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7. FFI-Symposium: Politik und Medien nach der Wahl – Panel 1

Veranstaltungsdaten

Datum
16. 10. 2017
Veranstalter
Friedrich Funder Institut
Ort
Haus der Industrie
Veranstaltungsart
Podiumsdiskussion
Teilnehmer
Mag. Gerald Grünberger, Präsident, Friedrich Funder Institut
Rainer Nowak, Herausgeber & Chefredakteur, Die Presse
Eva Weissenberger, Journalistin & Buchautorin
Dr. Andreas Koller, Stv. Chefredakteur, Salzburger Nachrichten
Prof. Claus Reitan, Journalist & Autor

Das Friedrich Funder Institut veranstaltet einmal im Jahr ein Symposium für Expertinnen und Experten aus der Medienbranche. Im Zentrum des diesjährigen Symposiums standen die Geschehnisse in ihrem Ursprung rund um die Präsidentschaftswahlen in den USA und den Brexit, genauer gesagt: das vermeintliche Versagen vieler Politikanalysten, Leitmedien und der Meinungsforschung.

Kurioserweise wählte man vor über einem Jahr den 16. Oktober 2017 als Veranstaltungsdatum, also unmittelbar den Tag nach der Nationalratswahl. Selbstverständlich flossen somit die Erkenntnisse und Erfahrung dieser spannenden Wahl zur Gänze in die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion mit ein.

Der Präsident des Friedrich Funder Institutes, Mag. Gerald Grünbauer, äußert sich in seiner Eröffnungsrede zu den Präsidentschaftswahlen in den USA und hebt den Umstand hervor, dass die kürzlich stattgefundenen Erhebungen heimischer Meinungsforschungsinstitute deutlich zutreffender gewesen seien. Während Donald Trump durch seine Twitter-Aktivitäten den amerikanischen Medieninstituten seine Agenda aufzwinge, habe diese Form des „modernen“ Wahlkampfes in Österreich wenig bis kaum Beachtung gefunden, obgleich die digitalen Kanäle – allen voran Facebook – auch hierzulande einen regen Zuwachs in der Nutzungsfrequenz verzeichnet hätten, so Grünbauer. Darüber, inwieweit dieser zusätzliche Raum – in dem hitzige, zum Teil auch exklusive Debatten geführt wurden – Garant für eine Qualitätszunahme oder inhaltliche Tiefe gewesen sei, lasse sich streiten.

Erstmalig in der Geschichte heimischer Nationalratswahlen habe es so viele Video-Konfrontationen wie noch nie gegeben – ein wahrer „Konfrontationstsunami“ sei über das Land hereingebrochen, konstatiert Grünbauer. Ein nicht unwichtiges Detail am Rande seien die Brutto-Werbeausgaben in Höhe von 13-15 Millionen Euro (Steuergeld). Stärkster Werbeträger sei weiterhin der Print-Sektor (Zeitungen und Magazine), gefolgt von der Außenwerbungsbranche (Plakate) und der TV-Werbung.

Der Journalist, Buchautor und Moderator Prof. Claus Reitan eröffnet die Diskussionsrunde mit einer von Bundeskanzler Christian Kern gestellten Frage, nämlich ob die Medien Schuld am Wahlergebnis seien. Darauf antwortet die Journalistin Eva Weissenberger amüsiert:

Also wir als Journalisten und Medienmacher müssten sagen: ja – weil das wertet uns total auf.

Weissenberger weist gleich im Anschluss darauf hin, dass Herr Kern kurz nach Bekanntgabe des Verlustes von Platz eins natürlich einen Sündenbock habe ausfindig machen müssen und sich ohne Umschweife für die Vertreter der Medienbranche entschieden habe – ein durchaus nachvollziehbarer, weil emotional motivierter Schritt. Sie selbst finde jedoch nicht, dass die Medien einen entscheidenden Einfluss auf das Wählerverhalten hätten.

Der Chefredakteur und Herausgeber von Die Presse, Rainer Nowak, findet in seinem ersten Statement kritische Worte für eine bestimmte wahlwerbende Partei, die sich einerseits über die bösen Technologie-Giganten wie Google und Facebook beschwere,  andererseits aber nicht davor zurückschrecke, deren digitale Werkzeuge und Kanäle im Wahlkampf in vollem Umfang für sich nutzbar zu machen. Das sei für Nowak ein Zeichen für die nicht gar so selten auftretende Schizophrenie in Wahlkampfzeiten. Außer Debatte stehe für ihn auch die Tatsache, dass es eigentlich nur einen geben dürfe, der darüber urteilen solle, ob ein Medium gegen eine Partei sei oder nicht: Das sei seiner Auffassung nach klar Aufgabe der Leser und der Konsumenten.

Im Falle Kerns müsse er darüber aufklären, dass dieser sich schon als Medien-Kanzler – quasi in den Fußstapfen Bruno Kreiskys wandelnd – gesehen habe und die Verbitterung demnach groß gewesen sei, als er feststellen musste, dass seine Performance in den letzten Monaten von den Medien eher kritisch kommentiert worden sei. Die Antwort Nowaks auf die Frage, ob die Medien Schuld am Wahlergebnis hätten, lautete klar: nein.

Journalisten sind keine angenehmen Zeitgenossen. Journalisten sind nicht Leute, die man unbedingt mögen muss. Journalisten sind dafür da, kritisch zu sein oder, wie man in Wien sagt, eine Kretzn zu sein.

Die hohe Wahlbeteiligung an der diesjährigen Nationalratswahl war für den stellvertretenden Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, Dr. Andreas Koller, ein Indikator dafür, dass die gestiegene Anzahl an TV-Diskussionen doch einen erkennbaren Nutzen gehabt hätte. Die ungewohnt vielen TV-Beiträge hätten dazu geführt, dass der Bevölkerung ein gewisses Maß an politischer Bildung zuteil worden sei – ob diese wolle oder nicht. Kritisch äußert sich Koller auch zur Dauer des Wahlkampfes, der mit fünf Monaten eindeutig zu lang gewesen sei. Als Vorbild für eine angemessene Wahlkampfdauer nannte er die kürzlich abgehaltenen Neuwahlen in Großbritannien: Nach sechs Wochen sei gewählt und eine Woche später die Regierung gebildet worden.

Professor Reitan eröffnet eine weitere Diskussionsrunde mit der Frage, ob es stimme, dass die Medien vom sogenannten „Gatekeeper“ zum „Gatewatcher“ – es werde nur mehr TV gesehen, um Wichtiges aufzugreifen und dann der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – transformiert seien.

Die Rolle des „Gatekeepers“ – ein Begriff, der in den 60er-Jahren geprägt wurde – sei laut Eva Weissenberger durch die Digitalisierung weitestgehend überholt. Vor etwa zwanzig Jahren sei dieser Begriff noch zutreffend gewesen. Durch die sozialen Netzwerke wie Facebook etc. könne man sich heutzutage aber zu jeder Zeit und so gut wie überall aus dem unendlichen Meer an Informationen bedienen. Lediglich in Bezug auf die Qualität und die Herangehensweise an Themen könnten Medien noch als Gatekeeper bezeichnet werden. In puncto Einordnung und Orientierung würden diese heute sogar viel bessere Arbeit leisten als noch vor zwanzig Jahren, betont Weissenberger.

Auf den Vorwurf, die Medien hätten über die Jahre deutlich an Qualität eingebüßt, fordert Rainer Nowak mit dazu auf, sich einen dreißig bis vierzig Jahre alten Zeitungsartikel aus dem Archiv zu Gemüte führen: Da sei kein wesentlicher Unterschied zu heutigen Artikeln festzustellen. Die Medien seien in den letzten zwanzig Jahren – auch der Digitalisierung geschuldet – dazu gezwungen worden, neue Wege zu gehen. Und das habe dazu geführt, dass manches, das noch vor zwei Jahrzehnten möglich gewesen sei, wie z.B. die vermehrte Ausgabe großer Artikel, heutzutage nicht mehr in diesem Ausmaß funktioniere. Journalisten müssten im Vergleich zu damals wesentlich mehr arbeiten, zumal die Redaktionen tendenziell von Jahr zu Jahr kleiner würden, bemerkte Nowak als positive Entwicklung an.

Dem Journalismus ist es relativ egal, ob er gedruckt oder auf Facebook verteilt wird oder in Form eines Bildes auf Instagram kommt. Im Gegenteil, das sind alles neue Ausdrucksformen, und etwas Besseres kann uns eigentlich nicht passieren, als dass wir uns auch mit anderen Formen ausdrücken können und mehrere Kanäle und Varianten beherrschen.

Die letzte Viertelstunde wurde genutzt, um interessante Fragen aus dem Publikum aufzugreifen und zu beantworten:

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Titelbild-Panel1-FFI Titelbild-Panel1-FFI Idealism Prevails CC BY-SA 4.0
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