Warum fasten wir?

Es wäre sicher nicht falsch, zu behaupten, Indien sei das „Land des Fastens“; hier wird es aus religiösen Gründen sehr oft praktiziert. Die meisten Religionen, denen ich in Indien begegnet bin, legen aus verschiedensten Gründen großen Wert darauf. Mit der Zeit wurde mir die Tatsache bewusst, dass alle religiösen Traditionen das Fasten vorschreiben, doch die Art, wie es praktiziert wird, kann ganz unterschiedlich sein.

Fasten ist das gewollte Vermeiden der Aufnahme von allen oder von bestimmten Lebensmitteln, Getränken oder beidem, für einen bestimmten Zeitraum. Immer wenn ich in Indien nach den Gründen danach fragte, bekam ich irreführende Argumente zu hören, die mein Verständnis beeinflussten und zu einer Abneigung gegenüber diesem Brauch führten.

Als ich aufwuchs, erlebte ich meine Mutter sehr oft fasten. Und nicht nur sie, fast alle Frauen in meiner Umgebung pflegten an bestimmten Tagen der Woche und während religiöser Feste oder Zeremonien zu fasten. Dadurch war die erste Sichtweise, die ich auf das Fasten hatte, die, dass es ein Weg sei, um Gottes Segen zu erhalten und Unglück abzuwenden. Und dass das Fasten das Vorrecht der Frauen sei, denn es gibt bestimmte Fastengebräuche, die nur von Frauen für das Wohlergehen ihrer Männer und ihrer Kinder eingehalten werden.

In Indien wird in einem bestimmten Maß geglaubt, dass es die Pflicht einer Frau sei, ihrer Familie Glück und Segen zu bringen durch die Befolgung religiöser Pflichten wie dem Fasten. Obwohl es als ein freiwilliger Glaubensakt angesehen wird, stehen Frauen, die es nicht einhalten, in der indischen Gesellschaft in einem schlechten Licht. Ihnen wird nachgesagt, dass es ihnen an Hingabe für das Wohlergehen der Familie mangele.

Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass das Fasten nicht das ist, was ich geglaubt hatte. Es geht nicht darum, Gott zu erfreuen, und es muss auch keine religiöse Pflicht sein. Mehr noch: Es ist keine Verpflichtung der Frau oder ein Anzeichen für ihre Hingabe zu ihrer Familie. Ein solches Glaubenssystem kann im Gegenteil als eine Zumutung an die Frauen in Indien angesehen werden – eine Zumutung, die auf sehr clevere Art als ein Privileg ausgelegt wurde.

Es stimmt, dass das Fasten ausnahmslos mit Religion in Verbindung gebracht und als religiöser Akt oder noch öfter als religiöse Pflicht angesehen wird. Das Fasten wird in vielen Religionen gefordert, mit mehr oder weniger denselben Motiven und Zielen. Mit der Zeit bemerkte ich, dass die in verschiedenen Religionen dafür vorgegebenen Gründe stichhaltig sind. Doch meistens werden die Motive missverstanden, und die Leute befolgen das Fastengebot mit einer ganz anderen Auffassung.

Im Hinduismus bedeutet das Fasten die Verweigerung der Erfüllung körperlicher Bedürfnisse für spirituelle Ziele. Entsprechend der religiösen hinduistischen Schriften führt das Fasten zu einer harmonischen Beziehung zwischen Körper und Seele. Üblicherweise praktizieren es die Asketen als eine Art Lebensstil, und es wird zu einem Teil ihres Bemühens, ihren Körper aufzugeben. Doch viele religiöse Texte des Hinduismus haben das Fasten auch als eine Form der Sühne für begangene Sünden beschrieben. Ich glaube, dass sich dieses letztere Verständnis gegenüber der Auffassung des Fastens als ein Weg, ein spirituell ausgeglichenes und gesundes Leben zu führen, durchgesetzt hat.

Und dies ist der Grund, warum die meisten Leute in Indien das Fasten nur während religiöser Feste oder an bestimmten Tagen befolgen, um Glück und Segen zu erhalten und für ihre Sünden zu büßen.

Auch im Jainismus ist das Fasten sehr üblich; die Jainisten fasten ebenso zu bestimmten Zeiten im Jahr oder während Festlichkeiten. Sie sehen das Fasten als Buße an und glauben, dass es ihnen helfe, mit Mahaviras Lehren und seiner Betonung auf Verzicht und Askese in Verbindung zu bleiben.

Im Islam soll das Fasten dazu dienen, „Taqwa“ lernen können, was soviel wie Selbstbeherrschung bedeutet. Muslime fasten eine bestimmte Zahl von Tagen während des gesamten Monats Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Jahres. Auch im Buddhismus ist das Fasten eine bekannte Tradition. Viele buddhistische Mönche und Nonnen nehmen täglich nach dem Mittagessen keine Nahrung mehr zu sich.

Meine Absicht ist es jedoch nicht, zu beschreiben, welche verschiedenen Religionen das Fasten fordern. Ich will vielmehr verstehen, welche Ansichten und welche Ziele die Menschen damit verfolgen. Denn ich glaube, dass unser Verständnis eines bestimmten Rituals stark die Art beeinflusst, wie wir es praktizieren.

Das Fasten mag eine Erklärung von Glauben und Entschlossenheit sein. Es mag von Priestern vorgeschrieben werden, um Gottes Segen zu erhalten oder für Sünden zu büßen. Doch es muss keine religiöse Angelegenheit sein, und man muss das Fasten nicht ausschließlich als religiöses Ritual oder als Buße ansehen.

Fasten ist ein großartiger Weg, sich in Selbstdisziplin zu üben und die eigene Entschlossenheit zu testen. Wenn wir das Fasten nicht als einen Weg zu Gottes Segen, sondern als ein Werkzeug zur Erlangung von mehr Selbstdisziplin ansehen, stärkt es unseren Charakter. Ich glaube, dass es ein großartiges Mittel ist, um Körper und Seele zu verjüngen, und es hat auch viele gesundheitliche Vorteile: Heutzutage legen viele Menschen ab und zu ein paar Fastentage ein, um ihren Körper zu entgiften. Unser Lebensstil und unsere Ernährungsgewohnheiten verursachen eine Menge Krankheiten. Gelegentliches Fasten ist ein guter Weg, unserem Körper etwas Gutes zu tun und ihn in Balance zu halten.

Das Fasten wurde auch seit Langem als politisches Werkzeug benutzt; eines der besten Beispiele dafür ist Mahatma Gandhi. Für ihn war es jedoch nicht nur ein politisches Mittel, sondern auch ein Weg zur Stärkung der Hingabe an den gewaltlosen Kampf gegen die Ungerechtigkeit.

Unter der indischen Bevölkerung ist das Fasten sehr populär. Doch ging es mir stets um die Intention hinter dem Fasten. Die auf der Religion basierenden Täuschungen reichen aus, um die gesamte Übung und ihre Vorteile zur Bildung eines ausgeglichenen Charakters zu beeinträchtigen.

Mit welcher Motivation auch immer es durchgeführt wird, das Fasten wird in jedem Fall positive Resultate erbringen. Doch wäre es nicht besser, es würde zu einem Mittel werden, zu einer besseren Person mit starkem Charakter und Willenskraft zu werden, als nur ein Mittel zur Erlangung von göttlichem Segen oder zur Buße zu sein?

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Warum fasten wir? Warum fasten wir? Patryk Kopaczynski CC BY-SA 4.0

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