Danke Tatu, wir sehen uns wieder!

Me, Eunji and Sofia
Im letzten Artikel sprach ich von meinen Erfahrungen mit der Volontärsarbeit, die ich für zwei Non-Profit-Organisationen (IICD und Humana People to People) errang. Teil dieses Programms war es, gemeinsam mit meiner Teamfreundin Eunji vier Monate in den armen Gemeinden von Bahia, Brasilien als Entwicklungsleiter zu arbeiten.

Gleich nach der Ankunft fing ich damit an, meine Gedanken und Erfahrungen zu Papier zu bringen – und ich möchte einige davon mit Euch teilen. Man kann dies als meine schönste Lebensphase bezeichnen, und das nur deshalb, weil ich schwierigen Situationen begegnete, in denen ich mich selbst entdeckte und mich auch selbst herausforderte.

Worum es mir aber wirklich ging: meine Limits abzuchecken, meine Grenzen zu brechen und neue zu formieren. Ich begegnete dabei einer Freiheit, die mir ganz allein entsprang.

Ganz egal, wo du dich gerade befindet oder was du tust: Niemand kann deine Gedanken oder deinen Geist kontrollieren – außer du selbst. Du bist vermögens, Schönheit in sehr kleinen Dingen zu erkennen, Unvollständiges zu umarmen, alles zu akzeptieren, das dir begegnet. Oder aber kannst du dich darauf konzentrieren, was dir fehlt, was du nicht hast, kannst dir immer wieder vorstellen, wie etwas sein könnte – du kannst also in deiner „Aber wenn“-Welt weitervegetieren. Es ist ganz deine Wahl! Wir neigen dazu zu vergessen, dass diese Entscheidung uns ganz allein obliegt und geben gewissen Situationen oder oder anderen Menschen die Schuld für unser Leid. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich diesbezüglich die allerwichtigste Lehre aus dem Gemeindeleben gezogen habe.

Und genau da möchte ich fortsetzen: Wir kamen in Qujingue an, das ist eine kleine Stadt in der Nähe unserer künftigen Gemeinde und blieben dort eine Woche lang. Wir konnten es kaum erwarten, unser baldiges Zuhause kennenzulernen.

30.01.2015 –Höchste Zeit, nach Tatu zu gehen. Erst als ich den Truck sah, realisierte ich, was passierte. Genau das ist es. Wenn ich es schon so weit geschafft habe, kehre ich nicht mehr wieder zurück. Ich fühle Aufregung und Ängstlichkeit zur selben Zeit. Meine allergrößte Angst verbirgt sich darin, nicht zu wissen, ob ich es schaffen würde, mich zu adaptieren …

Der Tag des Umzugs

31.01.2015 – Ich wache auf, und mich überkommt ein befremdliches Gefühl. Es ist hier so anders als das, was ich mir unter einem Zuhause vorstelle. Ich habe das Gefühl, mich auf einem anderen Planeten zu befinden. Mir ist Portugiesisch nicht geläufig, und auch Eunji nicht. Also können wir uns auch nicht dahingehend verständigen, warum wir hier sind und wer wir sind. Eine frustrierende Situation. Aber dann sehe ich die Kinder auf der Straße, die viel zu schüchtern sind, ins Haus zu kommen, die uns aus der Ferne anstarren und sich wahrscheinlich dasselbe wie wir denken; nämlich dass sie von einen anderen Planeten stammen.

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7.02.2015 – Wir beginnen, einen gewisse Nähe zu den Familien zu gewinnen, welche uns mit einem Gefühl der Sicherheit umhegen. Es gab mehrere Zusammenstöße mit Männern an der Tür, die aus heiterem Himmel da standen und um ein Glas Wasser baten und uns dabei abcheckten. Aber die Damen hier schüttelten sie immer für uns ab – so fühlten wir uns beschützt.

8.02.2015 – Es vergingen zwei Wochen und ich schaute kein einziges Mal in den Spiegel. Weil wir keinen haben. Eigentlich eine oberflächliche Angelegenheit, nicht wahr? Ich bin recht überrascht darüber, wie ich meine Meinung täglich änderte über meine eigene Erscheinung, nur weil ich mich nicht sehen konnte. Manchmal denke ich, ich habe vergessen, wie ich aussehe. Das nächste Mal werden wir uns am Markt einen Spiegel besorgen. Man muss nämlich bedenken, dass zwei junge Frauen nicht so lange ohne Spiegel leben können …

9.02.2015 – Wir haben uns schon alle downgeloadeten TV-Shows und Filme angesehen. Da wir nicht über Internet oder TV verfügen, weiß ich gar nicht, was ich mit meiner gesamten Freizeit überhaupt anstellen soll. Mir schwirren so viele Gedanken durch den Kopf. Gute und auch schlechte. Das genau ist jetzt der Zeitpunkt, mir bewusst zu werden, wie leicht wir uns von den Medien und der Technologie zerstreuen lassen. Es kann dabei so viel freie Zeit draufgehen. Wir sagen immer, dass wir nicht so viel Zeit zum Denken haben, dabei geben wir uns gar nicht die Zeit zu denken. Immer gibt es etwas Wichtigeres zu sehen oder zu tun. Erstmals habe ich nun nichts Besseres zu tun als zu denken. Mir wird ganz klar, was für einen großen Einfluss unsere Gedanken auf meine Laune haben kann.

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22.02.2015 – Ich vermisse meine Intimssphäre. Wenn wir unsere Türen schließen und nur einen kleinen Spalt des Fensters öffnen, stecken sie schon ihre Köpfe rein und starren uns an. Ich kann mich sogar erinnern, Kinder dabei erwischt zu haben, uns beim Schlafen zugesehen zu haben. Wir schlossen die Fenster. Jetzt klopfen sie darauf und laufen weg. Das nervt schon, weil ich im selben Atemzug nicht verstehen kann, was sie sagen.

25.02.2015 – Ich fühle mich großartig. Vor drei Tagen fing ich mich dem Joggen an. Es ist erstaunlich, wie sich dadurch mein Schlafzyklus veränderte. Ich gehe um 21 Uhr schlafen und wache um 5 Uhr Früh wieder auf – und das freiwillig. Ich laufe 30 Minuten lang, schaue mir den Sonnenuntergang an, dann kaufe ich etwas Brot und starte in den Tag. Was mich am allerglücklichsten dabei macht, ist die Tatsache, dass sich nun ein paar einheimische Damen dazu entschlossen, mich beim Laufen zu begleiten. Jetzt hat sich also eine kleine Lauftruppe gebildet.

1.03.2015 – Die Schule hat begonnen und ich fange an, mich wieder als nützlich zu sehen. Man gestattet es uns, den Kindern Englisch beizubringen. Das ist sehr schwer, weil sie davon überhaupt keine Ahnung haben. Also können sie die Wörter auch nicht entsprechend aussprechen. Das Lehren wird hier nicht nach den klassischen Methoden funktionieren, also versuchen wir es mit interaktiven Spielen, mit denen wir hoffentlich bessere Ergebnisse erreichen werden. Es fühlt sich sehr gut an, einen Beitrag zu leisten und einen Sinn vor Augen zu sehen.

26.03.2015 – Was ich wirklich vermissen werde, sind die vielen guten Früchte. Einfach in den Hinterhof zu gehen und Goyaba vom Baum zu pflücken oder Cocada aus Licuri zu fabrizieren. Für Vegetarier vermag dies hier mit Sicherheit ein Paradies zu sein.

30.04.2015 – Wenn ich daran denke, wo wir begannen und wo wir jetzt sind, kann ich es gar nicht glauben, so weit gekommen zu sein! Wir hatten unsere Hochs und unsere Tiefs, aber wir konnten uns gut anpassen. Jetzt fühle ich mich wie Zuhause. Mir geht es gut und ich bin glücklich, mit meinem Portugiesisch fortgeschritten zu sein. Ich kann mich nun wirklich ausdrücken, was so viel heißt, dass ich an hier nun die Menschen und ihre Geschichten besser begreifen kann. Die Arbeit an der Schule funktioniert auch gut. Uns wird klar, dass den Kindern am wichtigsten zu sein scheint, ganz einfach nur Zeit mit uns zu verbringen. Also fangen wir mit gemeinschaftlichem Malen an, machen Sport und sie scheinen, das alles sehr zu genießen. Der Versuch, den gesamten Müll hinter dem Haus wegzubringen, wurde von unserer Umgebung skeptisch betrachtet. Vor dem Haus ist alles sauber – also warum sollte man sich darum kümmern, wie es hinter dem Haus ausschaut? Wir brauchten eine Weile, unsere europäische Art beiseite zu schieben und den Leuten die richtige Hilfe, die sie brauchen, anzubieten. Also pflanzen wir nun besser Mangobäume an, anstelle den Müll hinter dem Haus zu beseitigen.

8.05.2015 – Heute war Muttertag. Ich war ziemlich überrascht, mitzubekommen, wie wichtig dieser Tag den Leuten hier ist. Sie schlossen die Schule, und die Kinder sangen, tanzten und spielten ihren Müttern ein Theaterstück vor. Die Lehrer organisierten einen großen Tisch mit Kuchen und Kaffee für jeden sowie ein kleines Präsent für jede Mama. Wir bereiteten auch ein Lied auf Englisch vor. Den Kindern war es peinlich und sie klammerten sich an uns. Das ging alles ziemlich schief, denn ich habe da ja noch diese Angst, cora Publikum vorzusprechen …

11.05.2015 – Jetzt haben wir nur noch sieben Tage in der Gemeinde vor uns. Ich möchte an ein Abreisen gar nicht denken. Wann werde ich diese Menschen je wiedersehen? Eigentlich hatten wir die Absicht, hierher zu kommen, um ihnen zu helfen und ihnen Dinge beizubringen, doch es ging alles umgekehrt vonstatten. Diese vier Monate waren so intensiv und fühlten sich an wie eine Hochschaubahn, aber ich liebte jede Minute.

Danke, Tatu, wir sehen uns wieder!
Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

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Der Tag des Umzugs Der Tag des Umzugs Carina Toma CC BY-SA 4.0
Lia und ihre Schwester Lia und ihre Schwester Carina Toma CC BY-SA 4.0
Lucia, unsere liebe Nachbarin Lucia, unsere liebe Nachbarin Carina Toma CC BY-SA 4.0
Lia und ihre Schwester Lia und ihre Schwester Carina Toma CC BY-SA 4.0
04-road-1 Carina Toma CC BY-SA 4.0
05-1 Carina Toma CC BY-SA 4.0
Die schöne Umgebung von Tatu Die schöne Umgebung von Tatu Carina Toma CC BY-SA 4.0
Unsere Bäckerei Unsere Bäckerei Carina Toma CC BY-SA 4.0
Eunji hält eine Präsentation über ihre Heimat Korea Eunji hält eine Präsentation über ihre Heimat Korea Carina Toma CC BY-SA 4.0
09 Carina Toma CC BY-SA 4.0
Maracuja - die Passionsfrucht Maracuja – die Passionsfrucht Carina Toma CC BY-SA 4.0
Pina Pina Carina Toma CC BY-SA 4.0
Acerola Acerola Carina Toma CC BY-SA 4.0
Siringuela Siringuela Carina Toma CC BY-SA 4.0
Jack fruit Jack fruit Carina Toma CC BY-SA 4.0
Unser Kühlschrank Unser Kühlschrank Carina Toma CC BY-SA 4.0
Uiuiuki und Zuckerrohr Uiuiuki und Zuckerrohr Carina Toma CC BY-SA 4.0
Little Laiza upset that we are leaving Little Laiza upset that we are leaving Carina Toma CC BY-SA 4.0
We are 1 We are 1 Carina Toma CC BY-SA 4.0
Graziela Graziela Carina Toma CC BY-SA 4.0
Me, Eunji and Sofia Me, Eunji and Sofia Carina Toma CC BY-SA 4.0
Juan an Uiuiuki helping their father to feed cactus to the animals Juan an Uiuiuki helping their father to feed cactus to the animals Carina Toma CC BY-SA 4.0
Erica and laoana helping their mother with the house chores Erica and laoana helping their mother with the house chores Carina Toma CC BY-SA 4.0
Juan and his chicken Juan and his chicken Carina Toma CC BY-SA 4.0
Goodbye Tatu Goodbye Tatu Carina Toma CC BY-SA 4.0
The mothers The mothers Carina Toma CC BY-SA 4.0
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22-mal-1 Carina Toma CC BY-SA 4.0
Panarchy Panarchy Carina Toma CC BY-SA 4.0
This is how the backyards usually looked even though in front of the house everything was swept This is how the backyards usually looked even though in front of the house everything was swept Carina Toma CC BY-SA 4.0
Eunji Planting in the messy backyard Eunji Planting in the messy backyard Carina Toma CC BY-SA 4.0
My first mango tree My first mango tree Carina Toma CC BY-SA 4.0
School yard of tatu School yard of tatu Carina Toma CC BY-SA 4.0