Ein uneingestandener Irrweg

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Viele Traditionen in vielen Teilen des indischen Subkontinents sind völlig unvereinbar mit den existierenden sozialen Bedingungen. Doch ist dieses Phänomen nicht auf irgendeine bestimmte Region der Welt beschränkt. Tatsächlich kann eine Unvereinbarkeit zwischen in Ehren gehaltenen Traditionen einer Gesellschaft und den dort vorherrschenden sozialen Bedingungen an vielen Orten beobachtet werden. Aber in manchen Gesellschaften werden diese Nichtübereinstimmungen überdeutlich, und das muss näher untersucht werden. In diesem Artikel möchte ich das Augenmerk auf eine auffallende Unvereinbarkeit richten, die in Indien sowie in einigen Nachbarländern wie etwa Nepal zu beobachten ist.

Das Patriarchat ist ein globales Phänomen, das in verschiedenen Teilen der Welt in unterschiedlichen Formen und verschieden starker Ausprägung existiert. So ist auch die indische Gesellschaft patriarchalisch geprägt und hat die Unterdrückung der Frauen in verschiedenen Epochen in unterschiedlicher Form und Ausprägung aufrecht erhalten.

Interessant im Falle ist aber die weit verbreitete Kultur der Verehrung von Göttinnen als eine Quelle der Weisheit im Hinduismus (der Religion, der die Mehrheit der Inder angehört) – und die gleichzeitige und allgegenwärtige Tendenz, Frauen als untergeordnet, unfähig und weniger intelligent anzusehen.

Ich könnte niemals mit solchen widersprüchlichen Denkmustern übereinstimmen. Als ich aufwuchs, beobachtete ich, wie Männer Frauen im täglichen Leben behandelten. Und ich spreche hier nicht nur von der offensichtlichen Unterdrückung von Frauen, sondern davon, wie Frauen auf subtile Art als den Männern in jeglicher Hinsicht unterlegen behandelt werden. Außerdem sind nicht alle Männer von Natur aus repressiv; viele kümmern sich sehr wohl um die Frauen in ihren Familien und bemühen sich, auf die beste Art für sie zu sorgen. Ich komme aus einem der nordöstlichen Bundesstaaten Indiens, der eine relativ gute Reputation hat in Bezug auf die Behandlung der Frauen. Aber um ganz ehrlich zu sein, ist diese Reputation nur im Vergleich zu anderen Teilen Indiens gut, wo Männer glauben, sie hätten das Recht, vollständig über das Leben der Frauen in ihren Familien zu bestimmen.

In der Region und der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, sind Frauen keineswegs machtlos oder stehen vollständig unter der Kontrolle ihrer männlichen Familienmitglieder. Sie haben bessere Voraussetzungen in Bezug auf Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten. Bildung wird hier nicht als ein männliches Privileg angesehen, und die verabscheuungswürdige Sitte der Mitgiftzahlung ist nicht sehr verbreitet. Viele soziale Übel, die mit geschlechtlichen Repressionen in Verbindung stehen und in anderen Teilen Indiens tiefgreifend manifestiert sind, existieren hier entweder überhaupt nicht oder sind vergleichsweise schwach ausgeprägt. Doch äußert sich das Patriarchat nicht nur in der offensichtlichen Unterdrückung von Frauen sowie verurteilungswürdigen sozialen Übeln, die gegen sie gerichtet sind.

Das Patriarchat ist eine Machtstruktur, die in der Denkweise der Menschen verankert ist und Tag für Tag genährt und gefestigt wird – und zwar nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen. Ich möchte sogar behaupten, dass die meisten Menschen, also Männer wie auch Frauen, auf die eine oder andere Weise sowohl Opfer als auch Unterstützer des Patriarchats sind.

Ich stamme aus dem Nordosten Indiens, der als liberal angesehen wird. Viele sind der Ansicht, dass es hier in Bezug auf die Behandlung der Frauen recht gut läuft. Meine Erfahrung jedoch ist gemischt, wenn nicht sogar gegenteilig zu dieser Auffassung. Es war auch hier völlig üblich, Frauen auf eine Art zu behandeln, die abwertend, wenn nicht sogar ganz offen entwürdigend war.

Am unverständlichsten war für mich der Gegensatz zwischen der Verehrung von Göttinnen als Quelle von Weisheit und Kraft und andererseits der Überzeugung, dass Frauen generell von eingeschränkter Intelligenz und nicht in der Lage seien, dieselben Dinge wie Männer zu tun und zu erreichen. Und diese Überzeugungen saßen so tief, dass eine Frau, die etwas erreicht hatte, was die Gesellschaft als unmöglich ansah, dafür bewundert wurde, anders als die anderen Frauen und mehr wie ein Mann zu sein. Solche Überzeugungen waren für mich stets sehr irritierend, und ich kann noch immer nicht nachvollziehen, wieso es auch den Frauen nicht gelingt, diese Logik zu sehen.

Bei traditionellen Festen wie “Durga Puja”, “Lakshmi Puja”, “Kali Puja”, Saraswati Puja”, “Navratri” und anderen geht es vor allem darum, Göttinnen zu verehren. Ich bin damit aufgewachsen, an solchen Festen teilzunehmen, ohne die Heuchelei wahrzunehmen, die die ganze Sache durchzieht: Auf der einen Seite verehren sowohl Männer als auch Frauen eine weibliche Gottheit als Quelle von Macht und Weisheit, auf der anderen Seite aber blicken sowohl Männer als auch Frauen herab auf die Frauen als mangelhaft und den Männern unterlegen.

Daraswati wird als die Göttin der Bildung, der Musik und der Kunst betrachtet, sie versinnbildlicht kreative Energie und Kraft sowie Weisheit in all ihren Formen. Und doch scheint in diesem Teil der Welt, wo die Weisheit mit einer Göttin verbunden wird, die Ansicht, dass Bildung ein Recht der Frauen sei, überhaupt nicht selbstverständlich zu sein. Viele Familien im ländlichen Indien glauben noch immer, es sei wertlos, Mädchen eine Ausbildung zu ermöglichen, weil ihre primäre Aufgabe der Haushalt sei und sie daher in häuslichen Aktivitäten ausgebildet werden sollten. Solche Meinungen existieren zwar auch in urbanen Gesellschaften, sie sind dort aber im Verhältnis weitaus weniger stark verbreitet.

Dennoch ermutigen auch in den Städten nur sehr wenige Familien ihre Töchter, eine höhere Ausbildung anzustreben. Kurz gesagt scheint Bildung also noch immer ein männliches Privileg zu sein. Dieses Szenario lässt sich in den meisten Teilen der Welt finden, doch meine Absicht war es, ein wenig Licht in die seltsame Heuchelei in Indien zu bringen, wo Wissen und Weisheit mit einer weiblichen Gottheit in Verbindung stehen.

Viele Frauen in meiner Umgebung behaupten immer wieder, dass Männer und Frauen in jeglicher Hinsicht gleich seien und dass sie nicht an eine Überlegenheit der Männer über die Frauen glauben. Und doch habe ich gesehen, dass solche Feststellungen nie in Taten umgesetzt werden. Denn die Sitten, denen die Frauen folgen, und viele der Traditionen, die sie hochhalten, sind nichts anderes als eine offene Manifestation einer Hinnahme der patriarchalischen Mentalität.

Meine Erfahrungen mit diesen Widersprüchen, die in Indien existieren, wurden für mich mehr und mehr erschütternd, als ich zu reisen begann und andere Teile unseres Landes sah, wo solche Widersprüche weitaus heftiger zutage treten. Die Verehrung der Göttinnen und die Befolgung der Rituale werden hier weitaus ernster genommen, doch im Gegensatz dazu ist die Behandlung der Frauen in diesen Gesellschaften noch weitaus abwertender.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Bangalore-Graffiti_(8599590814) Bangalore-Graffiti_(8599590814) Ashwin Kumar CC BY-SA 2.0