Die ungeliebten Straßenkinder

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Soziales

Ich bin sicher, dass mir jeder zustimmen würde, wenn ich sage, dass kleine Kinder in unserem Herzen viel Liebe und Zuneigung hervorrufen. Der Anblick eines kleines Kindes, das spielt und Spaß hat, zaubert automatisch ein Lächeln auf unser Gesicht.

Viele von uns mögen sogar eine kurze Pause von ihrem hektischen Leben einlegen und einen Moment stehenbleiben, um Kindern dabei zuzusehen, wie sie unbeschwert spielen und lachen. Es mag viele Menschen geben, die so wie ich von Gefühlen überwältigt werden, wenn sie ein Baby oder ein Kleinkind sehen, weil das Bedürfnis, mit ihnen zu kuscheln, alles andere überstrahlt.

Und wir alle würden wohl zustimmen, wenn irgendjemand sagt: „Wer könnte Kinder nicht lieben?“ Ja, man kann generell davon ausgehen, dass die meisten Menschen Kinder lieben und in ihrer Anwesenheit Freude empfinden.

Doch mit der Zeit und mit wachsender Erfahrung habe ich gelernt, dass diese sogenannte „Liebe“, die die Menschen für Kinder zu empfinden behaupten, von vielen Einschränkungen begleitet wird.

Wenn man durch die dicht bevölkerten Straßen indischer Metropolen geht, sieht man immer wieder Kinder (im Alter von etwa fünf bis zwölf Jahren), die an Ampeln, Bushaltestellen oder unter Brücken betteln. Tatsächlich ist der Anblick dieser Kinder an religiösen Stätten, in Bahnhöfen, Märkten oder Einkaufszentren dort so normal geworden, dass kaum noch jemand moralische Schmerzen verspürt, wenn er von so einem Kind um Geld oder Essen angebettelt wird.

Ja, ich spreche von einer besonderen Kategorie von Kindern, denen fast nie die sogenannte Kinderliebe zuteil wird: den Straßenkindern.

Sind diese Kinder es nicht wert, die Liebe und Empathie der Menschen zu empfangen, nur weil sie schmutzig und schäbig aussehen? Weil ihre Sprache meist derb und unkultiviert ist? Weil sie hin und wieder stehlen oder anderes Fehlverhalten zeigen? Weil sie nicht so unschuldig sind wie die Kinder, die mit einer sie umsorgenden Familie und einem komfortablen Leben gesegnet sind? Oder vielleicht, weil die meisten von ihnen drogenabhängig sind?

Ja, die meisten Straßenkinder sehen schmutzig und schäbig aus. Sie fluchen, sie stehlen oft und viele sind außerdem drogensüchtig. Aber ist dieses Verhalten nicht einfach nur ein Ergebnis der harten und feindlichen Bedingungen, denen sie in ihrem Leben ausgesetzt sind?
In indischen Städten gibt es drei Hauptkategorien von Straßenkindern:
  • Kinder, die zusammen mit ihren Familien auf den Straßen leben. Manche von ihnen kommen nur zeitweise in die Stadt, um Geld zu verdienen, und kehren dann wieder nach Hause zurück. Diese Kinder arbeiten auf den Straßen, indem sie Blumen oder kunsthandwerkliche Arbeiten verkaufen, oder sie betteln an Ampeln oder in Marktgebieten.
  • Kinder, die alleine oder in Gruppen mit anderen Kindern auf der Straße leben und kaum Kontakt zu ihren Familien haben, die in weit entfernten Dörfern leben. Manche dieser Kinder fahren auch jeden Tag oder jeweils für einige Tage in die Städte, um zu arbeiten, und kehren dann wieder in ihre Dörfer zurück.
  • Kinder, die in den Straßen leben und überhaupt keine Bindung zu ihrer Familie mehr haben, weil sie Waisen, Flüchtlinge oder Ausreißer sind.

Heimatlos und ohne Familie, müssen diese Kinder in den Städten überleben und sind dabei völlig auf sich alleine gestellt. Sie müssen sich jeden Tag selbst etwas zu Essen besorgen, und ich bin sicher, es gibt viele Tage, an denen sie überhaupt nichts bekommen. Wenn sie stehlen, weil sie sonst hungern würden – ist das dann überhaupt ein Verbrechen? Ist das ein Grund, sie wie Kriminelle zu behandeln?

Sicher, Diebstahl ist unmoralisch und sollte selbstverständlich nicht ermutigt werden, dem stimme ich zu. Doch bezieht sich unsere Verachtung auf das Verbrechen oder auf das Kind, das es begeht aufgrund der feindlichen Bedingungen, unter denen es lebt? Wie können diese Kinder, die ganz auf sich alleine gestellt sind, irgendeine Vorstellung von Hygiene, Sauberkeit, ordentlicher Sprache oder Moral haben? Sie reflektieren die Bedingungen, unter denen sie leben.

Die Menschen tun das Beste für ihre eigenen Kinder, ungeachtet ihrer Schwächen – doch sie finden bereitwillig tausend Gründe, um gleichgültig zu sein gegenüber den Grundbedürfnissen der Straßenkinder, und zeigen sich angewidert von ihren negativen Seiten. Was auch immer die Gründe der Menschen sein mögen, die Realität ist, dass Straßenkinder aufgrund ihrer Armut und ihrer hilflosen Lebenssituation selten Liebe, Zuneigung und Mitgefühl erhalten.

Die übliche Reaktion der meisten Menschen auf die Annäherung von Straßenkindern ist es, ihnen ein paar Münzen oder eine andere Kleinigkeit zu geben und sie dann wegzuscheuchen. Und den meisten Menschen scheint dies der richtige Weg, mit den scheinbar ungehobelten und dreckigen Kindern, die auf den Straßen leben, umzugehen. Doch gibt es offenbar auch einige, die diesen Kindern Essen anbieten und mit Liebe und Zuneigung zu ihnen sprechen.

Dennoch würden die meisten Menschen, die in Großstädten leben, mir sicherlich sofort zustimmen, wenn ich sagen würde, dass selbst eine Person mit „gutem Willen“ letztlich wohl keine anhaltende Zuneigung zu diesen Kindern aufbauen könnte, denn Straßenkinder, die betteln und Passanten bedrängen, sind in indischen Städten ein ausgesprochen gewöhnlicher und immer mehr zunehmender Anblick.

Mehr noch, viele glauben, dass diese Straßenkinder für irgendwelche mafiaähnlichen Organisationen arbeiten würden und man ihnen daher keinerlei Almosen geben solle, weil man damit diese Mafia unterstützen würde.

Viele Hilfsorganisationen arbeiten daran, die Situation der Straßenkinder zu mildern und sie vor Verbrecherbanden zu schützen. Doch hat nicht jeder Einzelne eine Verantwortung gegenüber diesen Kindern, die in einer so schrecklichen Situation gefangen sind und von niemandem geliebt werden? Ich spreche nicht nur davon, Almosen an sie zu verteilen. Können wir nicht zumindest auch ein klein wenig Liebe für sie aufbringen, auf eine nette Art mit ihnen sprechen und ihnen zumindest für ein paar Minuten das Gefühl geben, dass sich jemand um sie kümmert? Warum gelingt es den Leuten nicht, zu verstehen, dass diese Kinder völlig ohne die Liebe einer Familie leben?

Ist Liebe eine knappe emotionale Ressource geworden, die nur an Familienmitglieder oder Freunde verteilt wird? Für wen horten wir unsere Liebe? Oder sind wir allesamt völlig leer von liebenden Gefühlen?

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Die nicht geliebten Straßenkinder Die nicht geliebten Straßenkinder NITIN BHARWDWA CC BY-SA 4.0
Straßenkind in Indien spielt mit Ziege Straßenkind in Indien spielt mit Ziege pics_pd Public Domain (CC0)
Street_Child,_Srimangal_Railway_Station Street_Child,_Srimangal_Railway_Station Md. Tanvirul Islam GFDL