Der Sinn des Lebens – Der Weg in den Mainstream

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Was ist der Sinn meines Lebens und des Lebens allgemein, und wo liegt seine Bedeutung? Bei einigen von uns kommen diese Fragen an bestimmten Punkten unseres Lebens zum Vorschein. Handelt es sich dabei bloß um eine Inquisition eines jungen, verwirrten Geistes an dem Punkt, an dem die Richtlinien für das Erwachsensein klargestellt werden müssen? Oder um eine Suche, die ein vollkommenes und betuchtes Individuum erst beginnt, wenn es bemerkt, dass es immer noch unzufrieden ist? Oder um die Forschung des rationalen Verstandes, der versucht, mehr Logik und Struktur in all der Vielfalt und dem illusorischen Chaos zu finden?

In meinem Fall stellte sich diese Frage wieder einmal zu einem Zeitpunkt, an dem ich nicht mehr darüber Bescheid wusste, was meine Werte und Überzeugungen waren; somit musste ich sie hervorkramen, um herauszufinden, wie ich mein Leben sinnvoller gestalten kann. Und wenn ich mir mein Leben als eine Straße vorstelle, so waren die letzten achtzehn Monate ein Straßenabschnitt zwischen zwei Stationen: die Station “Erwachsenwerden”– und die Station “existenzielle Krise”.

Der Teil des Erwachsenwerdens fand in der Erkenntnis, dass meine Überzeugungen und Glaubensgrundsätze gar nicht die meinigen waren, sein Ende. Oder besser gesagt: dass sie nicht bewusst von mir gewählt wurden, sondern nur eine Reihe von chaotischen Auswirkungen meiner Familienerziehung, meiner Schul- und meiner Universitätszeit waren. Nach diesem Bekenntnis brach bei mir “die dunkle Nacht der Seele”1 ein, und ich begab mich auf die Suche nach einem sinnbringenderen Leben.

In dieser Serie, die aus drei Teilen besteht, möchte ich auf meine Entscheidungen zu dieser Suche verweisen. Entscheidungen, bei der die größten Köpfe der menschlichen Art Trost fanden und von denen einige mich dazu veranlassten, meinen eigenen Zugang zu dieser sehr persönlichen, aber auch universellen Unternehmung zu veranlassen.

Ich muss dabei erwähnen, nicht ganz unbefangen vorgegangen zu sein. Es wäre übermäßig ambitioniert gewesen, hätte ich versucht, alle Paradigmen abzudecken, derer sich Philosophen seit mehreren tausend Jahren der Menschheitsgeschichte bedienten. Deshalb möchte ich mich vordergründig auf die Neuzeit konzentrieren – also auf die letzten paar Jahrhunderte.2 Ich beschränke mich bewusst, aus egoistischen Motiven: Der aktuelle Stand der Dinge scheint mir relevanter, denn es ist die Zeit, in der ich lebe. Auch deshalb, weil ich annehme, dass der Zustand heute, in dem ich über dieses Thema diskutiere, generell die jüngsten religiösen, wissenschaftlichen und spirituellen Entwicklungen in der Gesellschaft vertritt.

Man könnte meinen, dass eine Suche dieser Größenordnung, die vielleicht sogar den größten Teil der Menschheit umfasst, universell und allgemeingültig definiert sei. Doch bald wird klar, dass jeder von uns ein anderes Verständnis für sie hat. Die meisten Menschen würden sich wahrscheinlich auf den positiven Endwert berufen, den ihr eigenes individuelles Leben erbringen würde. Oder aber man bezieht sich auf eine bestimmte Eigenschaft der individuellen Existenz, die mehr Sinn in diese Welt bringen würde. Andere wiederum – von persönlichen Wünschen befreit – würden den Zweck der Menschheit, den Zweck dieses Planeten und den Zweck des Universums insgesamt in Frage stellen.

Unter den Wissenschaftlern gibt es eine gewisse Einigkeit in der Auffassung, dass sich der Sinn des Lebens von anderen Begriffen wie Güte, Glück, Moral oder Würdigkeit unterscheidet; dennoch hat das Fehlen eines einheitlichen “Begriffes” für die Interpretation des “Sinnes des Lebens” eine Reihe von Konzepten, die manchmal gegensätzlicher nicht sein könnten, darüber hervorgebracht, was Sinn und Zweck des Lebens ausmachen könnten.

Aber warum ist die Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens in den letzten Jahrzehnten zu einem solchen Mainstream-Thema geworden, und was waren die Faktoren, die die aktuelle Diskussion prägten?

Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte zurück, so erkennen wir, dass unsere Vorfahren größtenteils in gotteszentrierten Universen lebten, die von supranationalen Mentalitäten regiert wurden. Der Begriff des Transzendenten war schon immer existent: von der Mystik und dem Spiritismus der frühen Stämme über allmächtige Götter der ägyptischen und griechischen Zivilisationen bis hin zum einheitlichen Gottesbild der späteren religiösen Überzeugungen.3 Als solcher herrschte der Übernatürlichkeitsgedanke in philosophischen Sichtweisen vor, verkörpert durch die Ansicht, dass “der Sinn des Lebens aus einer Beziehung zum geistigen Reich”, entweder Gott oder der Seele, bestehen müsse und dass “Gott einen Plan für das Universum hat und dass das eigene Leben so bedeutsam ist, dass man Gott hilft, diesen Plan zu verwirklichen” (Metz, 2011).

Diese Ansichten beherrschten die Gesellschaften massiv bis zu den frühen Entdeckungsreisen, den durch die protestantische Reformation verursachten Glaubenskrisen, der stärker werdenden menschlichen Vernunft während der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution, die zur “Verflüchtigung einer weit verbreiteten, manifestierten christlichen Auffassung von der Natur der Dinge” (O’Brien, 2011) führten. Die Abkehr vom Begriff der Transzendenz brandmarkte den Aufstieg des Rationalismus im philosophischen Denken und die Entwicklung nihilistischer Konzepte, die, wie von vielen geglaubt, eine Krise der modernen Welt untermauerten; denn “sobald das Überrationale aufgegeben und abgelehnt wird, gibt es nichts mehr zu philosophieren” (Cocks, 2018).

Richard Cocks beschreibt auf anschauliche Weise die Turbulenzen, die sich bei der Entwicklung der Konzepte rund um den Sinn des Lebens ergaben:

Der rationale philosophische Geist dreht seine Räder in der Luft; er mahlt sie, um Brot und Substanz herzustellen. Er empfindet seine Aufgabe als hoffnungslos und verzweifelt; die Verzweiflung der Skepsis und des Nihilismus. Positivismus, Nihilismus. Postmoderne, Nihilismus. Vielfalt, Nihilismus. Liberalismus, Nihilismus. Humanismus, Nihilismus. Jede Tür schließt sich, und schließt sich angesichts des immer verzweifelteren oder gar apathischen Suchenden.4

Die Abkehr von der Idee der göttlichen Herkunft des Lebens und die Unfähigkeit der Wissenschaft, die Herausforderungen aufgrund des Mangels an Einheitlichkeit der Theorien sowie ihrer Komplexität anzunehmen, und folglich auch das Scheitern in ihrer Verbreitung sind die Hauptfaktoren für den Grund, warum wir dort sind, wo wir sind: Der rationale Verstand muss die Lücke schließen und bringt Dutzende von Sichtweisen hervor, um auf die “richtige” Antwort zu stoßen.

Soweit ein kurzer Überblick, wie Paradigmenwechsel aus der Weltperspektive den Kontext für die Bildung einer gegenwärtigen Fülle von Sichtweisen rund um die Frage des Sinnes des Lebens geschaffen haben. In den folgenden Teilen dieses Artikels werden wir einige der weniger offensichtlichen Ursachen behandeln und zum Schluss mit der Untersuchung von vorherrschenden Konzepten beginnen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen
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1 Hier als Ausdruck für “existenzielle Krise” verwendet. Ursprünglich ein Gedicht von St. John. https://en.m.wikipedia.org/wiki/Dark_Night_of_the_Soul
2 Jenen, die die Entwicklungsgeschichte der Ansichten über den Sinn des Lebens verfolgen möchten, empfehle ich einige Übersichten von Wendell O’Brien.
3 Für eine ausführliche Darstellung der Universen und ihrer vorherrschenden Dogmen verweise ich auf “Masks of the Universe” von Edward Harrison.
4  Richard Cocks, “Philosophy and the Crisis of the Modern World“, 2018

Credits

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00_Cover_Meaning-of-Life 00_Cover_Meaning-of-Life Aleksandra Yurchenko CC BY-SA 4.0

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