Das sozio-ökonomische Wirtschaftssystem – Eric Bihl

Das sozio-ökonomische Wirtschaftssystem - Eric Bihl

Am 28. Juli 2017 sprach Eric Bihl im Forum Mozartplatz in Wien über ein interessantes Thema. Bihl ist Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Equilibrismus e.V. Das Konzept des Equilibrismus beschreibt ein sozio-ökologisches Wirtschaftsmodell nach den Regeln der Natur.

Zunächst erzählte unser Moderator Alexander Stipsits etwas zu Eric Bihls bisherigem Leben:

Geboren im Elsass, einer französischen Region an der Grenze zu Deutschland, engagierte er sich zunächst für die Rettung von Robben und musste feststellen, dass es sich hierbei um einen Kampf gegen Windmühlen handelte. Zunächst machte er eine Banklehre. Später zeigte ihm Helmut Creutz die Konstruktionsfehler des Geldsystems. Nach einem beruflichen Abstecher nach Französisch-Polynesien ging Eric nach München, wo er seither im Europäischen Patentamt tätig ist. Seine große Sammelleidenschaft – die sozio-ökologischen Alternativen – brachte ihn mit Volker Freystedt zusammen. Im Jahr 1997 gründete Eric den Equilibrismus e. V. und entwickelte gemeinsam mit Volker das gleichnamige Konzept.

Nach dieser kurzen Vorstellung übernahm Eric Bihl das Wort. Dieser leitete damit ein, dass Equilibrismus als grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus auftrete. Der Begriff komme vom lateinischen „aequilibrium“ (Gleichgewicht) und setze sich aus „aequus“ (gleich) und „libra“ (Waage) zusammen. Das Wort wurde auch im Mittelalter in der scholastischen Lehre verwendet: nämlich dafür, dass der Mensch aus seinem freien Willen Auswahl über mehrere Motive habe. Heutzutage würde man bloß die Wahl für den Kapitalismus haben.

Nun ging er auf die Ursachen unserer heutigen Probleme ein. Seit der Renaissance hätten wir eine Beschleunigungskrise, nämlich in den Bereichen Kommunikation, Bevölkerungswachstum, Wirtschaft und Fortbewegung. Die Frage sei, wie lange man damit noch weitermachen könne. Die Ursache für die Krise sei, dass man aus dem normalen Wachstum der Natur ausgebrochen sei. In der Natur habe jedes Wachstum irgendwann ein Ende, etwa beim Menschen oder aber auch bei Pflanzen. Es ergäben sich viele Probleme, würden wir unendlich weiterwachsen. Dagegen würden Bereiche wie Technologien, Energieverbrauch, Bevölkerungsanzahl, Information exponentiell, also extrem schnell wachsen. In zwei Jahrhunderten hat sich etwa die Weltbevölkerung ein bisschen mehr als versiebenfacht. Dieses Wachstum sei auch beim Autobestand ersichtlich, welcher 1950 siebzig Millionen betrug, 2010 die Milliardengrenze überschritt und 2020 bei 1,5 Milliarden Autos angelangt sein wird.

Ein exponentielles Wachstum sei also nicht ewig tragbar. Er stellte drei Möglichkeiten vor, wie man in Zukunft vorgehen könnte. Zum einen könnten wir bis zum bitteren Ende so weiterleben wie jeetzt. Dann gebe es das Szenario, dass man das Ende mithilfe von Reformen, Korrekturen oder Entschärfungen am bestehenden System hinauszögere. Die dritte und letzte Möglichkeit wäre das Feststellen der Ursachen der Probleme sowie der Entwurf eines völlig neuen Wirtschaftskonzepts, welches im Einklang mit der Natur stehe. Der Equilibrismus möchte etwas ganz Neues wagen und nicht das bestehende System modifizieren.

Eric zitierte hier etwas von seinem Mitgründer Volker Freystadt:

Wir haben es eben nicht mit einem Fehler im System zu tun, sondern mit einem fehlerverhafteten System. Deshalb ist alles Reformieren im System sinnentleertes, staatliches Handeln.

Der ganze Kapitalismus sei kontra-naturell aufgebaut. In keiner Weise würde er eine einzige Regel der Natur respektieren. Wenn man aber etwas Neues ausprobieren würde, müsse man unbedingt kognitive Dissonanz vermeiden. Man müsse aufhören, nur das Negative zu zeigen, da die Leute sich sonst komplett verschließen würden aus Gründen der Resignation. Der Mensch sei dann nicht mehr bereit, neue Sachen aufzunehmen. Der wichtigste Faktor, um etwas Neues wagen zu können, sei ein Paradigmenwechsel. Er schilderte die aus seiner Sicht wichtigsten Natur- und Wachstumsregeln. Zum einen könne es in einem begrenzten Raum kein unbegrenztes Wachstum geben. Und für jedes gesunde und natürliche Wachstum gebe es Obergrenzen. Zudem müssten sich alle Teile eines Organismus in ihrer Entfaltung am Ganzen orientieren. Diese Regeln würden nicht nur für natürliche Wachstumsvorgänge gelten, sondern auch für wirtschaftliche, da alle materiellen Prozesse sich nicht den Naturgesetzen entziehen könnten. Diese Regeln entnahm Eric aus dem Buch „Das Geldsyndrom“, geschrieben von Helmut Creutz. Man könne diese Regeln auch nicht übergehen, da sie einfach existierten. Der Equilibrismus habe viele Ideen zusammengebracht, um sie in ein System mit vier Bereichen aufzuteilen. Diese seien Öko-Alternativen, ein natürliches Kreislaufwirtschaftssystem, eine nachhaltige Wirtschaftsordnung und Welt-Förderalismus sowie die Reform der UNO. Hierbei könne man eine Analogie zum Körper ziehen. Die Öko-Alternativen seien die Organe, während das natürliche Kreislaufwirtschaftssystem und die nachhaltige Wirtschaftsordnung für die Durchblutung der Organe sorgen und Weltförderalismus sowie die United Nations Reform das Immunsystem darstelle.

Wie das equilibristische System funktioniere, stellte er in zwei Geschichten dar. Eric erzählte von einem armen Dorf an der Küste Südafrikas, welche gegen das Gesetz nach seltenen Muscheln tauchten. Diese Küste war 300 Kilometer lang und trotz massiver Investitionen in Überwachung dieses Küstengebietes und der Tatsache, immer wieder gefangen genommen zu werden, tauchten die Dorfbewohner immer wieder nach den Muscheln, nachdem sie wieder freigelassen wurden – weil sie keine andere Wahl hatten.

Die zweite Geschichte handelt von Nambia in den 80er-Jahren, wo es noch zwanzig Spitzmaulnashörner gab. Die Bewohner hatten diese aufgrund ihrer Armut fast völlig ausgerottet. Statt nun Strafen zu setzen, machten die verschiedenen verantwortlichen Organisationen einen Deal mit den Bewohnern: sie würden bezahlt, wenn sie die Sicherheit und Population der Spitzmaulnashörner gewährleisten. Die gute Bezahlung garantierte den Bewohnern ein besseres Leben und das Überleben der Spitzmaulnashörner.

Man müsse sich daher auf Belohnen und nicht auf Bestrafen konzentrieren. Dies sei ein Prinzip des Equilibrismus.

Um dieses Konzept in der Praxis zu testen, müsse ein Modellversuch her. Man könnte diesen auf einer kleinen Insel in der Nähe von Kanada starten. Die Fläche betrage 400 Hektar, also die eines Dorfes circa. Dies wolle man mit verschiedenen Studenten dort ausprobieren und dort die vorhandenen Ideen anwenden und weiterentwickeln. Die Kosten für den Kauf der Insel betragen in etwa 1,6 Millionen Euro.

Hiermit bedankte Eric sich beim Publikum und stellte sich anschließend deren Fragen:

Das sozio-ökonomische Wirtschaftssystem - Eric Bihl

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Das sozio-ökonomische Wirtschaftssystem - Eric Bihl Das sozio-ökonomische Wirtschaftssystem – Eric Bihl Idealism prevails CC BY-SA 4.0
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