Das Dilemma des Dharma

Das Dilemma des Dharma

Warum sollte man dem Pfad folgen, der einen zu einem guten Menschen macht? Welchen Nutzen hat es, gut und rechtschaffen zu sein, wenn es doch auch viele Nachteile mit sich bringt? Warum scheinen die bösen Menschen, die sich dem Fehlverhalten hingeben, dafür belohnt zu werden, während die, die sich entschieden haben, gut zu sein, unter Erschwernissen leiden?

Ich glaube, dass solche Fragen wohl schon jeden Menschen hin und wieder beschäftigt haben. Das Dilemma nicht notwendigen Leidens bringt uns alle in Konflikt mit unserem angeborenen Verlangen, gute Menschen zu sein. Ich glaube, dass jedem Menschen die Fähigkeit innewohnt, gut zu sein. Und wer möchte nicht als ein guter Mensch angesehen werden?

Niemand möchte als eine schlechte Person gelten. Aber warum nehmen Menschen dann zuweilen davon Abstand, Gutes zu tun? Warum ist es so schwierig, gut zu sein?

Die Angelegenheit ist offenbar nicht einfach, und seit undenkbaren Zeiten haben Philosophen versucht, eine angemessene Antwort darauf zu finden. Mit der Zeit begann ich zu verstehen, dass es auf so komplexe Fragen nicht die eine erschöpfende Antwort geben kann. Unsere weltlichen Erfahrungen bringen uns oft zu dem Schluss, dass schlechte Menschen Erfolg haben, während Güte nicht im selben Maße großzügig belohnt wird. Daher entscheiden sich die Menschen nach ihren eigenen Interessen, ob sie gut oder schlecht sein möchten.

Tatsächlich basieren moralische Güte oder moralische Werte auf menschlichem Eigeninteresse und werden aus der Notwendigkeit, mit anderen zusammenleben zu müssen, befolgt. Ich glaube, dass nur wenige Menschen sich aus einer selbst gesetzten Verpflichtung heraus entscheiden, gut zu sein, ohne irgendwelche positiven Konsequenzen oder Belohnungen zu erwarten. Und doch spielen diese Konsequenzen eine Rolle. Denn auch wenn der Pfad des Guten mit der Erwartung einer Belohnung gewählt wird, ist das besser, als sich für das Schlechte zu entscheiden.

Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass Gut und Böse nicht dasselbe ist wie Richtig und Falsch. Richtig und Falsch sind absolute Kategorien. Gut und Böse sind dagegen kontinuierlichen Änderungen unterworfen. Solche Fragen, die den Bereich von gutem und bösem oder richtigem und falschem Verhalten betreffen, werden in der indischen Philosophie mit Bezug auf das Konzept des Dharma diskutiert.

Das Wort „Dharma“ kommt aus dem Sanskrit-Wortstamm „dhr“, was „unterstützen“ oder „aufrechterhalten“ bedeutet. Indische Philosophen und Gelehrte verbinden das Konzept des Dharma mit Dharana, was soviel bedeutet wie, die ewigen Gesetze der Welt zu befolgen oder zu unterstützen.

Das Wort „Dharma“ und die Idee, die darin mitschwingt, hat sich über Jahrhunderte entwickelt und wurde durch einen intensiven Prozess aus kontroversen Diskussionen und schließlich Anpassungen angereichert. Verschiedene Gelehrte des alten Indiens gaben der Idee des Dharma unterschiedliche Richtungen und veränderten sie mit der Zeit.

Entsprechend der orthodoxen Tradition wurde Dharma zu einem bestimmten Zeitpunkt als das Praktizieren von Ritualen angesehen, und der einzige Weg, es kennenzulernen, waren die Veden, altindische religiöse Schriften.

Doch im Laufe der Zeit verschob sich die Bedeutung des Begriffs Dharma von Ritualen und der Ethik des Handelns mehr zu einer Geisteshaltung, die auf dem Gewissen basiert. So wurde Dharma nach und nach als die Kultivierung eines ethischen Selbst verstanden, das den Charakter bestimmt. Während des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Dharma wiederum interpretiert als der hinduistische Glaube und daher Hindu-Dharma genannt.

Es ist interessant, dass der Begriff Dharma wieder und wieder diskutiert wurde, so dass sich seine Bedeutung mit der Zeit immer wieder verändert hat. Die religiöse Konnotation wurde in Frage gestellt, und im späten 19. Jahrhundert wurde der Begriff säkularisiert und erhielt eine humanistische Interpretation. So wurde das Konzept des Dharma als eine Übereinstimmung mit den Gesetzen der Natur verstanden, es wurde zu einem ethischen Code, der für die gesamte Menschheit gilt und nicht nur für diejenigen, die nach hinduistischen Gesetzen leben.

Einfach ausgedrückt kann Dharma als ein moralisches Gesetz verstanden werden, das die Gesellschaft aufrecht erhält. Das Wort muss in Zusammenhang mit Dingen wie Pflicht, Gerechtigkeit, Gesetzen, Sitte und vor allem Güte verstanden werden. Es kann interpretiert werden als das Aufrechterhalten einer Balance zwischen all den eben erwähnten Dingen. Doch kann die Bedeutung des Dharma nicht auf diese Ideen reduziert werden. Ich versuche lediglich, eine ungefähre Vorstellung von der Komplexität des Dharma-Konzeptes zu verschaffen – und davon, wie sanft man durch die Irrationalitäten des Lebens gleiten kann, wenn man Dharma zur Triebfeder seines Handelns macht.

Uns wird oft gesagt, wir sollen nicht in der Erwartung einer Belohnung für unser Handeln agieren, sondern weil es eine Pflicht sei. In anderen Worten: Man sollte aus einem tiefen Sinn für das, wozu man verpflichtet ist, handeln. Wenn man diese Philosophie versteht, dann versteht man auch, dass das Befolgen des Dharma an sich bereits eine Belohnung ist.  Alle Zweifel, alle Kränkungen, die die Irrationalitäten des Lebens hervorrufen, würden dann aufhören, uns zu belasten. Aber es ist völlig verständlich, dass es nicht einfach ist, sich gänzlich selbstlos zu verhalten ohne jegliche Erwartung einer Belohnung für unsere Taten.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Idee aufbringen, ganz einfach nur das zu tun, was gut ist. Ist es möglich, ein guter Mensch zu sein und den Pfad des Guten zu wählen, nur weil wir gut sein sollen? Kann man jemals die Erwartung oder Hoffnung loslassen, für seine Güte belohnt zu werden? Unsere Kränkungen infolge unfairer Behandlung wurzeln in unserer Erwartung, für unsere guten Taten belohnt zu werden. Niemand erwartet, dafür belohnt zu werden, dass man Schlechtes tut. Wenn wir aber feststellen, dass wir nach all den guten Taten noch immer leiden, sind wir verwirrt. Unsere Verwirrung entsteht aus der Tatsache, dass wir „Karma“ weitaus besser verstehen als die Idee des Dharma.

Unsere Idee des Karma basiert auf den Gesetzen von Ursache und Wirkung. Die Gesetze des Karma sind tief im innersten Glauben der Menschen verwurzelt, ebenso wie die Annahme, dass menschliche Taten und Handlungen zwangsläufig Konsequenzen haben. Die meisten Menschen folgen dem Pfad der Tugend mit dem tief verwurzelten Glauben, dass die Tugend irgendwann belohnt werde. Daher verhalten sich Menschen oft auf eine bestimmte Art mit der Erwartung positiver Konsequenzen.

Mehr noch, eine Tat wird nach ihren Folgen oder Ergebnissen beurteilt. Dies ist die zweckorientierte Art, Taten zu betrachten: Eine Tat ist nur dann gut, wenn sie Gutes zur Folge hat – und eine Tat ist schlecht, wenn ihre Folgen schlecht sind. Menschen verhalten sich auf eine bestimmte Art, weil sie solche Ansichten im Kopf haben. Oft entscheiden sich Menschen dafür, gut zu sein oder sich auf eine gute Art zu verhalten, weil sie glauben, dass dies auch andere dazu bewegen werde, gut zu sein. Also könnte man sagen, dass man sich dem Dharma entsprechend verhalten solle, weil dies auch Konsequenzen für die Gesellschaft hat. Beim Dharma geht es also nicht nur um das persönliche Wohlbefinden, es ist auch ein Weg, Harmonie in die Gesellschaft zu bringen.

Menschliche Handlungen basieren also normalerweise auf einem komplexen Gemisch aus Intention und der Erwartung von Konsequenzen. Letzteres ist leicht zu verstehen, und so wählen die meisten Menschen ihre Handlungen nach den Gesetzen des Karma. Sich auf eine Absicht zu konzentrieren, z.B. für unsere Taten belohnt zu werden, scheint ein eher selbstbezogenes Verhalten zu sein für viele, die im Dilemma, sich für das Gute zu entscheiden, gefangen sind.

Die Menschen entscheiden sich also normalerweise aus einem Konsequenzdenken, das auf zweckmäßigen Werten basiert, für das Gute. Und genau deswegen werden sie verwirrt, wenn sie die guten Konsequenzen, die aus ihren guten Handlungen erwachsen sollten, nicht erhalten.

Doch nach meinem Verständnis können wir nicht immer immun sein gegenüber den Irrationalitäten des Lebens. Wir können niemanden für die unerwünschten Folgen unserer guten Handlungen verantwortlich machen. Ich glaube fest daran, dass man gut sein sollte, weil es gut ist, gut zu sein. Wenn wir den Pfad des Guten als ein Ziel wählen und nicht als ein Mittel, brauchen wir keine Bedenken wegen irgendwelcher Folgen zu haben. Wir können zumindest immun sein gegenüber den Kränkungen, die entstehen, wenn die Konsequenzen unserer Handlungen nicht mit den Handlungen in Einklang stehen. Dann wird es kein Problem sein, gut zu sein. Dann werden wir uns niemals mehr selbst davon zurückhalten, Gutes zu tun.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Das Dilemma des Dharma Das Dilemma des Dharma Sumana Singha CC BY-SA 4.0