Reagiere nicht. Antworte!

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Mein Meister sagte einmal:

Die Menschheit besteht aus Engeln mit nur einem Flügel. Daher kann sie nur existieren und sich weiterentwickeln, wenn jeder Mensch sein Gegenstück umarmt; sonst kann niemand fliegen und alles bleibt statisch und beschränkt.

Als er so über die Menschheit sprach, bezog er sich auf den Unterschied zwischen „Antwort“ und „Reaktion“.

Eine Antwort ist ein lebendiges Element einer Situation, während eine Reaktion das Resultat einer Gewohnheit ist.

Was aber kann mir helfen, in meinem Leben nicht zu reagieren, sondern zu antworten?

Was in unserem täglichen Leben die Hauptrolle spielt, ist die Ideologie, die ich in einigen meiner früheren Artikel als „Glaubenssystem“ bezeichnet habe. Familie, Gesellschaft, Schule, Religion, Politik und Fernsehen – das alles sind Elemente, die, bewusst oder unbewusst, unseren „modus operandi“ definieren. In anderen Worten: Sie sind der Grund, warum wir uns auf eine bestimmte Art verhalten.

Wenn ich zum Beispiel der Typ bin, der älteren Menschen stets über die Straße hilft, dann kann das daran liegen, dass meine Mutter mir beigebracht hat, freundlich und hilfsbereit zu sein. Es kann daran liegen, dass ich aus dem Katechismus in der Sonntagsschule gelernt habe, dass ein guter Christ immer für Menschen da sein sollte, die Hilfe brauchen; oder daran, dass ich anderen zeigen möchte, wie gutherzig, was für ein „braves Mädchen“ ich bin. Doch egal aus welchem der genannten Gründe: Ich bin von meinem Ego angetrieben, weil keine Emotion in meiner Handlung ist. Sie ist vielmehr einfach ein mechanisches Resultat, das Ergebnis methodischen Verhaltens.

Dein Verhalten ist das Ergebnis einer Serie von Lernerfahrungen, und die Art, wie du dich im täglichen Leben verhältst, ist deine Demonstration an die Welt, der Beweis, dass du deine Hausaufgaben gemacht hast.

Dein Ego breitet sich um dein inneres Selbst aus, und du sagst zu dir, dass du einen guten Job, eine bemerkenswerte Handlung gemacht hast. In Wirklichkeit aber hast du die Chance verpasst, spontan zu antworten, spontanes Mitgefühl zu zeigen. Wäre deine Handlung dagegen eine wahrhaft spontane Antwort gewesen, wäre etwas in dir erblüht, eine innere Ruhe wäre in dir aufgestiegen und hätte dich mit einem Gefühl der Segnung erfüllt.

Wenn eine Antwort spontan ist, dann erwacht in diesem Moment das Gewissen in allen unserer Handlungen. Wenn du auf das Leben spontan antwortest, steigt unvermittelt Gnade in dir empor; es ist dann keine Reaktion aus Gewohnheit und kein Beweis, dass du eine gute religiöse Person bist. Wenn dein Verhalten aber erzwungen ist und du die Spontaneität deiner Handlungen verlierst, dann ist es besser, gar nicht zu handeln; es ist besser, sich selbst von etwas zurückzuhalten, wenn man es nicht wirklich fühlt.

Das Geheimnis – wenn du es so nennen willst – ist es, sich von deiner Spontaneität leiten zu lassen. So wird deine Tat, jemandem über die Straße zu helfen, eines Tages nicht mehr Teil einer Routine sein, sondern vielmehr deine persönliche Antwort auf dein Bedürfnis, bedingungslos zu helfen.

Mein Meister sagte:

Antworte, anstatt zu reagieren. Die Formel ist: keine Gewohnheiten. Das bedeutet nicht, im Chaos zu leben, sondern spontan zu leben.

Wenn du den gegenwärtigen Moment für das lebst, was er ist und was er dir anbietet, werden deine Handlungen zu reinen Manifestationen von Freude und Liebe.

Er fuhr fort:

Dies ist kein Lebensstil, es ist keine Gewohnheit, kein konditionierter Reflex. Je weniger Gewohnheiten du hast, umso mehr lebst du. Wenn du vollkommen befreit von Routinen bist, lebst du maximal. Lerne Flexibilität. Ist Gewalt in dir? Töte die Gewalt und nähre die Gewaltlosigkeit. Tue immer das Gegenteil von dem, was von selbst zu dir kommt und erziehe dich dazu, das Gegenteil dessen, was von selbst kommt, nach und nach zu deiner zweiten Natur werden zu lassen. Erschaffe keine Konflikte in dir. Akzeptiere die Gegensätze; so wirst du die Transzendenz* erlangen. Dies ist kein Sieg, sondern Transzendenz. Auf dem Universellen Pfad gibt es keine Siege, nur Transzendenzen. Du wirst nicht gewaltlos durch den Gegensatz zur Gewalt, vielmehr überschreitest du beides und wirst etwas Drittes: ein Zeugnis.

*Das Wort „Transzendenz“ leitet sich vom lateinischen Präfix „trans“ ab, das „jenseits“ bedeutet, und dem Verb „scandere“, das „hinaufsteigen“ bedeutet. Um den Status der Transzendenz zu erreichen, ist es grundsätzlich notwendig, die persönlichen Grenzen zu überschreiten und das Unbekannte willkommen zu heißen, um es zu Bekanntem werden zu lassen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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