Von Touristen und Einzelkämpfern

Medaillen 2016
Meinung

Puerto Rico hat sie. Die Fidschis haben sie. Der Kosovo hat sie. Die olympische Medaille. Und auch Österreich hat sie endlich: Bronze, in einer unserer stärksten Disziplinen der letzten Jahrzehnte – im Segeln.

Vor ziemlich genau acht Jahren wurde die letzte olympische Medaille in Peking errungen, 2012 kamen wir über unzählige vierte Plätze nicht hinaus. Diesmal schienen Österreichs Athleten die fünften Plätze gepachtet zu haben. Das neue, nach den erfolglosen Spielen von London initiierte Förderprogramm, dessen Koordinator der aus dem Schiverband bekannte und erfolgreiche Peter Schröcksnadel ist (er rechnet mit drei Medaillen in Rio), zeitigt erste Erfolge: Junge Athleten wie Olivia Hoffmann oder Bernadette Graf schnuppern bei ihren ersten Spielen schon an den Medaillen – für eine echte „Ernte“ ist die Laufzeit des Programms aber noch zu kurz.

Nach den erfolglosen Spielen von  London wurde in Österreich erkannt, daß wir in den Sommersportdisziplinen einen großen Aufholbedarf haben. Das 2013 gestartete Projekt Rio 2016 umfaßte eine Förderung von 5 Millionen Euro pro Jahr. Ob damit der große Sprung nach vorne gelingt, wird die Zukunft zeigen. Gezielte Förderung ist ein Weg an die Spitze – Förderung des Massensports, aus dessen Pool sich Meister ihres Fachs finden lassen, der andere. Die Organisationen, die diesen wichtigen Bereich abdecken, sind – wie vieles in Österreich – politisch durchdrungen: Wenn es einen roten Sportverein gibt (ASKÖ), muß es auch einen schwarzen geben (Sportunion Österreich). Deshalb wäre es begrüßenswert, wenn zumindest in der Förderung des Spitzensports die Politik so wenig wie möglich mitzureden hätte und unabhängige Experten darüber entscheiden würden, wem welche Förderung zugute kommen.

Den Aussagen unseres Diskuswerfers Lukas Weißhaidinger im ORF-Interview zufolge dürfte der neue Fördertopf eine signifikante Verbesserung für die betroffenen Athleten bringen. Das Umfeld scheint aber weiterhin semiprofessionell organisiert zu sein (Trainer, die nur in ihrer Freizeit die Sportler betreuen können, mangelhafte Trainingsstätten), wie auch der Sporthilfe-Chef Harald Bauer ebenfalls im ORF bestätigte.

Wenn jemand sein Leben an einem sportlichen Ziel orientiert und ihm alles unterordnet, und dieses Ziel laut Experten erfolgversprechend ist, dann sollten im siebentreichsten Land der Welt auch die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um dieses Ziel seriös verfolgen zu können.

In einem Land, das fast zwanzig Milliarden Euro für Subventionen aller Art (darunter einige Kuriositäten) und große Beträge für die Tourismuswerbung ausgibt, muß es möglich sein, den wenigen Spitzensportlern, die sich außerhalb des Heeressportverbandes (der zB einen Tischtennisweltmeister Werner Schlager hervorgebracht hat) durchsetzen, ein geeignetes Umfeld zu ermöglichen. Laut Schröcksnadel ist das Geld zum Gutteil auch vorhanden, nur gäbe es – frei übersetzt – zu viele Köche und zu viele Funktionäre.

Sport ist wichtig für uns alle. Sportler sind oftmals Vorbilder für die Jugend – solange sie nicht dopen. Erfolgreiche Sportler sind unbezahlte und unbezahlbare Werbung für das Land.

Wie man die Sportförderung erfolgreich umkrempelt, kann man sich in Großbritannien ansehen: nach den katastrophalen Spielen 1996 mit nur einer Goldmedaille und mit dem Schwung der Ausrichtung der Spiele 2012 haben es die Briten wieder unter die Top vier Nationen im Medaillenspiegel geschafft, diesmal sogar mit guten Chancen auf Platz zwei. Die 1997 gegründete nationale Sportagentur UK Sport kontrolliert die vorwiegend durch die britische Lotterie generierten 100 Millionen Euro pro Jahr (75% durch Lotterieeinnahmen, 25% staatlich gefördert), die rein für olympischen und paralympische Sportler sowie für notwendige Infrastruktur (Trainer, Scouts, medizinische Betreuung) zur Verfügung gestellt werden. Auf Österreich umgelegt wären das etwa zehn bis fünfzehn Millionen Euro pro Jahr – keine Unsumme. UK Sport bestimmt alleine, wer gefördert wird. Das ist auch die Kehrseite des Systems: das Gießkannenprinzip wurde komplett abgeschafft. Nur mehr Sportler mit echten Erfolgschancen werden gefördert. „Brutal aber effektiv“ nennt der Guardian das System.

Suderanten am Schnitzeläquator

Amer Hrustanovic, unser im Viertelfinale gescheiterter Ringer, echauffierte sich über den Artikel einer hiesigen Tageszeitung, in der die österreichischen Olympioniken als Olympia-Touristen dargestellt wurden. Wie einfach es sich die Medien doch machen. Wenn nicht überbordend gejubelt werden kann, dann wird eben in Grund und Boden geschrieben. Die Suderanten-Dichte ist ja laut Markus Rogan gerade in Österreich besonders hoch. Ob sich einer der Schreibenden schon mal den Tagesablauf eines Diskuswerfers oder eines Schwimmers angesehen hat? In den Schisport, der im Fokus der Medien steht, werden Millionen investiert – und die erfolgreichen Sportler sind rundum versorgt. Als Leichtathlet kann man in Österreich ohne Job kaum überleben. Sich dann täglich stundenlang bei schlechter Infrastruktur zu quälen, um vielleicht mit viel Glück bei Olympia ein respektables Ergebnis zu erzielen, bedarf schon eines ganz eigenen Menschenschlages. Noch „eigener“ sind wohl Einzelkämpfer wie Thomas Muster oder Peter Seisenbacher, die trotz aller Widrigkeiten zählbare Erfolge vorweisen können.

Apropos Einzelkämpfer: Österreichs olympische Erfolge in Mannschaftssportarten sind mehr als überschaubar. 1992 im Springreiten und 1912 im Fechten gab es jeweils Silber. In den Ballsportarten gibt es keine einzige Medaille, selbst Olympiaqualifikationen sind ganz rar gesät.

Sind wir also ein Land von Individualisten bzw. Duetten (wenn man die vorzeigbaren Segelerfolge mit einbezieht)?

An der Größe des Landes kann es nicht liegen, wenn man sich die ehemaligen jugoslawischen Länder im Vergleich ansieht. Oder Island: Immerhin Vizeolympiasieger 2008 im Handball. Im Fußball und im Handball haben wir eine konkurrenzfähige Mannschaft, in den nicht olympischen Disziplinen Faustball und Hallenhockey (die beide von relativ wenigen Nationen weltweit ernsthaft ausgeübt werden) sind wir in der Weltspitze vertreten. Ansonsten sieht es düster aus. Auch der Wintersport deutet (abgesehen von der Biathlonstaffel) auf die Einzelkämpferthese hin.

Welche gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Gründe dafür anzuführen sind, wäre eine Fragestellung für künftige Studien.

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Medaillen 2016 Medaillen 2016 Tomaz Silva/Agencia Brasil CC BY-SA 3.0 br