Ethik oder Business? Gesundheit als Ware – Doris Peczar

Doris Peczar, Unternehmensberaterin im Gesundheitswesen, ist der Gast unserer neuesten Folge von Reiner Wein. Die SAP-Expertin erklärt zu Beginn den Vorteil des Einsatzes dieser Software im wirtschaftlichen Bereich von Krankenanstaltenverbünden.

Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Ethik findet man natürlich auch im Gesundheitsbereich: wieviel darf eine Behandlung bei einem bestimmten Zustand des Patienten kosten, damit sie durchgeführt wird? Da Krankenhäuser auf der Einnahmenseite wenig ändern können, versucht man zB im Verwaltungsbereich zu sparen oder die medizinischen Verfahren effizienter zu gestalten. Letzteres führt dazu, dass Menschen oft auf einen sogenannten klinischen Behandlungspfad gesetzt werden. Der Vorteil für den Arzt: das Risiko für ihn wird minimiert. Der Nachteil für den Patienten: der Arzt ist oftmals nur noch Erfüllungsgehilfe, da der Pfad relativ wenig Spielraum für die Behandlung lässt. Weicht der Arzt davon ab, muss er sowohl gegenüber der kaufmännischen Leitung als auch gegenüber allfälligen Gerichten bei Verfahrenskomplikationen erklären, warum er abgewichen ist. Das Ergebnis ist, dass der Patient vom Subjekt zum Objekt wird, das vor allem nach Kosten und Nutzen analysiert wird, und nicht nach seinem Leiden.

Im Folgenden beschreibt Peczar die in Österreich im Einsatz befindliche leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung, die sich hauptsächlich auf die Diagnose bezieht. Dieses gut gemeinte System führt zu einem Wettbewerb unter den Krankenhäusern, immer mehr Punkte zu sammeln – wodurch es zu einer Art Inflation kommt: jedes Jahr wird ein sogenannter LKF-Punkt weniger wert. Denn das Budget, welches über die Punkte aufgeteilt wird, wächst nicht im gleichen Maße mit.

Ein weiterer Effekt dieses Punktesystems ist, dass für bestimmte Diagnosen eine standardisierte Menge an Behandlungen und Tagesaufenthalten in der Klinik vorgegeben ist: sollte also der Patient mehr davon benötigen, verliert sie Geld; kann er früher als erwartet nach Hause geschickt werden, bleibt mehr im Budget übrig.

Auch bei der Abrechnung ambulanter Behandlungen gibt es problematische Entwicklungen; diesen wird aktuell aber versucht, entgegenzuwirken – wie auch den Problemen im LKF-Punktesystem. Das grundsätzliche Problem, dass nicht der Patient, sondern die Diagnose im Mittelpunkt steht, bleibt bei allem Bemühen bestehen. Das kann man aber nicht über noch genauere, weil dann kaum mehr administrierbare, Abrechnungen erreichen, sondern nur über eine Bewusstseinsschaffung in der Ärzteschaft – aber auch bei den für die wirtschaftliche Seite des Gesundheitssystems zuständigen Personen.

Weiters werden in diesem spannenden Gespräch Themen wie die Personalpolitik (Einsparung durch Reduktion), weltfremde Arbeitszeitgesetze, Einsparpotenziale (Generika, Material etc), medial kolportierte Spitalsüberlastungen in Folge von Corona, den Begriff Triage, Ethik im Alltag von Medizinern und vieles mehr besprochen.

Credits

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Doris Peczar Wolfgang Müller 1

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