Moralische Obsoleszenz – Die Bewusstseinsfrage

Elektroschrott

Wie unser gesellschaftlicher Umgang mit Ressourcen, Menschen und Umwelt unseren derzeitigen Bewusstseinszustand widerspiegelt.

Der etwas sperrige Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ hat in den letzten Jahren nicht nur durch Dokumentationen wie „Kaufen für die Müllhalde“ auf Arte an Bekanntheit gewonnen. Er beschreibt die Praxis der Produktion von materiellen Gütern mit einer künstlich beschränkten Lebensdauer. Ich möchte mich in diesem Artikel mit den moralischen Fragen hinter dieser Entwicklung auseinandersetzen – und Alternativen aufzeigen.

Ehe ein Produkt wie z.B. ein Mobiltelefon in unseren Regalen steht, durchläuft es im Produktionsprozess unzählige Schritte. So werden die Kunststoffanteile durch Zulieferer aus der Mineralölindustrie bereitgestellt, die in der Elektronik verbauten „seltenen Erden“ aus Minen z.B. aus Afrika. Komponenten aus allen Teilen der Erde werden verschifft und großteils in chinesischen Großfabriken assembliert.

Wir als Konsumenten haben absolut keinerlei Einsicht in Produktionsbedingungen, die ökologischen Folgen der Produktion, das Ausmaß an Arbeitsaufwand und die dahinterliegenden menschlichen Schicksale. Es ist auch „klarerweise“ nicht im Interesse der Konzerne, hier Abhilfe zu schaffen – ein Irrsinn, an den wir uns gewöhnt haben.

Die Unlogik muss nur groß genug sein und sich bei allen wirtschaftlichen Akteuren wiederholen, um als „normal“ und schlüssig angesehen zu werden. Wir sind kollektiv geistig so vergiftet, dass wir das sogar als gegebenes und akzeptiertes Element unserer Wirtschaftsordnung ansehen.

Jedes Massenprodukt wird, so gesehen, zu einer Art Blackbox. Ein Fragment materialisierter Marktlogik – oder sollten wir eher sagen: Unlogik?

Wie soll ein Konsument seine vielzitierte Macht ausüben, wenn keinerlei Informationen über das Produkt bekannt gegeben werden? Viel schlimmer noch, wie soll er es tun, wenn alle Marktakteure die gleichen Prinzipien anwenden? Leider sind wir in eine Situation geraten, wo richtiges Handeln immer schwieriger und vielerorts geradezu unmöglich wird. Alles wird den Zwängen der Profitmaximierung unterworfen.

Längst ist die künstliche Verkürzung der Produktlebensdauer nicht mehr die einzige mögliche Strategie der Hersteller, um künstlich Nachfrage zu erzeugen. Viel eher ist eine Art psychologische Obsoleszenzmechanik zu sehen.

Neue Produkte, die sich teils nur sehr unwesentlich von der vorhergehenden Generation unterscheiden, werden mit teils astronomischen Werbeetats in das Bewusstsein des Konsumenten eingehämmert. Besonders in der Automobilbranche ist das resultierende Marktverhalten sehr deutlich zu sehen. Neue Modelle, die, sehr verkürzt gesagt, auch nur vier Reifen und ein Lenkrad haben, werden jahrein, jahraus in endloser Wiederholung als der bislang unerreichte Zenit des Fahrgefühls angepriesen.

Autos werden tatsächlich nahezu ausschließlich über den emotionalen Faktor verkauft. Sie sind, neben vielen anderen Produkten, vermehrt zu Statussymbolen geworden – eine Art Abzeichen, zu einer gewissen Schicht oder Gruppe zugehörig zu sein. Der eigentliche Nutzen der Produkte ist unglaublicherweise beinahe zur Nebensache verkümmert.

Der Preis des materiellen Überflusses

Die Auswirkungen dieser Vorgehensweise sind gesamtgesellschaftlich und ökologisch gesehen eines der größten Probleme unserer Tage.

Schätzungsweise zehn Millionen Tonnen Elektroschrott fallen alleine in der EU jährlich an, von denen nur rund ein Drittel korrekt dem Recycling zugeführt wird. Oft landet der Schrott in Ländern wie Ghana oder Nigeria, wo viele armutsbetroffene Menschen mit primitivsten Mitteln versuchen, an wertvolle Materialien, meist an Metalle wie Kupfer, zu kommen, und ihre Gesundheit damit aufs Spiel setzen.

Ein Produktionszyklus des Wahnsinns

Zulieferfirmen betreiben im Auftrag internationaler Konzerne in Ländern der Dritten Welt Minen für seltene Erden. Zumeist arbeiten die Menschen dort unter sklavenähnlichen Bedingungen und unter hoher gesundheitlicher Gefährdung. Oft wird in den Minen Quecksilber eingesetzt, oder es werden radioaktive Sedimentschichten freigelegt, denen die Menschen teils schutzlos ausgeliefert sind.

Das Bestechen von lokalen Beamten und Politikern ist ein selbstverständlicher Faktor in diesem Businessmodell.

Exportiert werden die Materialien dann per Frachtflieger oder rohölbetriebenen Frachtschiffen. Zumeist ist China die erste Destination. In Großfabriken wie z.B. jenen von Foxconn oder Pegatron, den größten Auftragsfertigern für Firmen wie Apple, Samsung, Nintendo, Sony und Co., arbeiten zumeist Menschen aus den armen ländlichen Gebieten zu Löhnen, die teilweise nicht einmal ein Drittel der hierzulande üblichen Mindestsicherungssätze betragen.

Ohne eine erhebliche Anzahl an geleisteten Überstunden ist ein Lohn, von dem man in der betreffenden Region überhaupt leben könnte, nicht möglich. Foxconn ist auch wegen der zahlreichen Selbstmorde unter den ausgebeuteten Arbeitern in Verruf gekommen.

Mit dem Frachtflugzeug kommt die Elektronik dann in die eigentlichen Absatzmärkte.

Nach oft nur wenigen Jahren Nutzungsdauer landen die Geräte als Schrott wiederum vorwiegend in Afrika, wo die Reise einst begonnen hat. So schließt sich der Kreis des Irrsinns.

Durch die finanzielle Macht dieser Konzerne, die oft über mehr Kapital als einzelne entwickelte Industriestaaten verfügen, wird es möglich, erheblichen Druck auf die Politik aufzubauen. Eines der Merkmale dieser Macht ist die Steuerpolitik, die es den Konzernen erlaubt, jährlich alleine der Europäischen Union eintausend Milliarden Euro an Steuerzahlungen vorzuenthalten.

Das Prinzip: “Dritte-Welt-Löhne bezahlen, Westliche-Welt-Preise kassieren und möglichst Steuern vermeiden” ist eines der lukrativsten Geschäftsmodelle unserer Zeit. Alleine die Firma Apple machte im vergangenen Jahr einen Gewinn von knapp 18 Milliarden US-Dollar.

Konzerne agieren heute global. Dadurch ist es für Regierungen schwerer geworden, ihr Treiben zu kontrollieren; unabhängig davon, ob man Konzernen trauen kann oder nicht, ist der Staat heute längst nicht mehr die regulierende Instanz gegenüber der Wirtschaft, die er noch vor 50 oder 60 Jahren war. […]
Regierungen sind heute machtlos.

Sam Gibara – ehem. CEO von Goodyear

Es bedarf keiner Gehirnakrobatik, um zu verstehen, wohin uns diese Zustände führen. Mit jedem von uns gekauften Produkt, welches unter den obengenannten Umständen produziert wurde, geben wir diesen Methoden bewusst oder unbewusst eine Legitimierung – ohne zu erkennen, dass wir es sind, die am Ende dieser Logikkette die Verlierer sind.

Wir lassen es zu, dass unsere Mitmenschen nicht wie Menschen behandelt, sondern wie Ressourcenbeschaffungsroboter ausgebeutet werden. Wir sagen Ja zur Umweltzerstörung und Klimaerwärmung durch den Energiebedarf für Produktion und Transport.

Wir sagen letztendlich auch Ja zur Abschaffung unseren zivilisatorischen Errungenschaften, da jene Konzerne durch ihre unglaubliche Finanzkraft die Macht haben, die zumeist national agierende und denkende Politik mit ihren internationalen Machtstrukturen vor sich hertreiben zu können.

Auch sind wir es, die für diese Produkte wortwörtlich doppelt bezahlen müssen. Denn durch die Weigerung der Konzerne, sich adäquat am Steueraufkommen der Staaten zu beteiligen, sind wir es – zumeist die Mittelschicht -, die für die entgangenen Zahlungen aufkommen müssen.

Wer glaubt, dass unser Konsumverhalten ebenso wie unsere Wirtschaftsethik nur Opfer in der Dritten Welt hervorruft, wird angesichts dieser Tatsachen eines Besseren belehrt. Wir alle sind betroffen!

Im zweiten Teil des Artikels möchte ich mich mit Lösungen und Alternativen zu diesem Wahnsinn befassen.

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Elektroschrott Elektroschrott Volker Thies CC BY-SA 3.0