Wer ist anfällig für Drogen?

Die seelisch Verhungerten
Meinung

Gegen wen ziehen wir hier zu Felde?

Aus Sicht eines gesunden, gut in die Gesellschaft eingebundenen Menschen ist dies ein Randthema. Wie kann sich jemand selbst zugrunde richten und dann noch erwarten, von der Allgemeinheit wieder hochgepäppelt zu werden?

Tatsächlich sind die Irrwege der menschlichen Seele ohne ein paar entscheidende Informationen unmöglich nachvollziehbar, und man ist schnell in Versuchung, das Elend der Abhängigen als die Strafe für deren eigene Dummheit zu betrachten. Wie so oft ist die Realität ein gutes Stück komplizierter und die Sicht darauf von Tabus und Interessenskonflikten verstellt.

Die wenigsten Drogenabhängigen sind aus einem bis dato vielversprechenden Leben gefallen, nur weil dumme Neugier ihnen zum Verhängnis wurde. Tatsächlich entwickelt sich körperliche Abhängigkeit erst mit anhaltendem Gebrauch – bei einigen Substanzen nie. Ein gesunder, ausgewogener und glücklicher Mensch könnte und würde hier einfach rechtzeitig die Notbremse ziehen, sofern er überhaupt je in Versuchung käme, mit Drogen zu experimentieren.

In der Realität schlagen Suchtmittel, wenn sie jemanden in die Abhängigkeit führen, in eine bereits vorhandene Kerbe. Sie füllen eine kreischende Leere, die durch nichts anderes zur Ruhe zu bringen ist, und nehmen so schnell einen Stellenwert als Mittelpunkt des Lebens ein.

Wer ist anfällig für Abhängigkeit?

Vielleicht noch am einfachsten zu verstehen ist der Mechanismus bei Opfern von physischer Gewalt, sexuellem Missbrauch oder vollkommener Verwahrlosung, bei Kriegswaisen oder den schwer traumatisierten und verstörten Schützlingen des Jugendamtes, kurzum bei allen, die Grauenhaftes erlebt haben und für immer entwurzelt wurden.

Dass solche Erlebnisse vollkommenes Chaos im Gemüt der Kinder auslösen müssen, leuchtet ein. Nicht nur ist somit die Versuchung größer, nach einem Mittel zur Realitätsflucht zu suchen; auch die Hemmschwelle, Verbotenes oder Riskantes zu tun, ist viel geringer, wenn das ganze Leben ohnehin ein permanenter Ausnahmezustand ist.

Doch auch langjähriges Leid von subtilerer Art kann selbst noch das Leben eines Erwachsenen ruinieren. Es gibt Situationen, die mehr sind, als selbst die robusteste Psyche ertragen kann. Wie viel weniger die eines kleinen Kindes, das über keinerlei Mechanismen zur Abwehr verfügt und dessen ganze Welt aus Terror besteht, wenn es sich von seinen Eltern nicht geliebt fühlen darf. Siehe dazu Artikel Empathielosigkeit.

Das größte Tabu

Zum großen Unglück der betroffenen Kinder ist die Unantastbarkeit der Eltern in unserer Gesellschaft ein besonders tief verwurzeltes Gebot. Da Eltern niemals schuld sein dürfen, machen wir die „verhaltensauffälligen“, „schwierigen“, „rebellischen“ Kinder für ihren holprigen Start ins Leben verantwortlich. Wir wollen einfach nicht daran erinnert werden, dass der geblümte Mantel der Zivilisation stellenweise papierdünn ist, wir wollen nicht an unsere eigenen verdrängten Gefühle denken, und vor allem wollen wir glauben, dass Eltern ihre Kinder immer und ausnahmslos automatisch lieben.

So wischen wir die Not derer, die mitten unter uns seelisch verhungern, zur Seite, trivialisieren oder negieren ihr Leid und unterstellen ihnen Aufmerksamkeitshascherei und Übertreibung, wenn sie um Hilfe schreien.

Die Crux

Wer in seinem alltäglichen Leben nur Leere, Einsamkeit und Frust kennt, empfindet die chemisch hergestellte Freude und Sorglosigkeit eines Rauschzustandes als seligen Moment des Friedens und gibt ihr einen viel höheren Stellenwert als jemand, dem es auch ohne Drogen gut geht. Freilich stellen psychoaktive Substanzen nur eine Art Kredit dar: Die Energie, Faszination, Lebendigkeit und gute Laune während der Wirkung bezahlen wir im Nachhinein, indem wir uns doppelt müde und niedergeschlagen fühlen – was ein gesunder Mensch aushalten kann, jemand, der schon im Grundzustand unglücklich ist und keine Kraftreserven hat, hingegen nicht. Die einzige Lösung ist also ein Auffrischen des Rausches, und schon ist die Abwärtsspirale im Gange.

Der Ausweg

Bestimmt haben Sie von den berühmten Experimenten mit Ratten gehört, die zwischen sauberem und mit Drogen versetztem Wasser wählen konnten und unweigerlich mehr und mehr Rauschgift zu sich nahmen, bis sie schließlich an einer Überdosis starben. Dieser Versuch wurde in einer neuen Anordnung wiederholt und brachte vollkommen andere Ergebnisse: Statt ein Tier isoliert und ohne Rückzugsmöglichkeit in eine vollkommen reizarme Umgebung zu sperren, brachte man eine Gruppe von Ratten so unter, dass sie ausreichend Platz, Spielzeuge, Nischen und soziale Interaktion hatten – alles, was für ein erfülltes Rattenleben nötig ist.

Auch ihnen bot man die Auswahl zwischen reinem Wasser und Rauschmittel, doch die meisten von ihnen zeigten kaum Interesse an Letzterem. Einige nippten gelegentlich daran, aber kein einziges Tier zeigte Symptome von Abhängigkeit. Es waren also die Lebensumstände der einsamen, zu Tode gelangweilten Ratten, die im ersten Versuch zum Suchtverhalten führte – die Sucht war nur eine Bewältigungsstrategie, das Problem war ein anderes.

Die Überlebenden von Selbstmordversuchen sagen mehrheitlich ganz ähnliches: Sie hatten nicht etwa das Leben an sich satt, sondern nur jenes, das sie führten und aus dem sie keinen anderen Ausweg fanden.

Das Gegenmittel ist also ganz klar: Gemeinschaft, Hilfe, Heilung, Liebe, Lebensfreude und Geborgenheit. All die Dinge, die Suchtkranke meist ihr Leben lang vermisst haben – und für viele von ihnen ist der Weg zurück zu einem vollen Spektrum von Gefühlen nicht einfach, nachdem sie jedes emotionale Investment jahrelang zurückgehalten und schließlich verlernt haben.

Ihre unterbrochene Entwicklung zu selbstsicheren und erwachsenen Menschen mit therapeutischer Hilfe und vor allen Dingen in den Armen einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten nachzuholen, ist immer noch ein riesiger Brocken Arbeit, aber diejenigen von ihnen, die dazu bereit sind, müssen jede Hilfe und all unser Verständnis bekommen.

Ich will nicht behaupten, dass vom Schicksal schwer gezeichnete Menschen automatisch angenehm, bescheiden und erleuchtet sind – ganz im Gegenteil. Sie sind unselbstständig oder übertrieben schroff, weinerlich oder aggressiv, trotzig und eigensinnig. Dennoch sind sie nicht aus freien Stücken so. Das Resultat jahrelanger Vernachlässigung mag unbequem und anstrengend sein – die Wirkung jedoch mit der Ursache zu verwechseln und zu glauben, dass die Verstörtheit vor der Misshandlung kam, ist in hohem Maße ungerecht.

Schlimm genug, dass wir als Gesellschaft übersehen haben, wie viele Kinder mit gewaltigen emotionalen Defiziten leben müssen oder zu Hause gar täglich durch die Hölle gehen. Sie nun für die unweigerlich eintretenden Folgen zu bestrafen und verachten, ist geradezu zynisch und obendrein erwiesenermaßen vollkommen unwirksam, um dem Problem zu begegnen.

Nach über einem Vierteljahrhundert müssen wir endlich die Konsequenz aus den unmissverständlichen Statistiken ziehen: Strafandrohungen halten niemanden ab. Drogensüchtige als Draufgabe zu ihrem Leid noch zu kriminalisieren und ihnen so jeden Rückweg zu verbauen, ist teuer, sinnlos und menschenverachtend.

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Die seelisch Verhungerten Die seelisch Verhungerten Patryk Kopaczynski CC BY-SA 4.0