Den Sprung wagen – Entscheidungen treffen, die Veränderung bedeuten

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Ich möchte mich in diesem Artikel einem Thema widmen, das in meinem Leben zu bestimmten Zeiten immer wieder aktuell war und ist. Es hat sich schon oft sehr dominant in meinem Kopf eingenistet und vehement danach gerufen, von mir angeschaut zu werden. Ich spreche hier von Situationen, in denen es darum geht, größere (oder auch kleinere) Entscheidungen zu treffen und von der Ungewissheit und Angst, die sich daraufhin einstellen und die Entscheidungsfindung erheblich erschweren.

Spätestens seit Beginn meiner Indienreise habe ich mich selbst des Öfteren mit Situationen konfrontiert, die mir Angst machten, weil ich ihren Verlauf nicht absehen konnte. Diesen Schritt in die Ungewissheit nenne ich auch den Sprung ins kalte Wasser. Wenn ich kurz vor dem Sprung stehe und die Angst vor dem, was da kommen möge, wächst, ist die Versuchung groß, einen Rückzieher zu machen. Denn wenn ich mich entscheide, etwas Neues zu beginnen, dann gebe ich auch oft etwas Altes dafür auf.

Die Zweifel, die vor dem großen Schritt aufkommen, beschäftigen sich mit Fragen wie: Begehe ich einen Fehler? Verliere ich den Boden unter den Füßen? Wenn ja, werde ich jemals wieder in die gewohnten alten Gefilde zurückkehren können? Diese Gedanken und Gefühle sind meist übersteigert.

Aber kurz vor der Entscheidung, einen gewissen Weg im Leben einzuschlagen, fühlt sich der Sprung ins kalte Wasser immer sehr ultimativ und damit auch unangenehm an. Innerer Druck steigt auf, denn wer weiß, ob es die richtige Entscheidung ist und ich später noch umkehren kann?

Immer wenn ich vor diesen Weggabelungen stand und sich die Ängste und Zweifel in meine Gedanken einnisteten, fing ich an, Listen zu schreiben, auf denen ich das Für und Wider der möglichen Entscheidung festhielt. Aber diese Listen halfen mir meist nicht besonders weiter, mich gut mit meiner Entscheidung zu fühlen und den Sprung zu wagen. Ich haderte trotzdem, egal wie viele Punkte auf meiner Liste für oder gegen die Entscheidung sprachen.

Es mag abgegriffen und schwer umsetzbar klingen, aber das Bauchgefühl ist letztendlich der beste Wegweiser. Das Komplizierte mit dem Bauchgefühl ist allerdings, dass man es irgendwann nicht mehr erkennen kann. Spätestens dann, wenn die große Angst und innere Unruhe einsetzen. Die Gefühle im Körper spielen verrückt, und ein verlässliches Bauchgefühl scheint in weiter Ferne. In diesen Situationen denke ich mir, dass sie doch aber irgendwann mal da gewesen sind, die innere Überzeugung und der Wegweiser, die einem anzeigen, wo man wirklich hin möchte.

Angst, Nervosität und starke Gefühle sind verwirrend und hinterhältig. Wenn sie hochkommen, gaukeln sie mir vor, dass ich mir meine Entscheidung vielleicht noch mal überlegen sollte. Sie wollen mich glauben machen, dass sie ein Indikator meines eigentlichen, wahren Bauchgefühls seien. Ich fange an zu denken, dass ich jetzt noch diese letzte Chance nutzen sollte, alles abzubrechen und zurück in den sicheren Hafen zu steuern.

Ich bin schon sehr, sehr oft in diese Fallen getappt, die mir meine eigenen Gedanken stellen. Manchmal habe ich diesem „falschen Bauchgefühl“ nachgegeben. Und wenn ich es nicht getan habe, war ich froh, dass ich nicht im letzten Moment vor dieser irreführenden Angst eingeknickt bin. Ich nehme mir danach immer wieder vor, es für das nächste Mal besser zu wissen und zu lernen, die mich überwältigenden Gefühle ganz objektiv zu erkennen und zu enttarnen. Aber wenn ich dann erneut vor einer größeren Entscheidung stehe, klopfen sie plötzlich wieder an meine Tür und die Fähigkeit, mich objektiv zu distanzieren, scheint in weiter Ferne.

Was tue ich also?

Ich ermutige mich dazu, mich an meine ursprünglichen Absichten zurückzuerinnern, und versuche mir Mut zuzusprechen, nun einfach durch diese Wellen und Turbulenzen hindurchzuschiffen. Ich erinnere mich an vergangene Situationen, in denen ich froh gewesen war, den angsteinflößenden Schritt doch gewagt zu haben. Diese Schritte, wie zum Beispiel meine große Langzeitreise anzutreten – beginnend mit dem überwältigenden Land Indien -, haben sich immer als die besten Entscheidungen erwiesen, die ich hätte treffen können. Es waren Entscheidungen, die mir Angst gemacht haben, weil ich etwas Altes zurückließ und keine Absicherung für das Gelingen meiner Zukunftspläne hatte. Ich hatte Angst, zu scheitern und einen großen Fehler zu begehen.

Wenn ich also vor diesen Abzweigungen im Leben stehe, dann ermuntere ich mich nun, weiterzugehen. Denn meine Erfahrung zeigt mir, dass mich dies auf meinem persönlichen Lernweg immer einen entscheidenden Schritt weitergebracht hat. Auch wenn ich mal gescheitert bin. Dann war auch dies eine nötige Lernaufgabe für mich.

Ich bin noch immer keine Meisterin in diesen Situationen, aber ich trage inzwischen die Überzeugung in mir, dass, selbst wenn ich scheitere oder mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sein werde, ich dabei sehr viel für mein Leben lernen werde. Ich werde also als ein etwas weiserer Mensch als zuvor aus der Situation hervorgehen.

Alle großen Entscheidungen und Sprünge ins kalte Wasser bergen dieses Potenzial: Sie machen uns in jeder Hinsicht reicher. Wenn wir vor einer Entscheidung zurückschrecken und vor ihr weglaufen, dann bleiben wir mit den „Was-wäre-wenn“-Gedanken zurück, und der innere Drang oder die Neugierde, einen bestimmten Schritt zu gehen, werden nie gestillt.

Allerdings ist keine Entscheidung die falsche, wenn sie bewusst getroffen wird. Selbst wenn ich noch vor einem großen Schritt zurückschrecke und mich dazu entscheide, noch nicht weiterzugehen, dann werde ich ebenfalls aus dieser Entscheidung lernen. Vielleicht werde ich dann etwas später umso mehr und vehementer von meiner inneren Stimme ermuntert, den Schritt letztendlich doch zu tun. Vielleicht etwas später als geplant, dafür aber überzeugter denn je.

Das Wichtigste ist, die eigene Entscheidung, wenn sie getroffen wurde, zu akzeptieren, loszulassen und dann präsent, mit Vertrauen und offenen Augen voranzuschreiten.

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