Praxis kaum nachvollziehen. Auf diese Art treibt ein begrenzter legaler Handel die Wilderei zur Beschaffung neuer Ware und den massenhaften illegalen Handel an.

So konnte der Elfenbeinhandel seit Ende der Neunzigerjahre wieder in Schwung kommen. Dennoch blieb die Wilderei lange Zeit in verhältnismäßig geringem Ausmaß: Zwischen 1997 und 2008 wurden jährlich nur etwa 0,6 % des Elefantenbestands getötet, was noch keine bedrohliche Zahl war. Seit den späten Nullerjahren ist die Menge des gehandelten Elfenbeins jedoch plötzlich enorm stark angestiegen, und die Zahl der getöteten Elefanten erreichte innerhalb kurzer Zeit Dimensionen, die für den Fortbestand der Art äußerst gefährlich sind:

Allein im Jahr 2011 wurden rund 40.000 Tiere getötet, rund 8 % des gesamten damaligen Bestands. Schätzungen zufolge gibt es derzeit noch ungefähr 400.000 Elefanten. Davon werden um die 100 Tiere gewildert. Pro Tag!

Da die Zahl der getöteten Tiere die Geburtenrate seit Jahren weit übersteigt (Elefanten haben eine sehr niedrige Reproduktionsrate und können sich nur langsam vermehren), ist ein Zusammenbruch der Populationen innerhalb weniger Jahrzehnte unausweichlich, sofern es nicht gelingt, die Wilderei maßgeblich einzuschränken.

In den letzten zwei Jahren gelangten wahrhaft schockierende Zahlen über das Ausmaß dieses Massakers an die Öffentlichkeit. So wurden Ende August 2016 die Ergebnisse des „Great Elephant Census“ veröffentlicht: Die höchst aufwendige, über zwei Jahre lang dauernde Zählung ergab, dass die Population in 18 afrikanischen Ländern zwischen 2007 und 2014 um 30 % zurückgegangen ist und der Rückgang derzeit mit rund 8 % pro Jahr weiter rapide voranschreitet (Details darüber auf www.greatelephantcensus.com und www.elephant-atlas.org). Die Wissenschaftlerin Dune Ives, die an der Studie beteiligt war, wies beim „Elefantengipfel“ von Botswana im März 2015 darauf hin, dass die Elefanten in zehn bis zwanzig Jahren in freier Natur vollständig ausgerottet sein werden, wenn es so weitergehe. Verantwortlich für diese Entwicklung ist zweifellos ganz überwiegend die Wilderei, andere Probleme wie der Klimawandel oder die Zerstörung natürlicher Lebensräume sind hierbei weitaus weniger bestimmend.

Elfenbein als Finanzbasis für Terrorgruppen

Die Wilderei wird jedoch nicht nur durch das ständige Steigen des Elfenbeinpreises und die immer noch drückende Armut in weiten Teilen Afrikas befeuert. Seit einigen Jahren ist noch eine weitere, äußerst bedrohliche Komponente hinzugekommen:

Terroristische Gruppen, die in manchen instabilen afrikanischen Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, dem Tschad oder dem Südsudan weitgehend unbehelligt agieren können, haben die Wilderei und den Handel mit Elfenbein als lukrative Geldquelle entdeckt.

Zwar ist es nach Aussage des WWF auch schon früher vorgekommen, dass sich lokale Rebellengruppen durch Elefantenwilderei finanzierten, doch hat das Problem zwischen 2005 und 2010 innerhalb kurzer Zeit ein völlig neues Ausmaß angenommen. Eine Schlüsselrolle dabei spielt vor allem die Lord’s Resistance Army (LRA): Diese extrem menschenverachtende und äußerst gewalttätige Rebellengruppe wurde in den Achtzigerjahren in Uganda durch Joseph Kony gegründet, der heute noch ihr unbestrittener Anführer ist. Die LRA ist vor allem durch Terroraktionen gegen die Zivilbevölkerung, darunter die massenhafte Versklavung von Kindersoldaten, bekannt geworden. Kony ist heute einer der meistgesuchten Terroristen Afrikas; derzeit hält er sich vermutlich im Südsudan auf, wo er hervorragende Beziehungen zum Militär und hochrangigen Politikern unterhält.

2015 führte der amerikanische Investigativjournalist Bryan Christy in Kooperation mit der National Geographic Society ein aufwendiges Experiment durch: Er ließ ein künstliches Imitat eines Stoßzahns herstellen und versah es mit einem GPS-Sender, der ständig seine Position übermittelte. Christy schleuste das Imitat in der Zentralafrikanischen Republik in den Strom des gewilderten Elfenbeins ein, um die Transportwege, für die es bislang keine detaillierten Belege gab, nachvollziehen zu können. Das Experiment funktionierte und bewies, dass die LRA gewildertes Elfenbein – streckenweise mit Trägerkolonnen, die durch den Dschungel ziehen – in den Südsudan schmuggelt, um es dort gegen Waffen einzutauschen. Aber auch die sudanesischen Dschanschawid-Milizen sowie die islamistische Organisation Al-Shabaab aus Somalia haben den Elfenbeinhandel als neue Geldquelle entdeckt. Da es in ihren Ländern schon längst keine Elefanten mehr gibt, unternehmen sie regelrechte Raubzüge in die angrenzenden Staaten, bei denen sie in kurzer Zeit möglichst viele Tiere töten.

Das Elfenbein wird auf diese Art zum Profitbringer skrupelloser Terrororganisationen, zu einem „Konfliktrohstoff“ ähnlich den „Blutdiamanten“, die in den Neunzigern den Bürgerkrieg in Sierra Leone anheizten.

Die Wilderei ist inzwischen militärisch organisiert, sie wird mit immer besseren und effektiveren Waffen durchgeführt, Kalaschnikows, Nachtsichtgeräte und möglicherweise sogar Hubschrauber werden eingesetzt.

Die Ranger der Nationalparks, deren Aufgabe der Schutz der Elefanten ist, sind den Wilderern zahlenmäßig weit unterlegen und schlecht ausgerüstet. Sie sehen sich mit einer demotivierenden Übermacht konfrontiert, die sie mit einem regelrechten Krieg überzieht: So wurde im Januar 2009 das Hauptquartier der Ranger im Garamba-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo von einer 180 Mann starken Gruppe der LRA angegriffen, 17 Ranger wurden dabei getötet. Garamba ist nach wie vor ein Hotspot der Elefantenwilderei durch die LRA, die den Park seit Jahren weitgehend unter Kontrolle hält und regelrecht abräumt.

Wohin geht das Elfenbein?

Das Elfenbein wird von den Wildereigebieten direkt oder über Umwege in ostafrikanische Küstenländer wie Kenia oder Tansania gebracht. In den dortigen Exporthäfen wird es in Containern mit unverfänglichen Waren versteckt und so zum allergrößten Teil nach Asien verschifft. Die in Export-, Transit- und Importländern weit verbreitete Korruption erleichtert diesen Schmuggel. Der Haupthandelsplatz ist Hongkong, der weitaus größte Zielmarkt China. Die Wertsteigerung, die das Elfenbein auf diesem Weg erfährt, ist enorm: Derzeit liegt der Preis für die afrikanischen Wilderer bei etwa 100 US-Dollar pro Kilo, in China wird mehr als das Zwanzigfache gezahlt!

Rund drei Viertel des Elfenbeins landen in China, weitere wichtige Absatzmärkte sind die Philippinen, Thailand und Vietnam, aber auch die USA.

In Europa spielt der illegale Handel mit Elfenbein durch die konsequente Durchsetzung strenger Gesetze und ein weit verbreitetes Bewusstsein für die Artenschutzproblematik praktisch keine Rolle. In Ostasien ist es dagegen als „weißes Gold“ hoch begehrt und wird ganz offen in der Auslage schicker Läden angeboten: Schmuckstücke und kunstvoll geschnitzte Skulpturen erzielen enorme Preise, Gegenstände aus Elfenbein gelten als hochkarätiges Statussymbol und Glücksbringer. Ein Geschenk aus Elfenbein garantiert sowohl dem Schenkenden als auch dem Beschenkten hohen sozialen Status.

Die wachsende Mittel- und Oberschicht Asiens hat genug Geld und ist bisher noch viel zu wenig für das Problem sensibilisiert, das sie damit anrichtet.

Ihre Nachfrage ist der Treibstoff für die Wilderei in Afrika und löst eine paradoxe Entwicklung aus: Je weniger Elefanten es gibt und je knapper das Elfenbein dadurch wird, umso höher steigt sein Wert. Dadurch können die Gewinne trotz geringerer Handelsmengen stabil gehalten oder sogar noch gesteigert werden.

Inzwischen gibt es Bemühungen, die Nachfrage in den asiatischen Ländern durch Informationskampagnen zu dämpfen, die den gesellschaftlichen Status des Elfenbeins verändern sollen: Wenn es gelänge, den Besitz von Gegenständen aus Elfenbein sozial inakzeptabel zu machen, wäre viel gewonnen. Doch auch auf höchster Ebene scheint in Asien ein Umdenken einzusetzen: Der Staatsrat der Volksrepublik China hat Ende Dezember 2016 bekannt gegeben, den Handel mit Elfenbein noch im Lauf des Jahres 2017 zu verbieten. Die Nachricht sorgte für weltweite Aufmerksamkeit. Eberhard Brandes, Vorstand des WWF Deutschland, zeigt sich optimistisch:

China ist heute der weltweit größte legale Elfenbeinmarkt. Seine Schließung ist eine wichtige Voraussetzung, um das Abschlachten der Elefanten aufzuhalten.

Ob die Wilderei durch diese Maßnahme soweit eingedämmt werden kann, dass sich die Bestände der Tiere langsam erholen können, bleibt abzuwarten; schließlich geht es hierbei nur um China, und dieses Land ist zwar der größte, aber nicht der einzige Absatzmarkt, außerdem könnte sich ein Schwarzmarkt entwickeln. Eine gute Nachricht ist es aber in jedem Fall, alleine schon wegen der großen Signalwirkung, so Brandes:

Wenn die Schließung der Märkte gelingt und erfolgreich kontrolliert wird, könnte dies ein erster Schritt der Beendigung der katastrophalen Wildereikrise in Afrika sein.

Weiterführende Links:

National Geographic: Die Spur des Elfenbeins

National Geographic: Die Macht der Konsumenten

WWF: Zahl der Savannenelefanten bricht um 30 Prozent ein

WWF: China verbannt Elfenbein

Credits

Image Title Autor License
Afrikanische Elefanten Afrikanische Elefanten Andy Rouse mit freundlicher Genehmigung von WWF (Hannes Greber)
Elfenbein Elfenbein James Morgan mit freundlicher Genehmigung von WWF (Hannes Greber)