Backstage Interview mit Herrn Univ. Prof. Dr. Endre Kiss (Teil 2)

Gesellschaft

In Teil 2 seines Backstage-Interviews geht Prof. Dr. Endre Kiss nochmal auf seine These ein, dass 1989 eine entscheidende historische Zäsur stattgefunden hat: damals, nach der Auflösung der Nachkriegsweltordnung und dem Untergang der Sowjetunion, habe die Globalisierung begonnen, da es keine Konkurrenz zu dieser Idee der westlichen Welt mehr gab.

Aus seiner Sicht gibt es drei große Ideologische Denkrichtungen: die konservativ-nationalistische, die liberale und die sozialistische. Alle drei haben die Geschichte Europas bestimmt – und bei allen konnte man fundamentale Mängel feststellen: während sich die Konservativen gerne an der Vergangenheit erfreuen und sich gegen Neuerungen stellen, kann die grenzenlose Freiheit des Liberalismus die potenziell zweifellos vorhandene Bestie im Menschen nicht stoppen. Den Sozialismus zeichnen neben seiner notwendigen administrativen Diktatur auch noch die realen Entwicklungen der Gleichmacherei negativ aus. Jede dieser Ideologien lebt von den Fehlern und dem Untergang der anderen.

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, dass er zwar als möglichen Lückenfüller im gerade ablaufenden Paradigmenwechsel weg vom Liberalismus akzeptiert, hat er aus philosophischer Sicht dennoch mehrere Probleme: es sei unkalkulierbar, unfinanzierbar, birgt ein hohes Inflationsrisiko und gehe von der falschen Annahme aus, dass alles so bleibt, wie es heute ist.

Aus anthropologischer Sicht habe sich der Mensch seit dem Aufkommen der Konsumgesellschaft in den 60ern von seinen natürlichen Instinkten und Überlebensstrategien immer weiter entfernt: immer mehr Menschen scheuen das Risiko und flüchten sich in den Sozialstaat. Vor diesem Hintergrund hätte die regelmäßige, leistungslose Beschenkung aller Menschen eine fatale Signalwirkung.

In einer Überflussgesellschaft ist es für Kiss nicht verwunderlich, dass der Pessimismus um sich greift: wenn man (unter guten Rahmenbedingungen) nicht täglich einer gewissen Leistungserwartung unterliegt, dann könne man auch keinen Optimismus generieren, sondern tritt auf der Stelle.

Man werde sehen, meint Kiss abschließend, ob die beiden aktuell größten Herausforderungen – die Coronapandemie und die Klimakrise – von der Menschheit emanzipatorisch genützt werden oder nicht: die Menschheit bekommt immer wieder Chancen, die sie nicht nützt. Diesmal sollte das anders sein.

Das Interview führten Michael Karjalainen-Dräger und Franco Arshak.

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Ende Kiss – Backstage Interview2 Wolfgang Müller 1