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Dynamische Identität und Pluralitätsfähigkeit

Veranstaltungsdaten

Datum
9. 1. 2017
Veranstalter
Waldviertel Akademie
Ort
Rathaus Weitra
Veranstaltungsart
Diskussion
Teilnehmer
Univ.-Prof. Dr. Ulrike Guérot, Donau-Universität Krems
Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan, Islamische Religionspädagogik
Mag. Ursula Sagmeister, Österreichischer Integrationsfonds
Mag. Eva Pfisterer, Kuratorin der Internationalen Sommergespräche

Der Titel der diesjährigen 33. Internationalen Sommergespräche vom 31. August bis 3. September 2017 (organisiert von der Waldviertel Akademie) lautete: “Die Welt von morgen. Europas Werte und unsere Zukunft“. Im zweiten Teil der Diskussionsrunde zum Thema “Brauchen wir noch Werte – und wenn ja, welche?” standen im Zentrum der Debatte der Wunsch nach Pluralitätsfähigkeit und einer dynamischen Identität der muslimischen Jugend; die Diskutanten Univ.-Prof. Ulrike Guérot, Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan und Mag. Ursula Sagmeister setzten fort:

Ednan Aslan ist der Ansicht, dass mit der Schaffung einer Community und der Pluralität ein ganz wichtiges Ziel im europäischen Kontext erreicht werden könne. Die muslimischen Kinder sollten an den öffentlichen Schulen zur Pluralitätsfähigkeit und zu einer dynamischen Identität befähigt werden und so Zugang zur Community finden können. Aslan ist auch überzeugt von der Wichtigkeit des muslimischen Religionsunterrichts – andernfalls rutsche die islamische Theologie in eine Isolation. Und wer die muslimische Realität nicht kenne, könne schließlich keine neue Theologie entwickeln.

Aslan verweist auf Textstellen des Koran und fordert, dass die Muslime aus ihrer Opferrolle (“Opfer des Westens“, “Opfer der Juden“, “Opfer des Kolonialismus“), die sie seit dem 19. Jahrhundert pflegen würden, heraustreten sollen – denn sie seien schließlich auch Täter. Ein europäisches Konzept, das man z.B. “Euro-Islam” nennen könne, müsse geschaffen werden, um den wahren Islam zu schützen und zu respektieren.

Ein Pluralist ist ein Mensch, der mit der Pluralität umgehen kann (…) und als Pluralist Umgangsstrategien entwickeln kann mit dieser Gegebenheit. Was kann die islamische Theologie bzw. Erziehung für die jungen Muslime beitragen, mit dieser Pluralität umgehen zu können?

fragt Aslan und meint, dass schon allein das Zulassen dieser Frage ein wichtiger Schritt sei. Er bezeichnet es aber gleichermaßen als “Schwachstelle”, dass man als Verräter angesehen werde, wenn man eine bestimmte Theologie hinterfrage. In den theologischen Fakultäten in der Türkei habe man gar das Fach Philosophie abgeschafft – denn es stelle angeblich eine Gefahr für die Traditionen dar.

Als hinterfragenswert sieht der islamische Religionspädagoge: Was ist der Islam, die islamische Lebensweise eigentlich, und was zeichnet sie aus? Wann ist man ein Muslim? Die Bestimmung dieser Position sei von enormer Bedeutung für die Pluralität, und deshalb müsse sie neu definiert werden in ihren vier Dimensionen: Was ist die Tradition? Wohin gehen wir? Wie gestalten wir unser Verhältnis zu Gott? Und: Wie leben wir eigentlich?

Die Religion soll ein neues Gesicht bekommen, von der theologischen Institutionalisierung befreit. Das ist die wichtigste Voraussetzung für eine Erziehung in Richtung Pluralität.

Aslan betont, dass eine frühe Abwertung (Abwertung der Kulturen, Religionen, Lebensweisen etc.) zur Anwendung von Gewalt als technische Entwicklung bzw. technisches Ergebnis führe. Die Kunst sei es nämlich, die eigene Lebensweise zu schätzen und gleichermaßen andere Lebensweisen nicht zu verachten. Werde hingegen diese Verachtung durch eine Theologie begründet, die sich z.B. des Werkes Sahīh al-Buchārī  bediene, so stelle dies  eine Gefahr für die Gesellschaft und den sozialen Frieden dar – wie man am Beispiel des IS erkenne, der seine Gräueltaten mit Stellen aus diesem Buch rechtfertige. Aslan wolle übrigens auch keinen Propheten als Vorbild, der Sklaven oder Frauen verbrennen lasse.

In Europa sei zumindest die Hinterfragung möglich, in den islamischen Ländern jedoch nicht.

Guérot übernimmt das Wort und wirft auf, dass wir in Wahrheit, jenseits des Islam, eine Öffnungs-/Schließungsagenda verhandeln – das sei das Erbe der Aufklärung über die europäischen Werte, die aber gerade einmal 250 Jahre alt seien:

Nach dreißig Jahren Öffnung machen wir eine Schließung national im Wertebereich: keine Homoehe, keine Frauenrechte; international ist es Trump: kein Freihandel mehr usw. (…) Wie kommen wir da raus? Wir müssen an die soziale Wurzel des Problems herankommen. Die jungen Muslime z.B. können leicht radikalisiert werden, die haben diese Kränkung schon früh erfahren, die Abwertung – und das, bevor sie noch religiös werden. Das ist das Problem der ISIS.

so Guérot und setzt fort, dass die jungen Menschen keine sozialen Chancen hätten – und das sei die eigentliche Kränkungswurzel.

Aslan wirft ein, dass es sich bei den IS-Kämpfern um gut ausgebildete Fundamentalisten der Mittelschicht handle, nicht der Unterschicht, und diese ihre Taten gut begründen könnten.

Die Muslime in Europa würden zudem ganz vergessen, dass sie von der Freiheit profitieren würden, die in keinem islamischen Land vorstellbar sei und man die Demokratie auch im muslimisch-theologischen Sinne schützen solle:

Wenn wir diese Freiheiten missbrauchen und eine Gegengesellschaft bilden, dann ist das eine Entwicklung, die mich persönlich beunruhigt, und ich fürchte, dass wir diese Freiheit verlieren. Nebenbei entwickeln sich jede Menge Rechtsparteien, die natürlich von dieser Situation enorm profitieren. (…) Wenn wir eine gemeinsame Zukunft wollen, dann sollten wir diese Demokratie auch gemeinsam schützen. Das ist auch u.a. eine muslimisch-theologische Aufgabe.

Die neue Zuwanderung habe Konsequenzen für die Pluralität. Die guten Eigenschaften der Migranten und Migrantinnen sollten jedoch als Bereicherung für die Gesellschaft gesehen werden, so Aslan, denn: “Integration ist nie einseitig – wir können gegenseitig voneinander profitieren.

Mag. Ursula Sagmeister nimmt Stellung zur Beschäftigungslage bei den Zuwanderern und rät den Flüchtlingen stets, nicht “so picky” bei der Arbeitssuche zu sein. Dabei spricht sie von der Notwendigkeit der religiösen und sozialen Flexibilität seitens der Arbeitssuchenden. Weiters ist sie überzeugt, dass es einer Reformierung des Schulsystems bedürfe und Platz für neue Themen geschafft werden sollte. Entsetzt zeigt sich Sagmeister darüber, dass in den AHS nur Kinder zugelassen würden, die über die entsprechenden sozialen und finanziellen Möglichkeiten verfügten, und Kinder allgemein der Entscheidungswillkür der Direktoren und Direktorinnen ausgesetzt seien.

Guérot schließt die Debatte mit den Gedanken: “Woran glauben wir?” und spricht davon, dass wir “kalte Füße” bekommen hätten, zumal unsere Vorurteile erodierten; jene Vorurteile, an die wir gewöhnt seien, die quasi in Recht gegossen gewesen seien, “und das bezeichnen wir als Krise.” Was die Gewalttaten in Europa betrifft, so sieht sie die Vorkommnisse vom rationalen Standpunkt her als “Kritik” an unserer Gesellschaft:

Die Effizienz der Gesellschaft: Wie wir hier menschliches Leben verhandeln, wie wir es achten … Es scheint mir so zu sein, dass wir tatsächlich in einer hedonistischen Gesellschaft leben, in der wir verschiedene anthropologische Grundsätze nicht mehr achten (…) und dass wir gesellschaftliche Mechanismen geschaffen haben … Der Effizienzgesichtspunkt ist zur gesellschaftlichen Norm geworden, indem wir Menschen abwerten.

und rät dazu, diese Kritik ernstzunehmen. Diese Debatten seien die wirklich großen, ist sich Guérot sicher.

Gedanken, die wahrlich anregen. Hier nun das vollständige Video:

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