Neuer Tag … Neue Herausforderung

2 Super-boys

Es ist höchste Zeit, aufzustehen. Ich eile die Stufen hinunter, um mir meine Kleidung zu holen – ich habe sie in der Nacht zum Trocknen aufgehängt, und so konnte sie wohl nicht trocken werden. Also hänge ich die nassen Kleider auf meinem Wäscheständer auf (das ist in diesem Fall mein Rucksack – man lernt sehr schnell, in den Bergen zu improvisieren!). Ich hoffe auf die warme Morgensonne, die bitte alles in Null-Komma-Nichts trocknen lassen solle. Die Wanderung ins Tal ist sehr fein und es regnet nicht. Als wir aber den Fluss erreichen, wissen wir eins ganz genau: Diesen Weg müssen wir wieder hinaufklettern; und so beschaffen wir uns Bambusstöcke, die uns für die Wanderung einen guten Dienst erweisen. Nun erreichen wir eine Hängebrücke – das war für mich das erste Mal, so eine Brücke überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Ich bin derart in meinen Gedanken vertieft und lausche meiner Musik, dass ich gar nicht die ganze Herde Esel hinter mir bemerke, die so wie ich die Brücke überqueren möchte. Das Teil schaukelt und ich möchte schon auf dem Absatz kehrt machen – doch das geht natürlich nicht. Also fasse ich meinen gesamten Mut zusammen und gehe einfach weiter, mit dem Blick nach vorne – und bete, dass ich nicht hinunterfalle. Am anderen Ende der Brücke sehe ich nepalesische Frauen, die über diesen Vorfall kichern und lachen. Als ich nun sicher am anderen Ende lande, schlägt mein Herz so schnell und ich muss mich hinsetzen – ganz zum Amusement der einheimischen Damen hier …

Es ist ein sehr heißer Tag, und als ich den Gipfel des Hügels erreiche, sehe ich, wie mir ein paar Kinder vom Kloster in ihren roten und gelben Trachten entgegen kommen. Während sie sich auf den Weg ins Tal machen, setze ich den Pfad nach oben fort entlang eines engen und steilen Berghanges und weiß ehrlich gesagt noch nicht, wohin mich dieser führt. Als ich den höchsten Punkt erreiche, stehe ich vor dem schönsten Kloster ever: Es ist sehr bunt und wirkt belebt durch die Mönche, die alle Generationen zu repräsentieren scheinen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte; und jeder Einzelne ist vertieft in sein Tun. Aus der Ferne höre ich eine Stimme, die sagt: “Willkommen in unserem Kloster – bitte treten Sie ein.” Ich bewege mich gen Eingangstor, ziehe mir die Schuhe aus (was Usus ist, bevor man ein Kloster betritt), und lasse mich von einem jungen Mönch führen. Ich kann meinen Augen nicht trauen und bin sprachlos – es ist da etwas, das ich nicht in Worte fassen kann, etwas ganz Spezielles, etwas, das ich noch nie zuvor fühlte. Ich spüre die positive Energie durch meinen gesamten Körper fließen, bestehend aus reinstem GLÜCK.

Manchmal findet man die schönste Dinge im Leben abseits aller Touristentrampelpfade, und wir sollten niemals damit aufhören, inne zu halten und etwas Neues zu entdecken … Man weiß nie, wohin dich dann dieser Weg führt, aber das ist es allemal wert.

Das Dorf Kharikhola
Das Dorf Kharikhola

Als wir in Richtung Bupsa, so heißt der Ort, wandern, wo wir unsere Nacht verbringen sollen, begegnen wir einem jungen Mann, der aus der entgegengesetzten Richtung kommt. Er läuft nahezu, oder besser: Er hüpft uns entgegen und wirkt sehr glücklich. Wir halten an, um mit ihm ein Gespräch zu beginnen und finden heraus, dass er soeben den Everest bestiegen hatte, nachdem er es im vorigen Jahr zweimal aufgrund von schlechten Wetterbedingungen nicht schaffte. Als unser Führer ihn erblickt, sagt er: “Nein, das glaube ich nicht, du hast den Everest nicht erklommen, du siehst in deinem Gesicht nicht so gebräunt aus, wie du es solltest.”

Leider ist eins wahr: So manche täuschen einen eigenen Aufstieg vor ..

Dieser Mann ist die erste Person, die ich je getroffen habe, die den höchsten Punkt der Erde berührte. Natürlich sind wir alle neugierig und bombardieren ihn mit Millionen von Fragen. Wir erfahren von ihm von der Möglichkeit, Medikamente für das Erklimmen in gefährlichen Höhen nutzen zu können. Da ab einer gewissen Berghöhe nämlich weniger Sauerstoff zur Verfügung steht, können sich die Blutgefäße bedrohlich verengen und Höhenkrankheiten auslösen. Und daraus können sich schwere und lebensbedrohliche Symptome ergeben wie z.B. Höhenlungenödeme sowie Höhenhirnödeme. Stereoide als Medikament (z.B. Dexamethasone – das ist das gängigste Medikament, hat aber die meisten Nebenwirkungen), Viagra (entlastet die Blutgefäße und erhöht so die Blutgerinnung), Diuretics (z.B. Acetazolamide-Diamox) und sogar Blut-Doping durch Eigenbluttransfusionen oder durch EPO (Erythropoietin – das ist ein Hormon, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt und so dem Körper mehr Sauerstoff zuführt). Devon O’Neil schreibt in seinem Artikel “Climbing’s little helper”

http://www.outsideonline.com/1914501/climbings-little-helper

über die Feststellung von Johnson, dem Everest Arzt:

“Ich wäre schockiert, würden auch nur 50 Prozent der Everest-Besteiger DEX (Dexamethasone) nicht einnehmen, sobald sie das Camp III erreichten und darüber hinaus. Ich wurde schon von hochbezahlten, gesponserten Kletterern und Bergführern – Leute, deren Namen man sofort kennen würde – um DEX gebeten. Sie wollen nicht dass ihre Klienten oder sonst jemand erfährt, dass sie es benutzen.”

Am Weg nach Bupsa
Am Weg nach Bupsa

Ein paar Tage später hatte ich wieder das Glück, eine weitere Person kennenzulernen, die an die Spitze des Mt. Everest gelangte – diesmal jemand, der dies nicht nur aus Jux tat – es ist nämlich sein Beruf, dies zu tun. In meinem nächsten Artikel werde ich übrigens über seine Erfahrungen “Kasang Sherpa” aus erster Hand berichten – über einen Träger (Sherpa), der den Everest nicht nur einmal, sondern insgesamt vier Male erklommen hatte. Er sprach von der spirituellen Wichtigkeit des Mount Everest und von den Schwierigkeiten, die ein Träger zu bewältigen hat, wenn er seit vielen Jahren in extremen Berghöhen seine Arbeiten verrichtet.

Video - Reise von Nunthala nach Lukia
Video – Reise von Nunthala nach Lukia

Wer sich auswärtig aufhält, darf immer mit lustigen Vorfällen rechnen, zumal Traditionen gewaltig unterschiedlich sein können und die eigenen Gebräuche einem anderen vollkommen strange vorkommen können. Einer dieser lustigen Happenings passierte mir heute Nacht, als ich das Abendessen bestellte:

Ich bat um “Dal Bhat” aber “ohne Bhat”. Die Lady schaute mich total verstört an und wusste nicht, warum ich das so wollte. Später fand ich heraus, wieso: Bhat steht für Reis und Reis ist das HAUPTGERICHT in Nepal – man serviert es also zu allen Beilagen. So fragte ich grundsätzlich nach einer Pasta Bolognese aber ohne Nudeln – kein Wunder also, dass mich die Dame komisch anschaute 🙂 .

In der Nacht wache ich um 4 Uhr Früh auf, fühle mich sehr krank und kann nicht mehr einschlafen. Ich gehe raus in die Richtung des kleinen Klosters, das sich gleich um die Ecke von mir befindet. Nach einer Weile kehre ich wieder zurück und versuche, wieder einzuschlafen. Als ich wieder aufwache, fühle ich mich immer noch krank. Also packe ich meine Sachen und gehe runter in die Esshalle. Ich schaue zum Tisch und entdecke das Tibet-Brot (das bestellte ich in der vorangegangenen Nacht zum Frühstück und ich freute mich schon so darauf, es zu kosten), aber schon allein bei dem Gedanken, dieses tiefgefrorene Brot zu kosten, schaudert es mich und ich fühle mich noch kranker. Ich kann nur ein paar Tropfen Wasser trinken. Also stelle ich mich der Tatsache, dass ich an einer Nahrungsmittelvergiftung leide, aber ich lasse mich nicht davon abhalten in der Hoffnung, dass ich mich nach einiger Zeit besser fühlen werde. Also sage ich mir: “Lasst uns nach Lukla, unserem nächsten Ziel, aufbrechen.”

Nicht mal 10 Minuten, nachdem wir uns auf unsere Wanderung begeben, muss ich akzeptieren, dass ich nicht dazu in der Lage bin, heute diese Schritte zu unternehmen – und mit Tränen in den Augen schreite ich zurück ins Gästehaus und spüre, dass mich mein Körper besiegt hat.

Das Dorf von Bupsa - die Aussicht am Morgen
Das Dorf von Bupsa – die Aussicht am Morgen

Während des Tages versuche ich, so viel wie möglich zu ruhen – und in dieser Zeit reinigt sich mein Körper von den Giftstoffen. Das ist wirklich die schlimmste Nahrungsmittelvergiftung, die ich jemals hatte. Am Abend geht es mir etwas besser und mein Körper nimmt ein wenig Nahrung auf. Und in der Nacht – ich kann mich nicht mehr an die Uhrzeit erinnern, denn wenn man den ganzen Tag in so einem Zustand herumliegt, verliert man alle Wahrnehmung um sich herum – höre ich laute Musik von draußen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur träume oder ob das real ist, aber es hört sich lustig an! Am nächsten Morgen frage ich Pasang, unseren Guide, und er erzählt mir, dass es ein großes Fest im Kloster gab und dass das gesamte Dorf kam. Schade, dass es mir so schlecht ging an diesem Tag …

Tradition am Morgen: Das gesamte Haus gegen böse Spirits und für gutes Glück zu reinigen
Tradition am Morgen: Das gesamte Haus gegen böse Spirits und für gutes Glück zu reinigen

Um 6 Uhr am nächsten Morgen geht es mir wesentlich besser und ich esse sogar ein bisschen Chapati (das ist traditionelles Fladenbrot und wird auch Roti genannt) mit Honig zum Frühstück und mit reichlich Wasser, um mich vor dem Dehydrieren zu schützen. Ganz langsam versuche ich es nun zum zweiten Mal nach Lukla – und hoffe, dass ich es diesmal schaffe. Normalerweise müssten wir nicht extra nach Lukla, um die Everest Basis zu erreichen (EBC), doch wir benötigen unsere TIMS-Karten (es werden unsere Informationen in einem elektronischen Databasesystem gespeichert, und so ist für unser Wohlbefinden und unsere Sicherheit gesorgt), und deshalb brauchen wir Lukla als Zwischenstation.

Ab der Hälfte unserer Reise fängt es zu regnen an, just bevor wir ca. 2 Stunden abwärts wandern. Die Straße ist extrem schlammig und alles riecht sehr übel, da feste und flüssige Abfälle von Eseln überall des Weges entlang vorhanden sind. Zudem müssen wir bei jedem einzelnen Schritt darauf aufpassen, nicht auszurutschen. Am Ende sagte uns unser Guide, dass Lukla ca. 1,5 bis 2 Stunden entfernt sei und das natürlich – BERGAUFWÄRTS. Das ist nun wirklich das letzte Wort, das ich in diesem Moment hören möchte; mich schmerzten meine Beine schon von den vorigen Tagen und ich fühle mich immer noch angeekelt – deshalb alles Schritt für Schritt.

Nepalesische Küche
Nepalesische Küche

Das Wetter verschlechtert sich allmählich, der Regen wird schlimmer und der Nebel verursacht uns Schwierigkeiten, die Person, die vor uns steht, zu sichten. Wir kämpfen mit unseren Kräften, und kalt wird es auch noch, aber wir hören nicht damit auf, uns selber vorwärts zu schleifen und zu schleppen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir es an diesem Tag noch nach Lukla schaffen, aber wir erreichen das Ziel: Wir kommen in der Nacht an und sehen wie Zombies aus – und fühlen uns auch danach. Schließlich wanderten wir aufwärts und abwärts, und das ganze 12 Stunden lang.

Sobald wir die Tür zum Gästehaus öffnen, sehen wir einen Raum voller Menschen – damit hatten wir nicht gerechnent, zumal wir die vorangegangenen Nächte ganz alleine die Wanderung bestritten, und auch im Gästehaus begegneten wir nur Indern, einem Briten und einer Familie aus Frankreich.

Um mich selber zu belohnen, bestelle ich mir ein Yak-Steak mit Pommes als Beilage – und es schmeckt vorzüglich. Hier im Gästehaus spürt man eine andere Energie; es ist touristischer und es fühlt sich weniger freundlich an. Nun ist es an der Zeit, zu halen und unsere elektronischen Geräte aufzuladen: Es kostet ca. 2 USD für eine volle Ladung und 3 USD, um das Wi-Fi zu benutzen. Um dieser Gebühr zu entgehen, beschließen wir, den um die Ecke gelegenen sogenannten “Starbucks” aufzusuchen – eines der vielen Cafés und Bäckershops in Lukla, die man in den letzten Tagen so nicht genießen konnte.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass wir morgen einen Ruhetag einlegen werden, um uns an die Höhe gewöhnen zu können (Lukla liegt bei 2.860 Metern Höhe) – und so müssen wir nicht allzu früh schlafen gehen, da wir nur ein paar Stunden zum Wandern haben.

Anmerkung: Die nun folgende Bilderserie zeigt Fotos, die entlang des Weges gemacht wurden, um das alltägliche Leben der Einheimischen einzufangen.

(Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna D. Dichen)

Credits

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Junge Mönche bei der Arbeit Junge Mönche bei der Arbeit Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Nepalesische Küche Nepalesische Küche Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Eselsführer beim Raufschleppen von Gütern Eselsführer beim Raufschleppen von Gütern Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Esel tragen Gasflaschen nach Lukla Esel tragen Gasflaschen nach Lukla Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Wer mich so inspirierte: die einheimischen Träger Wer mich so inspirierte: die einheimischen Träger Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Tradition am Morgen: Das gesamte Haus gegen böse Spirits und für gutes Glück zu reinigen Tradition am Morgen: Das gesamte Haus gegen böse Spirits und für gutes Glück zu reinigen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Wie man sich gewöhnlich duscht Wie man sich gewöhnlich duscht Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Mutter und Tochter beim Geschirrabwaschen Mutter und Tochter beim Geschirrabwaschen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Ein hübsches Lächeln beim Sammeln von Weizen Ein hübsches Lächeln beim Sammeln von Weizen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Das Bearbeiten von Weizen Das Bearbeiten von Weizen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Unser Guide Pasang, der uns Bambusstöcke bastelt Unser Guide Pasang, der uns Bambusstöcke bastelt Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Unser Pfad nach Nunthala Unser Pfad nach Nunthala Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Mönche während der Arbeit Mönche während der Arbeit Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Frauen tragen ihre Babys in einer Körbchentasche Frauen tragen ihre Babys in einer Körbchentasche Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Fast an der Spitze des Berges Fast an der Spitze des Berges Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Das Gästehaus in Bupsa Das Gästehaus in Bupsa Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Das Dorf Kharikhola Das Dorf Kharikhola Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Wir passieren einige Dörfer Wir passieren einige Dörfer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Nasen- sowie Nasenscheidewandpiercings sind sehr verbreitet in der Bergbevölkerung Nasen- sowie Nasenscheidewandpiercings sind sehr verbreitet in der Bergbevölkerung Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Am Weg nach Bupsa Am Weg nach Bupsa Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
2 Super-boys 2 Super-boys Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Video - Reise von Nunthala nach Lukia Journey from Nunthala to Lukla Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Im Kharikola Kloster Im Kharikola Kloster Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Das Pema Namding Kloster Das Pema Namding Kloster Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Das Dorf von Bupsa - die Aussicht am Morgen Das Dorf von Bupsa – die Aussicht am Morgen Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Bauarbeiten - es werden Steine kleiner gemacht, um daraus Häuser zu bauen etc. Bauarbeiten – es werden Steine kleiner gemacht, um daraus Häuser zu bauen etc. Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0