Vollmondnacht

Shiva ist die Sonne und Shakti ist der Mond, und durch ihre Vereinigung und ihr unendliches Bewusstsein entspringt die gesamte materielle Welt.

Ich befinde mich im Himalaya, und heute ist eine besondere Nacht: Es ist Vollmond.

Wie ihr vielleicht wisst, haben die verschiedenen Mondphasen einige besondere Effekte und Auswirkungen auf das Leben und auf die Erde selbst; eines dieser Phänomene sind die Gezeiten, bei denen der Mond große Wassermengen in den Ozeanen beeinflusst. Viele Studien zeigen, dass diese besonderen Vollmondnächte einen starken Einfluss vor allem auf Frauen haben, etwa in Bezug auf sexuelle Energie und Verlangen, auf Stimmungen und die Fortpflanzung.

Ich entschließe mich, in dieser machtvollen Nacht eine Zusammenkunft von Frauen zu besuchen. Ich habe keine Ahnung, worum es dabei genau geht, doch bin ich neugierig. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass es eine der außergewöhnlichsten und interessantesten Erfahrungen meines Lebens werden wird …

Ich betrete eine Halle, in der um die vierzig Frauen sitzen. Der Raum ist vom sanften Licht einiger Kerzen erfüllt, in der Luft liegt der Duft von Räucherstäbchen. Wir beginnen mit einer Meditation und meditativem Tanz, bei dem wir unsere Augen geschlossen halten. Langsam wird es intensiver, und es fühlt sich schließlich an wie „tanzen, als ob niemand dabei zusieht“. Die Kursleiterin erklärt mit sehr ruhiger und eindringlicher Stimme, dass wir die Göttin in uns erwecken sollen – das Ziel ist die Erweckung von Shakti, der Göttin des Yoga.

Shakti bedeutet aber auch Macht oder Ermächtigung. Sie ist die Frau von Shiva, dem Gott der Zerstörung, dem Gott unter den Göttern. Shakti ist in vielen Formen verkörpert; eine davon ist die Göttin Kali, von der einige glauben, sie sei die Göttin des Todes und der Zerstörung, wogegen andere sie als die Überbringerin von Stärke, leidenschaftlicher Liebe und ungezähmter Freiheit ansehen. Eine andere Verkörperung der Shakti ist die Göttin Durga, die das Unzugängliche oder Unbesiegbare darstellt.

Nach unserer Tanzsession werden wir darum gebeten, eine Partnerin auszuwählen, uns voreinander hinzusetzen und uns in die Augen zu schauen, ohne dabei zu sprechen. Das scheint einfach, doch einmal versucht hat, weiß man, dass dem nicht so ist. Ehrlich gesagt ist es das Schwierigste überhaupt, weil es sich anfühlt, als schaue man sich gegenseitig direkt in die Seele. Man SIEHT die Person ganz, ganz wirklich, ihre Schönheit, aber auch ihre dunkle Seite.

Ihr habt sicher schon einmal den Ausdruck gehört: „Die Augen sind das Tor zu Seele.“ Man könnte es nicht besser ausdrücken, denn genauso ist es!

Während ich dieses Experiment mit meiner Partnerin durchführe, spüre ich eine ganz starke Aura oder Energie überall um mich herum. Es ist dasselbe Gefühl, das ich früher am heutigen Tag hatte, als ich Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, zum allerersten Mal in meinem Leben begegnet bin. Es fühlt sich an, als ob man Gott sähe. Tatsächlich wird in der indischen Kultur gesagt und geglaubt, dass jeder von uns Gott in sich trage. Daher benutzen die Inder auch den Gruß „Namasté“, was wörtlich bedeutet: „Ich verneige mich vor dem Gott in dir.“

Nun ist es Zeit, sich auf eine andere Art zu öffnen. Wir stellen uns gegenseitig zwei „einfache“ Fragen: „Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“ Und: „Was würdest du tun, wenn du dich selbst vollständig lieben würdest?

Jede der beiden Partnerinnen muss fünf Minuten lang frei sprechen, ohne unterbrochen zu werden. Ich kann dabei buchstäblich die Emotionen in der Luft spüren, Tränen beginnen zu fließen, die Stimmen erheben sich. Es ist sehr interessant zu hören, dass so viele Menschen etwas völlig anderes tun würden, wenn sie keine Angst hätten. Ist das auch bei dir so? Was würdest du tun?

Dann beginnen wir, uns jeweils eine Sache mitzuteilen, die wir loswerden wollen, und eine, die wir gerne haben möchten. Es ist sehr spannend, weil ich hier mit völlig fremden Menschen sitze und alle um mich herum beginnen, Tiefgehendes über ihr Leben miteinander zu teilen – Dinge, die man normalerweise mit niemandem teilt, nicht einmal mit denen, die einem am nächsten und am liebsten sind. Doch alle fühlen sich so komfortabel und sicher damit, es hier zu tun, unter Fremden, dass ich nicht umhin kann, mich zu fragen, warum das so ist.

Gegen Ende wird es noch interessanter: Wir bilden Gruppen von jeweils vier Frauen. Eine von ihnen legt sich hin, und die anderen massieren sie sanft mit Duftölen und flüstern ihr angenehme Dinge ins Ohr. Dann wird gewechselt. Als ich dran bin, sagt die Kursleiterin, dass wir einfach loslassen sollen, dass wir die Schuld, die wir mit dem Empfangen verbinden, loslassen sollen. Wie so viele Leute fühle auch ich mich „schuldig“, wenn ich etwas empfange, es fällt uns weitaus leichter, etwas zu geben. Habt ihr das schon erlebt? Anfangs bin ich sehr angespannt und es fühlt sich seltsam an, doch sobald ich loslasse und mich entspannen kann, ist es sehr schön …

Ich stehe auf und rufe laut: „Ich erwecke die Göttin in mir und lasse los…

Ich weiß, dass sich das für viele von euch sehr eigenartig anhören muss, und ich kann euch das wirklich nicht übel nehmen, denn wenn ich zuvor einen solchen Artikel gelesen hätte, würde ich mir auch etwas Seltsames darunter vorstellen. Doch ich habe gelernt, dass man bei ganz vielen Dingen entweder die Person sein kann, die sich etwas Seltsames darunter vorstellt und es vielleicht sogar verurteilt, oder die Person, die daran teilnimmt und es selbst erlebt.

Die letztere Person zu sein, ist weitaus besser, denn immerhin ist das Leben eine Erfahrung, und warum sollte man etwas Neues nicht ausprobieren? Für die unter euch, die sich fragen, ob bei diesem Treffen irgendeine psychoaktive Substanz im Spiel war, ist die Antwort nein. Es war nicht einmal etwas Sexuelles, es war einfach ein Treffen von Frauen, die zusammenkommen und sich selbst ermächtigen, indem sie ihre Göttin erwecken.

Alles in allem war es eine gute und sehr andersartige Erfahrung, und ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, die experimentierfreudige Person zu sein. Ich tauchte ein in eine mysteriöse Welt, die wir im Westen esoterisch nennen. Viele Menschen verurteilen das – doch wie kann man das, wenn man überhaupt nichts daovn weiß?

Also, was denkst du? Bist du eine der mutigen, offenen und neugierigen Seelen da draußen, die es wagt, in diese mystische Welt einzutauchen? Bist du bereit, ein paar Dinge über dich selbst herauszufinden und über das Göttliche in dir?

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Göttin Durga Göttin Durga Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Göttin Kali 2 Göttin Kali 2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Göttin Kali Göttin Kali Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Göttin Shakti Göttin Shakti Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Lord Shiva Lord Shiva Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Vollmondnacht Vollmondnacht Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0

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