Der Weisheit letzter Schluss – Bilanzen & Perspektiven

Meinung

Ein kommentierender Wochenrückblick KW 49-50/23

Business as usual möchte man meinen, wenn man die letzten beiden Wochen in den Blick nimmt. Das ist – seien wir uns ehrlich – nicht nur das traurige Fazit dieser 14 Tage sondern auch das eines weiteren Jahres auf unserem Planeten Erde. Der in Kürze bevorstehende Jahreswechsel lädt dazu ein, Bilanz zu ziehen. Gleichzeitig verleitet er dazu, Vorsätze zu generieren, die sehr oft wenige Tage, nachdem sie gefasst wurden, bereits wieder ad acta gelegt worden sind. Vom Leben. Von jedem selbst. So weit, so schlecht.

Aktuell befindet sich – ja, ich möchte es so weit fassen – gefühlt ein Großteil der Menschheit weiterhin in einer schon mehrere Jahre währenden Dauerkrise, in der nichts weniger als die eigene Existenz auf dem Spiel steht. Zumindest wenn man der veröffentlichten Meinung Glauben schenkt. Und dennoch kenne ich eine nicht zu unterschätzende Menge Menschen, die (dennoch) Perspektiven sehen. Eine kritische Masse – im doppelten Wortsinn. Sie sehen die Chance auf einen Restart, einen Neubeginn, eine Zeitenwende hin zum Positiven, zur Weiterentwicklung der Menschheit als Ganzes.

Und damit sind wir mitten in der Adventzeit angekommen; jenen Wochen, die der Erwartung und der Ankunft auch heute noch gewidmet sein könnten. Der Erwartung und der Ankunft der Wiedergeburt des Lichtes, der Geburt einer Lösung oder des Erlösenden in uns, der Verbundenheit, der Liebe und des Friedens. Große Worte. Viel zu oft falsch verstanden. Und auf diese Weise gleich im Keim erstickt, werden sie viel zu selten tatsächlich ins Leben gesetzt, wirklich lebendig.

Gerne möchte ich Sie und Euch einladen, mir und meinen Gedanken zu folgen, vermeintlich Gegenwärtiges zu verlassen, auch Vergangenes, ja sogar die Zukunft sein zu lassen und wahrhaft in den Augenblick und das Jetzt einzutauchen. Ich erlaube mir, so knapp vor Weihnachten und dem Beginn eines neuen Jahres, philosophisch zu werden, vielleicht sogar visionär, möglicherweise auch utopisch. Beseelt von der Zuversicht, dass selbst aus Utopien Realität werden kann, weil das schon das eine oder andere Mal in der Geschichte der Menschheit vorgekommen ist – und weil ein jeder Mensch tief in seinem Inneren genau das weiß, lasse ich mal alles, was mich so fest am Boden hält, los, um den einen oder anderen engelsgleichen Höhenflug zu starten, immer mit dem Ziel, das auf diese Weise Erfahrene dann tatsächlich auf den Boden zu bringen, also zu verwirklichen bzw. zu dessen Verwirklichung beizutragen.

Während also Benjamin Netanyahu selbst trotz US-amerikanischer Bedenken keinerlei Anstalten macht, seinen Rachefeldzug zu beenden, bevor nicht der letzte palästinensische Terrorist vom Erdboden getilgt ist, der Papst die Segnung von unverheirateten bzw. gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht – vorausgesetzt sie sind sexuell enthaltsam -, im Ukraine-Russland-Konflikt der zweite, völlig unnötige Kriegswinter bevorsteht, Erinnerungslücken bei Getreuen des ehemaligen Bundeskanzlers im Rahmen des gegen ihn geführten Falschaussageprozesses an der Tagesordnung sind oder der mächtigste aller FIFA-Präsidenten, den die Welt je gesehen hat (dagegen war selbst sein Vorgänger Sepp Blatter ein Waisenknabe) für den Sommer 2025 eine Klub-WM ankündigt, womit Fußballprofis in 52 Wochen eines Jahres bis zu 80 Fußballspiele „drohen“, während also all das und noch viel mehr passiert und uns Degeneration und Hybris alltäglich – zumeist völlig unerkannt – um die Ohren fliegen und wir mitunter dadurch sogar zu Fälschern unserer Lebensbilanz werden, während also all das passiert, wage ich den mutmaßlich naiven und blauäugigen Versuch, die Chancen und Perspektiven dieser vermeintlich völlig vertrackten Situation zu sehen.

Anleihe nehmen möchte ich dabei an dem, was Menschen zu dieser Jahreszeit umgetrieben hat, was auch die christlichen Kirchen dazu veranlasst hat, in genau jener Zeit die Geburt des Messias (übrigens eine jüdische Heilserwartung, die die Christen sich einverleibt haben) anzusetzen und damit dem heidnischen Volksglauben den Garaus zu machen.

Dieses Jahr ist es exakt am 22. Dezember um 4.27 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) soweit, dass sich die so genannte „Wintersonnenwende“ ereignet. Mit ihr gehen die längste Nacht und der kürzeste Tag einher und damit jener Wendepunkt, von dem an die Tage wieder länger werden. Was für ein bedeutendes Ereignis. Im Zeitalter der Elektrizität aber geht diese Wendung in der Regel spurlos an uns vorbei. Wir haben uns der Natur und damit auch unserer Natur im Lauf der letzten Jahrzehnte entfremdet: die Technik hat scheinbar alles Natürliche in unserem Leben ausradiert und wir verlieren in der Missachtung der natürlichen Rhythmen auch unseren inneren Rhythmus. Und damit auch das Bewusstsein für die Aufs und Abs, für das Werden und Vergehen, das allem Lebendigen innewohnt, das unser Leben wahrhaft „bestimmt“. Auf diese Weise quasi im Exil, fern von uns selbst, lebend, verpassen wir den Anschluss an das, was im menschlichen Leben wirklich zählt: nämlich Verbundenheit.

Wenn die Christen wenige Tage nach der Wintersonnenwende in Anlehnung an das römische Fest des Sonnengottes, des Sol Invictus, die Geburt des von ihnen als Erlöser der Menschheit bezeichneten Juden Jeschua („JHWH/Gott rettet“) von Nazareth feiern, dann werfen sie all ihre Hoffnungslosigkeit auf einen „Menschen“, der es für sie richten soll. Weihnachten wird deshalb im religiösen Sinn nicht umsonst als der Zeitpunkt der Menschwerdung Gottes bezeichnet. Wenn wir aber einen anderen Blick einnehmen, uns dieses in der Bibel geschilderte „Ereignis“ mythologisch, ja sogar tiefenpsycholgisch anschauen, dann erst kann es aus meiner Sicht seine wahre Bedeutung entfalten und zu jener Perspektive werden, die uns (wieder) zu wahren Menschen machen kann. Denn unser Mensch-Sein ist das, was uns alle – und ich wiederhole: uns alle – verbindet. Und dieser Verbundenheit gilt es sich wieder bewusst zu werden. Wenn das Menschliche in mir auf diese Weise (wieder) geboren wird, dann werden Hass, Krieg, Herrschaft und noch so manch andere unmenschliche Eigenschaft ad absurdum geführt. Liebe, Frieden und Familie, an denen wir nicht nur – aber besonders – an Weihnachten scheitern, verlieren ihre überdimensionale Bedeutung, die es schwierig, ja sogar unmöglich macht, diesen herausfordernden Begriffen gerecht zu werden.

Und ein Weiteres tut dringend Not – ich habe es in einem meiner Wochenkommentare heuer schon aufgegriffen: Im Bewusstsein unseres sicheren Todes, der uns jederzeit ereilen kann, werden wir in die Lage versetzt, uns und unseren Mitmenschen das Leben, das voller Herausforderungen ist, nicht noch zusätzlich schwer zu machen.

Die (Wieder)Geburt des Menschlichen in uns, zu der uns die Weihnacht einlädt, zeigt uns die grundlegende Verbundenheit mit allem Lebendigen und wird uns zu jenen Menschen machen, die die Welt braucht, zu den Menschen, die die Welt tatsächlich zum Besseren verändern. Diesen Blickwechsel können wir niemandem anderen, also auch keinem Erlöser irgendeiner Façon überlassen: wir dürfen und müssen ihn selbst vornehmen.

Ein Weihnachtsfest in diesem Bewusstsein und einen Jahreswechsel voll von daraus resultierenden Perspektiven wünsche ich Ihnen und Euch allen aus ganzem Herzen.

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WG – 2023 KW49-50-DE-PC Wolfgang Müller CC BY-SA 4.0
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