Männer als Opfer der patriarchalischen Kultur

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Es ist ein natürlicher und bis zu einem gewissen Grad sogar gerechtfertigter Umstand, die bestehenden Geschlechterverhältnisse als ein Produkt einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung zu betrachten, die sich auf die Unterdrückung von Frauen durch Männer in jeder erdenklichen Weise zentriert. Die meisten Verbrechen gegen Frauen in fast allen Gesellschaften sind eben geschlechtsspezifiziert.

Von sexueller Gewalt bis hin zu häuslicher Gewalt gegen Frauen reicht die Palette, die so die enge Beziehung zwischen soziokulturellen Normen und dem Patriarchat manifestiert. Somit ist verständlich, dass eine Feministin wie ich beispielsweise dazu neigen könnte, das Aufkommen von Gewalt sofort mit Männern in Verbindung zu bringen. Die Situationen werden also gerne durch eine konservative Linse betrachtet und analysiert – mit Fokus auf den Unterdrücker. Hierbei vernachlässigt man jedoch das Bild des Unterdrückten und verschleiert die Informationen über das Geschlecht.

Bis vor Kurzem kam mir nicht einmal in den Sinn, auch Männer als Opfer eines Patriarchats und repressiver Geschlechternormen zu sehen. Das war für mich undenkbar. Und genauso wird es vielen anderen Frauen und Männern ergehen. Der Geschlechterdiskurs fokussiert stets auf Frauenfragen und befasst sich kaum mit dem Thema Männlichkeit und den damit einhergehenden Erfahrungen von Männern als Geschlechterkategorie. Man kann natürlich weiterhin argumentieren, dass Männer im Laufe der Geschichte die Position des Unterdrückers und Frauen die der Unterdrückten eingenommen hätten und dass aus diesem Grunde Frauen im Geschlechterdiskurs mehr Aufmerksamkeit benötigen würden als Männer. Doch dieses Argument ist unangemessen und lückenbehaftet.

Im Zuge meiner Forschungsstudien im Bereich “Männlichkeit” ist mir eingehend klar geworden, dass sich Geschlechtsidentitäten nicht auf Körper- oder Persönlichkeitsmerkmale beschränken lassen. Männlichkeit oder Weiblichkeit muss also als eine Serie von Mustern verstanden werden, durch die Männer und Frauen einen bestimmten Platz im Geschlechterverhältnis einnehmen können. Oder in einfachen Worten: Männlichkeit und Weiblichkeit sind soziale Konstrukte, und jede Kultur setzt darin besondere Maßstäbe für Männer und Frauen fest. Diese Standards werden in der Folge von Männern und Frauen in deren jeweiliger Kultur verinnerlicht.

Sind die für Frauen festgelegten Standards also unterdrückender Natur und bergen Ungleichheit und Ungerechtigkeiten in sich, so darf man nicht davon ausgehen, dass die für Männer festgesetzten Standards besonders erlösend oder erfüllend sein könnten. Zweifellos erscheinen die Geschlechternormen oder -standards für Männer in dieser Kultur günstiger als die für Frauen. Und doch wäre es naiv, nähme man an, dass sich Männer diese Standards der Männlichkeit in ihrer Kultur nicht erkämpfen und diese auch nicht aufrechterhalten müssten. Oft sind nämlich genau diese Maßstäbe für Männlichkeit die Quelle für Unterdrückung und Ausbeutung vieler Menschen. Diese Besorgnis wurde in den LGBT-Kämpfen (LGTB = Abk. für: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) ausgedrückt, da Homosexualität oft stigmatisiert wird – weil unsere Kultur aus einer einzigartigen Form von Männlichkeit bestehen sollte, nämlich aus der heterosexuellen Männlichkeit.

Dieses Phänomen lässt sich durch das Konzept der hegemonialen Männlichkeit erklären. Im Laufe der Zeit etablierte sich die Idee der Pluralität der Männlichkeit und diente weiters dazu, die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen von Männern mit unterschiedlichen Männlichkeiten im Kontext zu verstehen. Die Analyse der Unterdrückung von Männern durch Männer erwies sich als besonders wichtig innerhalb der Schwulenbefreiungsbewegungen. Die Entwicklung solcher Hierarchievorstellungen innerhalb der Männlichkeiten führte wiederum zur Entwicklung der Idee der hegemonialen Männlichkeit. Diese Hierarchisierung von Männlichkeiten sollte auch nach Rasse, Klasse und Ethnizität gestaltet werden.

Die hegemoniale Männlichkeit verkörpert die dominanteste und ehrenhafteste Weise, als Mann gesehen zu werden. Der Aufstieg zum hegemonialen Status wird gemeinhin durch kulturelle Zustimmung erreicht. Bei der Hegemonisierung dieser Form der Männlichkeit werden andere Formen der Männlichkeit meist marginalisiert oder feminisiert, wie dies in den meisten Gesellschaften gut zu beobachten ist. Somit werden laut patriarchalischer Ideologie Homosexuellen hegemoniale Positionen in der Hierarchie der Männlichkeiten komplett verweigert.

Das Argument, dass patriarchalische Strukturen und Ideologien nur für Frauen Unterdrückung bedeuten würden, ist daher ungültig: Auch Männer leiden unter dem patriarchalischen System der Geschlechterverhältnisse. Selbst wenn wir unsere Diskussion weit über die Hetero-Homo-Debatte hinausführen, gibt es Kontexte, in denen Männer zu Opfern der patriarchalischen Idee von Geschlechternormen und Geschlechterverhältnissen werden.

Auf der einen Seite kann man es so sehen, dass Männer durch die Eigenschaften der Männlichkeit, wie Tapferkeit und Stärke, begünstigt würden und ihnen eine Assoziation mit diesen Eigenschaften höhere Positionen in der Geschlechterhierarchie und somit Zugang zu Macht verschaffen würde. Aus einer anderen Perspektive aber ist ersichtlich, dass Männer – sofern sie tatsächlich als Mann gelten wollen – dem Druck, mit dieser Männlichkeit und mit diesen Standardeigenschaften assoziiert zu werden, Stand halten müssen.

Verhält sich ein Mann demnach unmännlich und wird deshalb als feminin angesehen, so hat dies Konsequenzen für Frauen und Männer: Die Feminisierung der alternativen Männlichkeit verunglimpft Frauen als minderwertig, während sich auf der anderen Seite eine extreme Männerfront bildet, die ihre Männlichkeit nach festgelegten Maßstäben zu beweisen versucht. Eine starr entwickelte Geschlechtsidentität kann folglich erstickend und bedrückend auf Frauen und Männer wirken.

In Kriegsdiskursen gelten Männer für gewöhnlich als Gewalttäter und Frauen als Opfer ebendieser Gewalt. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Folgen eines Krieges auch für Männer verheerend sind – unabhängig davon, ob sie die Rolle der Gewalttäter dabei spielen oder nicht. Im Kriegsdiskurs wird jedoch die Viktimisierung der Menschen gerne abgetan und durch Begriffe wie Opfer, Tapferkeit, Stärke und Sieg ersetzt. Es scheint wichtig zu sein, die Erfahrungen der Männer mit dieser Form der Viktimisierung zu vereiteln, damit sich so die patriarchalische Geschlechterordnung aufrechterhalten lässt. In einem patriarchalischen System sollen Männer die Position der Macht einnehmen, die üblicherweise mit den Vorstellungen von Männlichkeit gleichgesetzt wird.

Aber auch im Alltag lässt sich gut erkennen, wie diese gewisse Form von Männlichkeit auf Männer in den vielfältigsten Lebensbereichen einengend wirken kann. Dies wird jedoch geflissentlich unter den Teppich gekehrt, um nämlich die patriarchalische Vorstellung von Männlichkeit intakt zu halten. Und jede Gender-Analyse, die diese Aspekte der Geschlechternormen und Geschlechterverhältnisse ignoriert, unterdrückt damit gleichermaßen ihre eigentliche Natur.

Frauen bleiben in einem patriarchalischen System unterdrückt, weil die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Institutionen in einer patriarchalischen Gesellschaft so strukturiert sind. Allerdings verkennt man dabei gerne, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu Opfern einer patriarchalischen Gesellschaft werden.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

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8192000981_dbc7abf69e_o- 8192000981_dbc7abf69e_o- Simon Powell CC BY 2.0

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