Die Narzissmuslüge: Über den Missbrauch eines emanzipatorischen Mythos

Zu diesem Kamingespräch zum Thema Narzissmus lud Michael Karjalainen-Dräger den Psychotherapeuten Klaus Schlagmann, der sich seit vielen Jahren mit diesem Gegenstand beschäftigt und kürzlich das Buch „Die Narzissmuslüge: Über den Missbrauch eines emanzipatorischen Mythos“ veröffentlicht hat.

Klaus Schlagmann,1960 geboren und seit 1993 selbständig, arbeitet mit Psychanalyse – ohne „o“ – im Sinne von Josef Breuer, der dieses Therapieverfahren erfunden hat, sowie mit Verhaltenstherapie, NLP und Hypnose. Im Rahmen seiner Forschungen zur Geschichte der Psychoanalyse veröffentlichte er erstmals drei verschollen geglaubte Briefe von Sigmund Freud an den Schriftsteller Wilhelm Jensen.

Zur Initialzündung seiner Forschung wurde der „Fall“ eines jungen Mannes, der zu ihm kam, nachdem sich sein Zustand während einer Psychoanalyse, die ihm einen „ödipalen Konflikt“ bescheinigt hatte, immer schlechter ging. Dies regte Schlagmann zu einer ausführlicheren Beschäftigung mit der Geschichte von „König Ödipus“ an. In diesem Zusammenhang stieß er auch auf andere Erzählungen, die in der Theorie der Freudschen Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielen: den Mythos von Narziss sowie die Novelle „Gradiva“ von Wilhelm Jensen, die Sigmund Freud ausführlich interpretiert hatte, jedoch völlig am familiären Hintergrund des Schriftstellers vorbei. Im Laufe dieser Untersuchungen hat sich für Schlagmann der Eindruck verdichtet, dass Freud die handelnden Subjekte in den Geschichten, die eigentlich Opfer sind, immer wieder zu Tätern erklärt. Freud gelange damit zu einer geradezu systematischen Opfer-Täter-Umkehr.

Bezogen auf den sogenannten Narzissmus: Der von Freud geprägte Begriff geht auf einen griechischen Mythos von dem schönen Jüngling Narziss zurück. Es gibt sieben Varianten dieser Sage, die Schlagmann in seinem Buch vorstellt, und die er wiederum in zwei Klassen einteilt: Die eine Klasse (mit insgesamt 4 Varianten) erzählt davon, dass Narziss daran leidet, dass ihm geliebte Menschen verloren gehen: seine geliebte Zwillingsschwester, seine Eltern bzw. er selbst. Die andere Klasse (mit insgesamt drei Varianten) erzählt davon, dass Narziss daran leidet, dass sich ihm ungeliebte Menschen aufdrängen und seine (berechtigte) Zurückweisung mit der Vermittlung von psychischer oder physischer Gewalt beantworten.

Schlagmann selbst sieht Narziss demnach als ein Opfer von Schicksal und Gewalt, das alles andere als narzisstisch sei. In rund 20 Büchern aus überwiegend neuerer Zeit, die er untersucht, werde zwar nun mehr oder weniger ausführlich auf den Mythos von Narziss eingegangen, jedoch werfe man diesem Narziss dann trotzdem allen Ernstes Narzissmus vor. Im Gespräch werden sechs dieser Falschauslegungen angesprochen, darunter jene von Hans Joachim Maaz, Eugen Drewermann oder Raphael Bonelli.

Schlagmann streitet nicht ab, dass es die vielen problematischen Verhaltensweisen gibt, die derzeit unter dem Begriff Narzissmus zusammengefasst werden. Er gibt ihnen jedoch einen anderen Oberbegriff: Selbstwertstörungen. Und er empfiehlt, sie dann, wenn man sich damit beschäftigen wolle, einzeln möglichst präzise zu beschreiben. Die zahlreichen Fehldeutungen des Mythos machten deutlich, wie beliebig jemandem ein allumfassendes Etikett wie Narzissmus angedichtet werden könne: selbst dem völlig gesunden, selbstbewussten Narziss. Schlagmann weiß davon zu berichten, dass entsprechende Fehldiagnosen auch heute noch, im realen Leben, schnell vergeben werden. Sie führten geradezu zwangsläufig zu einer Opfer-Beschuldigung, und damit zu Verschlechterungseffekten in der „Behandlung“.

Übrigens: Schlagmann, der offenbar leidenschaftlich gern den Hintergrund von Begriffen beleuchtet, teilt die Menschheit in lediglich drei Gruppen ein. Es gäbe Opfer, Täter und Idioten. Das aus dem Griechischen stammende Wort idiotis bedeute ursprünglich „Privatmann“, idios ist „das Eigene“, und somit sei ein Idiot dem Wortsinn nach einer, der seinen eigenen Weg geht. Das unterscheide ihn sowohl von Opfern als auch von Tätern: Diese gehen nicht ihren eigenen Weg, weil sie sich entweder anderen unterwerfen oder andere für ihren Weg missbrauchen. Es könne nun zwar durchaus blödsinnig sein, seinen eigenen Weg zu gehen, aber auch jeder Erfinder und Entdecker müsse zwangsläufig ein Idiot in diesem Sinne sein.

Schlagmann erläutert am Beispiel des „Idioten“, aber auch anhand von „Aggression“ und „Konkurrenz“, dass etliche Worte heute – verglichen mit ihrer ursprünglich oft geradezu widersprüchlich gefassten Bedeutung – stark verengt worden seien. Die in ihnen einstmals enthaltenen Widersprüche seien gelöscht und ausgeblendet worden. Damit werde es immer schwerer, in Widersprüchen zu denken. Dies ziehe nach sich, dass wir auch in Diskussionen widersprechende Meinungen immer weniger anerkennen und aushalten könnten.

Credits

Image Title Autor License
Klaus Schlagmann Wolfgang Müller 1

Diskussion (2 Kommentare)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Sicherlich ist es nicht immer einfach, sich in einer etwas komplexeren Materie zurechtzufinden, wenn man fachfremd ist. Weil aber ein Einführungstext zu diesem Video ja womöglich darüber entscheidet, ob jemand sich dieses Video auch ansieht, möchte ich gerne – als betroffener Interviewter – einige Details richtigstellen.
    – Als Psychotherapeut arbeite ich mit Psychanalyse – ohne „o“ – im Sinne von Josef Breuer, der dieses Therapieverfahren erfunden hat, sowie mit Verhaltenstherapie, NLP und Hypnose.
    – Es waren insgesamt drei verschollen geglaubte Briefe von Sigmund Freud an den Schriftsteller Wilhelm Jensen, die ich erstmals veröffentlicht habe. (Freud hatte zu der Novelle „Gradiva“ von Wilhelm Jensen seine ausführlichste – und an der Person des Dichters völlig vorbeigehende – Literaturbetrachtung verfasst.)
    – Was durch den „Fall“ des jungen Mannes, dem es nach einer Psychoanalyse schlechter ging als zuvor, bei mir angestoßen wurde, das war eine ausführlichere Beschäftigung mit den Geschichten, die in der Theorie der Freudschen Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielen: Die Geschichten von König Ödipus und Narziss sowie die Novelle „Gradiva“ von Wilhelm Jensen.
    – Es sind nicht „vier Varianten des Narzissmus“, mit denen ich mich beschäftige, sondern sieben Varianten der Sage von Narziss, die ich hier vorstelle, und die ich wiederum in zwei Klassen einteile: Die eine Klasse (mit insgesamt 4 Varianten) erzählt davon, dass Narziss daran leidet, dass ihm geliebte Menschen verloren gehen: seine geliebte Zwillingsschwester, seine Eltern bzw. er selbst. Die andere Klasse (mit insgesamt drei Varianten) erzählt davon, dass Narziss daran leidet, dass sich ihm ungeliebte Menschen aufdrängen und seine (berechtigte) Zurückweisung mit der Vermittlung von psychischer oder physischer Gewalt beantworten.

  2. Herzlichen Dank für die Berücksichtigung meiner Anregungen zur Überarbeitung des Begleittextes!