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Wahrnehmung

Noch lange bevor wir uns fragen, ob eine neue Information in manipulativer oder informativer Absicht gegeben wird, müssen wir unser eigenes Instrumentarium überprüfen. Aus diesem Grund entfernen wir uns heute relativ weit vom eigentlichen Thema, um eine wichtige Voraussetzung zur Beurteilung von Information zu verstehen: Dass nämlich die menschlichen Sinne per se schon denkbar ungeeignet sind, um Situationen neutral zu beurteilen. Es trotzdem zu versuchen, ist ein ständiges Ringen mit Automatismen – eine Tatsache, die man verinnerlichen muss, wenn man der Realität näher kommen will.

Grundsätzliches zur Wahrnehmung

Wenn wir wirklich gründlich vorgehen wollen, müssen wir uns zunächst eine sogar noch elementarere Frage stellen als die nach der Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung, nämlich: Erhalten wir denn überhaupt Input von außen?

Solipsismus

Wir können unmöglich mit letzter Sicherheit sagen, ob unsere Wahrnehmungen überhaupt eine äußere Entsprechung haben. Reduziert auf die einzig definitiv zwingende Erkenntnis: Ich denke, also bin ich – müssen wir akzeptieren, dass bis hin zur Beschaffenheit unseres eigenen Körpers absolut nichts, was wir über unsere Sinne wahrnehmen, auch wirklich so sein oder überhaupt existieren muss.

Dieses Konzept der erfundenen Umgebung ist allerdings eine geistige Sackgasse. Darüber nachzudenken, bringt uns schlichtweg nicht weiter und ist für die Psyche auch alles andere als gesund; also verlassen wir die Argumentationskette und nehmen als Axiom (eine nicht näher hinterfragbare Grundannahme) an, dass die empfangenen Reize tatsächlich von außen kommen und es mehr als nur uns selbst gibt.

Simulation

Gleiches gilt für die Vermutung, dass wir uns in einer Simulation befänden; ein Denkmodell, das zumindest anerkennt, dass die Eindrücke von außen kommen, auch wenn sie eine Täuschung sind. In keinem Fall könnten wir aber aus diesem mentalen Gefängnis entkommen, so lange niemand von außen eingreift.

Also befinden wir uns auch hier in einer geistigen Sackgasse im Sinne von: Sollte es so sein, dann macht es für unser Erleben wenig Unterschied und wir müssen trotzdem agieren, als ob alles real wäre.

Konstruktivismus

Auch wenn unsere Welt real ist, ist sie trotzdem nicht annähernd so, wie wir sie sehen. Wir können viele Farbfrequenzen nicht wahrnehmen, verfügen über kein Echolot und müssen auch immer wieder feststellen, dass unsere Sinne getäuscht werden können.

So wahr dieses Statement grundsätzlich bereits ist, gilt es in der Neuzeit doppelt und dreifach: Wir sind zusätzlich noch abgelenkt, reizüberflutet und informationsmüde. Unsere Filter kommen nicht dazu, sich zu erholen – und wie wir gleich sehen werden, benötigen und verwenden wir sie ohne Unterlass.

Fast jeder Schritt auf dem Weg zum Bild in unserem Bewusstsein verfälscht das Gesehene.

Das Licht passiert Pupille, Linse und Glaskörper des Auges und fällt als kleines, verkehrtes Abbild der Umgebung auf die Netzhaut. Es ist durch die unregelmäßigen Eigenschaften von Linse und Glaskörper ein wenig verzerrt und trüb, bis auf den kleinen Bereich unseres Fokuspunktes größtenteils leicht unscharf, und gewölbt. Nun geschieht die erste große Umwandlung:

Aus dem reellen Bild wird eine Folge von Nervenimpulsen – und die erste automatische Vorinterpretation findet statt. Linien und Umrisse werden verstärkt, indem benachbarte Zellen stärker feuern, sobald sie ähnliche Impulse empfangen. Die Nervenzellen können ihre Empfindlichkeit auch erhöhen, um Bildfehler durch Verunreinigungen auszugleichen oder um sich optimal an das zur Verfügung stehende Licht anzugleichen. Durch die „Trägheit“ dieser Anpassung feuern sie oft auch ein wenig länger, als der Reiz da ist, und lassen so Nachbilder entstehen – ein erster Hinweis darauf, dass nicht alles, was wir sehen, tatsächlich genau so sein muss, wie es uns erscheint.

Sehzentrum – Jetzt geht es richtig los

Die als elektrische Impulse kodierten Bilder – und zwar aufgeteilt in Hell-dunkel-Kontrast, zwei Farbkanäle (Rot/Grün und Blau/Gelb), Umrisslinien und sonstige Hervorhebungen (wie Bewegung, Signalfarben und dergleichen) – werden in getrennte Hirnregionen geleitet, dort verarbeitet und dann (auf eine Weise, die wir noch nicht ganz verstanden haben) im Bewusstsein wieder so zusammengefügt und verstärkt, dass ein möglichst mühelos erkennbares, für unser Verständnis optimiertes Bild herauskommt.

Ergänzung und Selektion

Noch bevor das Bild wirklich in unser Bewusstsein dringen darf, wird noch eine weitere blitzschnelle Ergänzung, Vorselektion und Interpretation der Reize vorgenommen, wiederum großteils nach erlernten Wahrscheinlichkeitsmustern. Der blinde Fleck (wo der Sehnerv einmündet, hat die Netzhaut eine Ausnehmung) wird ausgefüllt, Umrisslinien werden weiter ergänzt und geglättet, Formen vorinterpretiert.

Das Gehirn füllt Stellen, die wir noch nicht genauer betrachtet haben (wir erinnern uns, in Wirklichkeit sehen wir nur im Fokuspunkt wirklich scharf) mit einer Weiterführung des Umgebungsmusters oder einer Sache, die wir an dieser Stelle erwarten, aus. Da diese Täuschung von unserem Gehirn sozusagen maßgeschneidert für sich selbst erledigt wird, bemerken wir davon nichts.

Deshalb kommt es auch vor, dass wir aus den Augenwinkeln etwas in allen Details zu sehen glauben, was nicht wirklich da ist – oder kleine Gegenstände mitunter an einer Stelle finden, wo wir schon dreimal nachgesehen haben… Unser Fokus ist einfach nie über den Gegenstand gewandert, und das Gehirn hat im einen Fall überinterpretiert, im anderen die Stelle übermalt.

Automatische Optimierung

Es läuft aber nicht nur eine Ergänzung ab, sondern auch Einiges an Vereinfachung. Unwichtige Information gelangt nicht bis ins Bewusstsein, was auch nötig ist, um Überforderung zu vermeiden und schnelle Entscheidungen zu ermöglichen. Das Hirn – und davor bereits in geringerem Ausmaß die Netzhautzellen – filtert und ergänzt nach dem Prinzip: „Wahrscheinlich richtig“.

Daher vervollständigen wir Umrisslinien, die in Wirklichkeit durchbrochen sind und vereinfachen Dinge, um die Rechenleistung möglichst gering zu halten.

Optische Täuschungen

Sie sind der erste Hinweis, der uns darauf gebracht hat, dass die Natur sich von unserer Wahrnehmung unterscheiden könnte. Manche von ihnen spielen mit erlernten Erwartungshaltungen und funktionieren in anderen Kulturkreisen nicht, manche zielen auf unsere Mustererkennung ab, andere auf die Trägheit des Auges und einige auf andere Eigenheiten unserer Reizverarbeitung.

Hier finden Sie eine schöne Sammlung mit guten Erklärungen (wenn auch die Seite selbst vollkommen schmucklos ist).

Vorbewusste Zensur

Es kommt vor, dass der Teil unseres Verstandes, der uns vor allzu grauenhaften Erkenntnissen zu schützen versucht (ein Verbündeter, der leider auch gegen uns verwendet werden kann), entscheidet, dass etwas Schmerzhaftes oder nicht ins Konzept passendes besser nicht wahrgenommen werden sollte.

So können Menschen tatsächlich die offensichtlichsten Dinge übersehen (natürlich auch überhören oder auf sonstige Weise nicht wahrnehmen). Es gibt zahlreiche dokumentierte Fälle von solch selektiver Blindheit. Hier arbeiten wir bereits vollkommen im Erwartungs- und Erfahrungsmodus, zwar unbewusst, aber mit kognitiver Leistung verbunden. Das Hirn hat den Impuls als Fehler oder als für die Psyche unzumutbar interpretiert.

Hier ist die nächste Schwelle – die Deutung des Gesehenen

Die Wahrnehmung ist, wie wir gesehen haben, sehr viel komplizierter als das „kartesische Theater“, die innere Leinwand, die man sich früher vorstellte. Unzählige Abläufe sind synchron geschaltet und erwecken nur den Eindruck einer gesammelten, unzerteilten Wahrnehmung. Was in unserem Bewusstsein ankommt, ist bereits durch zahlreiche Filter gegangen und teilweise stark verändert worden. Selbst während etwas geschieht, könnten unsere Augen uns also täuschen.

Noch ein weiterer Schritt der Abstraktion geschieht aber, wenn wir das Gesehene abspeichern, und wieder einer, wann immer wir es später wieder aufrufen. Neue Erfahrungen, die wir inzwischen machen, lassen uns die Erinnerungen buchstäblich in neuem Licht erscheinen und können sich mitunter so stark in das gespeicherte Bild einbringen, dass es dadurch vollkommen verändert wird.

Beschließen wir den Exkurs in die für das Überleben so nützlichen und für echtes Verständnis oft so hinderlichen Eigenheiten unserer Wahrnehmung mit der Feststellung, dass wir auf der Suche nach einem möglichst zutreffenden Weltbild nicht einmal uns selbst vollkommen trauen können. (Aus dem selben Grund sind Zeugenaussagen oft das schlechteste Mittel, um Ereignisse zu rekonstruieren – eben weil Menschen sich oft in aller Unschuld vollkommen falsch an das Geschehene erinnern.) Die Augen sind nur stellvertretendes Beispiel für eine wichtige Wahrheit: Sich jemals einer Sache zu 100% sicher zu sein ist unangebracht; die Möglichkeit eines fundamentalen Irrtums sollte immer einkalkuliert werden wenn man Aktionen setzt, und danach entschieden werden ob der mögliche Schaden den Nutzen wert ist.

Credits

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496px-eye_scheme_mulitlingual-svg Talos CC BY-SA 3.0
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