Die Köpfe der Hydra – “Getrenntheit”

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Zum Wesen der Hydra: mythologisches Sumpfmonster mit vielen Köpfen, die noch zahlreicher nachwachsen, wenn sie abgeschlagen werden. Somit steht sie einerseits für ein Übel, das nicht eindämmbar ist, andererseits aber auch für viele kleinere Probleme, die unter der Oberfläche eine gemeinsame Ursache haben. Mir will scheinen, wir stehen einem Prachtexemplar gegenüber, ohne es zu merken …

In allen Diskussionen darüber, was denn nur aus dem Ruder gelaufen sein kann und wie man es wohl flicken könnte, bleiben wir in kleinlichem Denken verhaftet. Wir diskutieren über die mannigfaltigen Folgen unserer kollektiven Blindheit, als wären sie das Grundproblem. Natürlich ist es so kein Wunder, dass wir kaum vom Fleck kommen, denn welche Schieflage man auch unter die Lupe nehmen will:

Möglich sind sie alle nur deshalb, weil mit uns selbst etwas nicht stimmt. Und solange wir uns damit nicht befassen, wachsen zehn neue Probleme, wo wir eines gelöst zu haben glauben – eben genau wie in Jasons unlösbarer Monsteraufgabe. Was ist die wahre Gestalt unseres Monsters, was verbirgt sich unter der Wasseroberfläche?

Wir sind auf einer tiefen Ebene unzufrieden, weil wir von uns selbst und unseren wahren Bedürfnissen abgelenkt sind. Wir leben nicht artgerecht, und der daraus resultierende Frust wird uns immer verschwommener, weil wir kaum zum Nachdenken kommen und unsere Meinung so stark von außen diktiert wird. Das klingt übertrieben? Sehen wir uns im Laufe dieser Serie doch einmal an, wie die meisten von uns – nämlich die Menschen in den Ballungszentren – leben.

Der erste Kopf des Monsters – GETRENNTHEIT

Teile und herrsche, sagten schon die Römer. Willst Du Menschen schwächen, dann brauchst Du sie nur in viele kleine Gruppen zu zersprengen. Egal ob das in unserem Fall nun gewollt oder gewachsen ist, in jedem Falle müssen wir gemeinsam Kurs wechseln.

Denn – bis auf die immer seltener werdenden echten Frohnaturen und ein paar Glückspilze, die ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten können – sind wir kollektiv vereinsamt, krank und zerstritten, weil wir von nichts als (gefühlter) Fremde, Kälte und oft sogar Feindseligkeit umgeben sind.

Um es schlimmer (oder zumindest schwieriger behebbar) zu machen, ist den meisten von uns ihre Einsamkeit gar nicht richtig bewusst – wir kennen es ja nicht anders. Vergleichen wir die folgende Aufzählung mit dem Bild eines kleinen Stammes, der nomadisch oder sesshaft seinen täglichen Verrichtungen nachgeht. Dem Leben, an das wir angepasst sind und das wir – evolutionär gesehen – bis vor wenigen Augenblicken noch geführt haben.

Nun müssen wir nicht etwa zurück zur Primitivität, um unseres Lebens wieder froh zu werden. Es genügt, wenn wir unsere wahren Bedürfnisse – und eines davon ist Zugehörigkeit und Geselligkeit – berücksichtigen statt sie zu verdrängen. Hier könnte man ansetzen:

In Städten gibt es nur wenige freie Begegnungszonen

… und, vor allem in der kalten Jahreszeit, kaum Möglichkeiten, außer Haus zu gehen, ohne dem Konsumzwang zu entgehen zu können. Soziale Interaktion und gemeinsame Unternehmungen sind meist mit Aufwand und Kosten verbunden. Vor allem Menschen in den unteren Einkommensschichten leiden darunter – Statistiken belegen, wenig überraschend, dass ärmere Menschen oft von sozialer und kultureller Ausgrenzung betroffen sind.

Insbesondere der zu Hause bleibende oder gar allein erziehende Elternteil von Kleinkindern ist oft isoliert und mitunter frustriert bis hin zur Verzweiflung. Echte Häuser der Begegnung tun daher Not, um die immer zahlreicher werdenden Menschen in prekären Situationen nicht aus der sozialen Interaktion auszuschließen.

Eltern und Kinder werden ständig in Opposition gestellt

Eltern werden gezwungen, ihre Kinder jeden Tag zu (oftmals überflüssigen und im diktierten Umfang sogar kontraproduktiven) Hausaufgaben zu nötigen, sie viel zu früh aus dem gerade für den noch wachsenden Organismus so wichtigen Schlaf zu reißen, sie zu Eile und Leistung anzutreiben. Kinder und Jugendliche leiden in Folge oft an Symptomen, die einem klassischen Jetlag gleichen.

Im Fernsehen (für viele Kinder leider Hauptvermittler von “Werten”) werden Eltern kaum je als einfühlsam oder gar klüger und erfahrener als die Kinder dargestellt, sondern sind im allgemeinen nur Quelle von Frust, Kummer und Unverständnis. Die Charaktere in etlichen Sitcoms schleudern einander beiläufig Gemeinheiten entgegen, was durch eingespieltes Lachen als lustig dargestellt wird. Für Erwachsene mag das harmlose Comedy sein, für Kinder hat es aber Vorbildwirkung und prägt ihr Bild von Normalität.

Von der Spielzeugindustrie wiederum werden sie durch psychologisch durchorchestrierte Werbung gezielt dazu gebracht, ihre Eltern um Dinge anzuraunzen (Der bekannte Marketingbegriff hierfür lautet „nag factor”). Dass Werbung unseren Segen hat, gezielt Unfrieden zu säen, ist bezeichnend dafür, was wir als wichtig erachten und was nicht.

Der Kontakt zwischen den Generationen bricht ab

Da wir in einzelnen Kästchen variabler Größe eingekerkert und getrennt wohnen, vereinsamen alte und wenig mobile Menschen, ebenso wie jene, die sich um solch pflegebedürftigen Verwandten kümmern müssen. Es gibt keinen Platz am Feuer oder vor der Hütte, wo jeder vorbeikommt und das Leben einen nicht ausschließt. Außerdem, traurigerweise, sind die vorigen Generationen teils so tief zerbrochen, dass sich ein Zusammenleben oft als schwierig erweist.

Ausweg ist je nach Einkommen eine bezahlte Pflegekraft oder das Altersheim. Daraus möchte ich keinesfalls jemand einen Vorwurf machen, doch die angebotenen Möglichkeiten sind weder für die Betroffenen, noch für die Gesellschaft insgesamt gut. Es gibt Versuche, Altenpflege mit Kindergärten zu verbinden, was die Weitergabe von Lebenserfahrung einerseits, und ein Gefühl des Sinns bei den Patienten andererseits fördert. Dies erscheint mir als ein Schritt in die richtige Richtung.

Das Teilen von Gesellschaften in Jung und Alt ist eine relativ neue Entwicklung. Ohne ständigen Austausch zwischen den Generationen fehlt es der Gesellschaft an Zusammenhalt, Wissen, Empathie und es beraubt sie eines Teilbereiches ihrer Identität.

Ganze Bevölkerungsgruppen werden in Opposition gestellt

Männer und Frauen, Alte und Junge, rechts und links, LGTB und straight, Inländer und Ausländer, Raucher und Nichtraucher, Veganer und Fleischesser, Dicke und Dünne, Apple- und Androiduser … diese Liste an großteils hochstilisierten Nichtigkeiten ist endlos fortsetzbar. Die Medien leben von dramatischer Auseinandersetzung, die Auswirkungen dieser ständigen Überbetonung von Gegensätzen sind tiefe Zersplitterung und Isolation. Wir misstrauen einander, wir fürchten einander, wir arbeiten gegeneinander statt miteinander.

Eine Entkopplung von der Natur, und deren Vorgängen

Viele sind unvertraut mit den Rhythmen von Pflanzen, Tieren und Jahreszeiten. Wir wissen nicht, welche heimischen Pflanzen essbar sind. Viele Kinder haben keine Ahnung, woher ihre Nahrung kommt, was davon auf Bäumen oder unter der Erde gewachsen ist oder woraus Schnitzel bestehen. Kein Wunder, dass wir viel zu schwach gegen Wegwerfprodukte, Massentierhaltung und Umweltgifte protestieren …

Wir haben kein Bewusstsein dafür, dass wir eine intakte Natur brauchen. Ein trauriges Beispiel für diesen Zustand ist auch die Tatsache, dass Kinder z.B. eine Vielzahl an Konzernlogos ohne Probleme benennen, Abbildungen von verschiedenen Blättern aber nicht den dazugehörigen (alltäglichen) Pflanzen zuordnen können.

Wir sind abgeschnitten von einem Herzstück der menschlichen Psyche und Kultur

… von dem Gefühl für Werden und Vergehen, für Kreisläufe und Abläufe, Anfang und Ende. Der Tod und das Leben werden dekontextualisiert; entkoppelt, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Uns ist jede mythische oder spirituelle Sichtweise darauf verloren gegangen. Und ich rede hier keineswegs von der Notwendigkeit, sich als Trost schöne Märchen auszudenken – ganz im Gegenteil, unsere westliche Angst vor dem Tod macht diese erst attraktiv.

Es geht darum, den Tod als Teil des Lebens zu sehen, von Familie umringt aus der Welt gehen zu dürfen, statt in sterilen Räumen.Wir kennen Leichen nur als Gruselmonster oder Mordopfer aus dem Fernsehen und können uns so von Verstorbenen nicht richtig verabschieden. Auch der Respekt vor dem Leben leidet darunter, wie man von den unmenschlichen Praktiken der Fleischindustrie bis hin zum Milliardengeschäft mit Kriegsgerät leicht erkennen kann. Das Gefühl der Güte, der Dankbarkeit und der Wertschätzung des Lebens weichen ökonomischen “Gesetzmäßigkeiten”.

Alles, von Mode bis Wertvorstellungen, ist im Set zu haben und im Dutzend billiger

Man ist nicht kritischer Bürger, der aus der Vergangenheit lernt und verschiedenen Ideologien den brauchbaren Teil abzuringen versucht. Man befasst sich nicht mit allen angebotenen Möglichkeiten und bildet sich ein Urteil in dem Wissen, dass kein Gedankengebäude ausschließlich auf Lügen aufbaut aber auch keine Ideologie darauf verzichtet, welche hinzuzufügen. Nein, man ist Marxist, Ultra, Feminist, Hipster und wie sie nicht alle heißen – und das mit passendem Haarschnitt und Musikgeschmack.

Wir dulden nicht nur, dass wir in Schubladen gesteckt werden, wir springen sogar willig hinein

So versperren wir uns nicht nur die eigenen Gedanken mit einschränkenden Barrieren, wir hören einander auch nicht mehr wirklich zu, sondern glauben zu wissen, welches Komplettset von Überzeugungen ein Mensch hat, nur weil eine Äußerung oder sein Kleidungsstil in eine der bewährten Schubladen passen.

Diese Aufzählung ist weit davon entfernt, perfekt oder vollständig zu sein, und lässt sich andererseits doch wieder auf das immer gleiche Prinzip, eben Trennung, weiter herunterbrechen. Hier geht es noch nicht um Details, das Anliegen dieser Serie ist, ein Gefühl dafür zu wecken, wo unsere Gesellschaft ihre blinden Flecken hat und die Notwendigkeit zu vermitteln, eine sehr ernste Bestandsaufnahme in unseren Köpfen und unserer Umgebung zu machen. Die meisten der aufgezählten Phänomene erscheinen uns als vollkommen alltäglich, normal und vielleicht sogar unabwendbar oder notwendig – sie sind es aber nicht.

Wir leben vollkommen anders, als wir es je zuvor getan haben, und sind dafür evolutionär nicht gewappnet. Jetzt, wo die technischen Mittel da sind, um uns alles im Überfluss zu geben, ist es Zeit für einen großen Schritt:

Wir müssen die Spreu vom Weizen trennen, Mechanismen, Entwicklungen und Traditionen hinterfragen und unserer eigenen Natur ins Auge sehen. Die Mittel von Anthropologie, Archäologie, Soziologie, Psychologie, Neurologie und Statistik sowie der gesamte Wissensschatz der Geschichtsschreibung stehen uns zur Verfügung. Und selbst all diese Disziplinen müssen hinterfragt und auf alte Irrtümer abgeklopft werden.

Wir müssen identifizieren, was uns kollektiv vergiftet, welche Entwicklungen unerwünschte Nebenwirkungen haben und wie unser Empfinden für Angemessenheit darunter gelitten hat. Wir brauchen eine Gesellschaft, die unseren Stärken ihre Entfaltung ermöglicht, und unsere Schwächen berücksichtigt, ein Ausprobieren neuer Ideen von Verwaltung bis Energiegewinnung, von Erziehung und Schule bis Medizin und Ernährung … ohne den Makel der Ideologie, die uns, wie schon so oft (und jedes Mal erfolglos) vorschreibt, wie wir trotz widrigster Umstände zu sein hätten.

Wir sind soziale Wesen, die vielleicht als einzige Gattung auf dem Planeten die Wahl hat, ihren Instinkten gelegentlich zu widerstehen – wer sie aber dauerhaft unterdrückt, wird feststellen, dass sie anderswo ein Ventil finden.

Wir brauchen die Freiheit, authentisch sein zu dürfen, dann gibt es keine aufgestaute Wut, die sich Manipulatoren jeglicher Couleur zunutze machen können. Wir brauchen eine Gesellschaft, die das Beste in uns weckt (und nicht von außen einzupflanzen versucht!), sodass wir gemeinsam wachsen können. Erst dann werden wir wieder genug Gefühl für Verantwortung haben, um das Zeitalter von Krieg, Umweltzerstörung und menschlicher Kälte gemeinsam zu überwinden.

Das nächste Mal befassen wir uns mit einem weiteren Kopf des Monsters: mit dem steigenden Druck auf jeden einzelnen – zu Leistung, Konformität und Tempo – und seinen Folgen für alle.

Credits

Image Title Autor License
growth Serena Nebo CC BY-SA 4.0
hercules_and_the_hydra_of_lerna_lacma_65-37-9 hercules_and_the_hydra_of_lerna_lacma_65-37-9 Nicolo Van Aelst (Flanders, 1527-1612), Antonio Tempesta (Italy, Florence, 1555-1630) CC0 1.0

Diskussion (4 Kommentare)

  1. Ein sehr schöner Artikel. Leider nehmen wir die künstliche Getrenntheit oft überhaupt nicht als solche wahr.
    Wir trennen uns schon im Alltag wo Geschlecht gar keine Relevanz hat, durch Kleidung, Gesichtsbemalungen und abgegrenzten Verhalten voneinander und erzeugen damit den Eindruck dass Männer und Frauen verschiedene Spezies wären. Wir belassen den Unterschied nicht nur dort, wo er hingehört. In den Bereich der Partnerwerbung, der Intimität und der Sexualität. Nein, wir dehnen diese Unterscheidung auf alles aus und geben dem eine Bedeutung, so dass wir uns mehr als Mann, Frau oder sonstiges Geschlecht verstehen, denn als Menschen.

    Und erzeugen damit Ungleichheiten, wo keine sind. Schaffen die Möglichkeit zur Diskriminierung allein durch die künstliche “Fremdartigkeit” die man ablehnen kann, weil man diesen anderen nicht als gleichwertig betrachtet, da er so “anders” ist.

    1. Danke Gerhard, ich stimme zu. Die kulturellen Vorgaben von was “männlich” und “weiblich” bedeuten, sind viel zu eng gefasst und verursachen viel Kummer – besonders für alle, die nicht perfekt in diese Schubladen passen. Der genau entgegengesetzte Pfad – nämlich künstliches Gleichmachen wollen, ist übrigens um nichts weniger hirnrissig. Lasst doch bitte jeden und jede so männlich oder weiblich sein, wie es ihrem Naturell entspricht. Über zwanzig Geschlechtszuordnungen sind vielleicht gut gemeint, aber doch erst recht ein Schritt in noch mehr Schubladendenken.. ist es wirklich nötig, alles benennen zu können? Weder die Beschaffenheit von anderer Leute Körper, noch ihre sexuelle Orientierung sollten uns (idealerweise) interessieren, sofern wir nicht persönlich an Ihnen als Flirt- oder Beziehungspartner interessiert sind.

  2. Eine hervorragende Analyse, welche gleichzeitig auch Lösungen andeutet. vielen Dank!

    1. Vielen Dank, gut zu wissen dass es so ankommt wie es gemeint war!