Zeit für ein ökologisches Upgrade

Titelbild-Bagger

Veranstaltungsdaten

Datum
23. 6. 2017
Veranstalter
Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, Finance & Trade Watch, Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000, Netzwerk Soziale Verantwortung (NeSoVe) und Südwind im Rahmen des Projekts „Rohstoffe der Digitalisierung“
Ort
Haus der Europäischen Union in Wien
Veranstaltungsart
Vortrag
Teilnehmer
Jakob Wieser, Vorstand des Hilfswerks der Katholischen Jungschar
Leida Rijnhout, Programm-Koordinatorin bei Friends of the Earth Europe
Héctor Córdova, Gewerkschafter der Fundación Jubileo
Sophia So, Vertreterin der Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour

Am Freitag, den 23. Juni, habe ich im Haus der Europäischen Union in Wien den Vortrag zum Thema: „Rohstoffe der digitalen Zukunft, Zeit für ein ökologisches Upgrade“ besucht.

Technischer Fortschritt erfolgt heutzutage zum Preis von gravierenden Menschenrechtsverletzungen, schweren Konflikten sowie erheblicher Umweltzerstörung.

Im Zentrum der Veranstaltung standen daher die Möglichkeiten für eine gerechtere und umweltfreundlichere Rohstoffpolitik. Vortragende waren: Jakob Wieser, Vorstand der Dreikönigsaktion, einem Hilfswerk der Katholischen Jungschar, Karin Küblböck, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), Leida Rijnhout, Programm-Koordinatorin bei Friends of the Earth Europe, einem Umweltnetzwerk in Europa, und Héctor Córdova von der Fundación Jubileo, einer großen Arbeiterbewegung in Bolivien. Als Letztes sprach Sophia So, Mitglied der Vereinigung Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour (zu deutsch: “Studenten und Lehrende gegen Fehlverhalten von Unternehmen”) aus Hong Kong über die Missstände der Arbeitsbedingungen in der Elektronikfertigung Chinas.

Jakob Wieser begann mit dem Vortrag, dass die Temperatur trotz des Pariser Klima-Abkommens um drei Grad in den nächsten dreißig Jahren steigen werde und dass selbst der deutsche Wirtschaftsbeirat, der als konservativ gelte, von der Notwendigkeit einer Transformation spricht. Mit diesen Worten schloss Jakob Wieser und übergab das Podium an Karin Küblböck. Diese thematisierte die globalen Aspekte der digitalen Zukunft.

Die Produktion heutiger Zukunftstechnologien basiere auf der Verfügbarkeit von bestimmten Rohstoffen, demzufolge sei die EU bei den meisten dieser Rohstoffe hochgradig importabhängig. Die EU-Länder würden einen Großteil ihres Bedarfs an Mineralien nicht durch den eigenen Abbau decken, sondern durch Import aus Ländern des globalen Südens. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Länder hänge vom Export dieser Rohstoffe ab. Vor allem seltene Rohstoffen seien als konzentrierte Vorkommen nur in einigen wenigen Ländern zu finden.

In Elektroautos würden die Batterien aus 9-30 Kilogramm Lithium und zehn Kilogramm Kobalt bestehen. Siebzig Prozent des weltweit produzierten Lithiums kämen aus Chile, Bolivien und Argentinien. Kongo sättige den Bedarf des Weltmarktes an Kobalt zu sechzig Prozent.

In der Raw Materials Initiative der Europäischen Kommission gehe es darum, Hindernisse wie Exportbeschränkungen zu beseitigen, um den uneingeschränkten Zugang zu gewährleisten. Da es aber nun auch mehr globale Investoren gebe, habe dies die Position der Exportländer vereinfacht. Es gebe zunehmende Konflikte und Druck von Zivilgesellschaft und lokalen Gemeinschaften auf Regierungen, etwa Widerstand gegen Projekte, Kämpfe um höhere Einnahmen, besseren Umweltschutz, Kompensation für Schäden und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Reformvorschläge wären Änderungen in der Handels- und Investitionspolitik, Steuerharmonisierung und die Wertschöpfung vor Ort sowie der Gedanke, lokale Alternativen zum Bergbau zu entwickeln. Hier endete sie und übergab das Wort an Leida Rijnhout, welche über EU-Richtlinien und die Veränderung des Systems in Bezug auf Rohstoffe zu sprechen begann.

Die Zerstörung von Naturkapital habe 2009 einen Schaden von rund 7,3 Billiarden US-Dollar betragen. Das seien 13 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes oder beinahe die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes der USA. Unter Naturkapital verstehe man natürliche Ressourcen, etwa einen Fluss, der die Menschen mit anderen natürlichen Ressourcen zeitlich unbegrenzt versorge.

Bei einem Fluss könne das zum Beispiel Fisch sein. Wenn der Fluss aber trockengelegt oder verschmutzt würde, könne er die Menschen nicht mehr mit Fisch versorgen. Das derzeitige Wachstumsmodell sei daher laut der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) fehlerhaft. Das derzeitige Wirtschaftssystem sei nur auf das Wachsen des Bruttoinlandsproduktes ausgerichtet, welches mit Konsum verknüpft sei. Wir hätten ein Geldsystem, welches auf Kreditvergabe und Schulden basiere, um mehr Konsum zu ermöglichen. Sozial- und Umweltkosten würden aber stärker wachsen als das Bruttoinlandsprodukt; daher müsse man das Wirtschafts- und Finanzsystem neu gestalten.

Als Nächstes sprach Héctor Córdova über die Folgen des Bergbaus in Bolivien. Die positiven Konsequenzen seien die Beschäftigung in Genossenschaften, die finanzielle Liquidität und Verfügbarkeit über ausländische Währungen. Die Nachteile seien aber viel erheblicher:

Ein großes Problem würden die massiven Auswirkungen auf die Umwelt darstellen. Diese Auswirkungen zu reduzieren, sei immens teuer und fast unmöglich. Hinzu komme die Beseitigung von giftigen Abfällen anderer Länder sowie die Tatsache, dass private Unternehmen nicht bereit seien, soziale Leistungen bereitzustellen. Auf der ökonomischen Seite seien auch die Wertschöpfung aus den Rohstoffen in anderen Ländern als den Abbauländern zu nennen.

Seine nationale Arbeiterbewegung fordere daher, dass Importländer Bolivien beim Aufbau von Verarbeitungsanlagen unterstützen und dass die Reparatur kaputter Geräte mehr gefördert werde. Sie fordert ebenso eine Regulierung, die europäische Länder zur Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards auch außerhalb der Europäischen Union verpflichtet.

Mit diesen Forderungen schloss Héctor Córdova seinen Vortrag und übergab das Wort an Sophia So, die über die Arbeitsbedingungen bei der Elektronikfertigung in China berichtete.

Soziale Isolierung, drakonische Strafen und schier unmenschliche Arbeitslasten bei einer Entlohnung, die die Lebenskosten nicht deckt, seien immer noch an der Tagesordnung, konstatierte Sophia So über Foxconn, den größten Elektronikzulieferer der Welt mit einer Million Angestellten allein in China. Die Firmenverantwortlichen bei Konzernen wie Apple, Hewlett Packard, Sony und Motorola, die bei Foxconn Elektronikteile einkaufen, würden für niedrige Produktionskosten in Kauf nehmen, dass der Zulieferer die Löhne der Arbeiter mit allen Mitteln niedrig halte.

Die Aussagen der Angestellten zeigen, dass die Versprechen des Foxconn-Managements sich trotz internationaler medialer Aufmerksamkeit bisher als leer erwiesen hätten.

Die Erhöhung des Grundlohnes und die Maßnahmen zur Reduktion von Überzeit wären eine Alibiübung, strenge Überwachung und demütigende Bestrafungen blieben bestehen. Um noch mehr Kosten zu sparen, seien nun in den letzten fünf Jahren über 100.000 Arbeiter in nördliche und zentrale Gebiete Chinas versetzt worden, in denen die Löhne noch niedriger seien als in den Küstenregionen.

Firmen wie Apple würden Profitmargen von bis zu 40% einstreichen, aber gleichzeitig von ihren Zulieferern verlangen, die Produktionskosten weiter zu senken. Dadurch seien die Zulieferer gezwungen, die Löhne ihrer Angestellten stets weit unten zu halten, um konkurrenzfähig zu bleiben. So endete der Bericht von Sophia So, und sie regte dazu an, Tim Cook eine Beschwerdemail zu senden, um den Protest des Endkunden zu artikulieren.

Hier endete die Veranstaltung. Ich habe dabei den Eindruck gewonnen, dass der technische Fortschritt derzeit auf Kosten eines Rückschritts im Bezug auf soziale Gerechtigkeit passiert.

Credits

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Titelbild-Bagger Titelbild-Bagger Martin Roell CC BY-SA 2.0