Nepalesische Schule

Der Schwund der klugen Köpfe aus der Dritten Welt

Ich hätte Probleme, heutzutage noch die Freunde aus meiner Kindheit zu treffen – denn wenn ich versuche, sie ausfindig zu machen, stelle ich fest, dass die meisten von ihnen ins Ausland gegangen sind, um dort bessere Chancen zu haben. Dies ist ein großes Problem in Entwicklungsländern wie meiner Heimat Nepal: Gut und auch weniger gut Ausgebildete sind ständig auf der Suche nach besseren Chancen, und für die meisten Nepalesen bedeuten „bessere Chancen“, in ein anderes Land zu gehen.

Nepal ist ein Binnenland ohne Zugang zum Meer und ein Land, das sich noch immer in der Entwicklung befindet; im Human Development Index liegt es auf Rang 144. Die Hauptgründe für die schleppende Entwicklung sind die seit Langem andauernde politische Instabilität, schlechte Regierungsarbeit und mangelhafte Durchsetzung von Gesetzen. Eine der Hauptkonsequenzen dieser Probleme ist das ständige Ansteigen der Zahl der Emigranten auf der Suche nach Arbeit und Studienmöglichkeiten, was zum sogenannten Brain Drain führt.

Wenn ich kleine Kinder treffe und sie nach ihren Zukunftsplänen frage, dann sagen sie, dass sie einen guten akademischen Abschluss machen und dann ins Ausland gehen möchten, um ein glückliches und sicheres Leben zu haben.

Das spannende Detail ist, dass selbst finanzschwache Studenten oder solche, die in Nepal keine Zulassung zum Studium bekommen haben, um jeden Preis ins Ausland gehen möchten. Die Schüler, die ich traf, interessieren sich mehr für Nebenjobs und den „permanent residence processing guide“ der kanadischen Regierung als für ihre eigentliche Ausbildung. Die Immigrationspläne und Angebote für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung von einigen reicheren Ländern haben zuletzt vor allem technisch Ausgebildete angezogen.

Jedes Jahr gibt es aus Nepal mehrere hunderttausend Bewerbungen für die Diversity Visa Lottery der USA, und viele weitere gehen nach Europa, in die Golfstaaten oder nach Korea.

Soweit ich weiß, gibt es eine lange Geschichte von Nepalesen, die in Übersee nach Arbeit suchten. Frühe Migrationsströme waren das Ergebnis von Push-Faktoren wie politischer Instabilität und schlechten Verdienstmöglichkeiten im Heimatland. Eine offiziell zugelassene und zeitlich begrenzte Migration setzte zum Beispiel ein, als nepalesische Männer infolge des Vertrags von Sugauli einen Dienst in der britischen Armee begannen. Dieser Vertrag wurde am 2. Dezember 1815 zwischen dem König von Nepal und der britischen East India Company, de facto also dem britischen Staat, geschlossen und erlaubte es der britischen Armee, nepalesische Gurkhas in Dienst zu nehmen.

Die studentische Migration ist dagegen ein neues Phänomen. Gute Ausbildung, der Erwerb internationaler Arbeitserfahrung, das Kennenlernen neuer Kulturen und bessere Arbeitsmöglichkeiten sind hier die attraktiven Faktoren.

Und dieser Trend hat nicht nur die Angehörigen privilegierter Schichten, sondern auch Studenten aus der Mittelklasse erfasst. Dazu trägt die Tatsache bei, dass eine internationale Ausbildung auch für Familien mit durchschnittlichem Einkommen leistbar geworden ist.

Der sich daraus ergebende Anstieg von Geldüberweisungen aus dem Ausland durch die Emigranten hat eine Reduzierung der Armut in Nepal bewirkt. Doch obwohl es einen ökonomischen Vorteil in Form dieser Geldflüsse gibt, haben auch die Fähigkeiten dieser Migranten ihren Wert. Und für ihre Heimatländer bedeutet die Abwanderung qualifizierter Kräfte einen Verlust an Humankapital, was die langfristigen Wachstumsaussichten der Entwicklungsländer beeinträchtigt.

Der Begriff „Brain Drain“ (der wörtlich etwa „Hirnabfluss“ bedeutet) bezeichnet das Phänomen, dass Menschen mit guter Ausbildung und hoher Qualifikation und Kompetenz ihre Heimatländer verlassen.

Für die Entwicklungsländer hat der Brain Drain vor allem zwei Hauptnachteile:

1. Die Abwanderung qualifizierter Menschen führt dort, wo die Institutionen bereits geschwächt sind, zu einem weiteren Verlust an lokaler Verwaltungskompetenz und behindert Innovationen ganz direkt.
2. Wenn die Haupteinkommensquelle in den Entwicklungsländern Geldüberweisungen der Migranten sind, dann ist dieses Modell kritisch für die Aufrechterhaltung der sozioökonomischen Stabilität in diesen Ländern.

Obwohl Nepal ein rural geprägtes Land ist, befinden wir uns derzeit in der Situation, dass wir Nahrungsmittel aus den Nachbarstaaten importieren müssen. Wir finden kaum noch junge Menschen in unserer Gemeinschaft, weil die meisten von ihnen bei einer Temperatur von 50 Grad in den Golfstaaten arbeiten.

Der Staat schafft sehr wenig Arbeitsmöglichkeiten. Anstatt diese Gehirne zum Aufbau der eigenen Nation zu nutzen, animiert der Staat selbst die Regierungen anderer Länder, Arbeitskräfte aus Nepal anzustellen. Als Ergebnis davon bleiben viele landwirtschaftliche Nutzflächen in Nepal unbewirtschaftet.

Viele Regierungsbeamte, Dozenten, Doktoren und andere Experten gehen mit Stipendien und Zuschüssen der Regierung ins Ausland. Sie beenden dort ihr Studium oder ihre Weiterbildung, nutzen die erlaubte Abwesenheitszeit maximal aus und kündigen dann schließlich ihren Job, um dauerhaft in ihrem Gastland zu bleiben. Viele Menschen besuchen andere Länder, doch sie geben selten ihre Staatsangehörigkeit auf – anders als viele Nepalesen. Dies ist ein weiterer Hauptgrund für die langsame Entwicklung Nepals.

Heutzutage ist es schwer, in unserem Land Universitätsabsolventen, renommierte Professoren, gute Techniker, medizinische Experten und gute Künstler zu finden.

Ein höherer Lebensstandard, bessere Lebensqualität, ein höheres Einkommen, die Verfügbarkeit fortgeschrittener Technologien und höhere politische Stabilität in den entwickelten Ländern sind Faktoren, die Talente aus weniger entwickelten Gegenden anziehen. Die Migrationsbewegung verläuft daher von den weniger zu den besser entwickelten Ländern. Die Intellektuellen sind dabei die teuerste Ressource, weil ihre Ausbildung in ihrer Heimat einen großen materiellen und zeitlichen Aufwand erfordert hat.

Nun ist es an der Zeit, für eine nachhaltige und stabile Entwicklung zu sorgen, die diese Kräfte zurückbringt, indem sie eine attraktive Umgebung und Infrastruktur erschafft. Die meisten der Entwicklungsländer haben an produktiver Manpower verloren.

Dies ist für Länder wie Nepal eine ernsthafte Bedrohung, weil diejenigen, die das Land in der Zukunft aufbauen könnten, es so schnell wie möglich verlassen wollen. Wenn dieses Problem nicht bald gelöst wird, wird die Bevölkerung bald nur noch aus alten Menschen, kleinen Kindern und Jugendlichen ohne Ausbildung bestehen.

Wenn es aber gelingt, im Ausland lebende Bürger in die Schaffung von Chancen in ihrer Heimat einzubeziehen, dann können nationale Talente im Land gehalten oder zur Rückkehr bewegt werden.

Der Schaffung von Arbeitsplätzen durch den Staat sollte hohe Priorität eingeräumt werden. Die Verbesserung der Qualität der Universitäten ist von entscheidender Bedeutung; hierzu müssen sie in Verbindung mit renommierten Universitäten in Europa und den USA treten. Die Schaffung besserer Chancen in den Entwicklungsländern, unabhängig von der Zugehörigkeit zu Kasten und Religionsgemeinschaften, ist von größter Wichtigkeit. Der Steigerung von Löhnen, unabhängig von Qualifikation und Erfahrung, muss eine höhere Priorität eingeräumt werden.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Nepalesische Schule Nepalesische Schule Dmitry A. Mottl CC BY-SA 3.0

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