Grenzenlose Regionen – Der Wettbewerb zwischen Stadt und Land – Vorträge

Veranstaltungsdaten

Datum
31. 8. 2019
Veranstalter
Waldviertel Akademie
Ort
Rathaus Weitra

Unter der Leitung des Journalisten Dr. Reinhard Linke beschäftigen sich die Arbeitsmarkt- und Migrationsforscherin Univ.Prof.iR. Dr. Gudrun Biffl, der Regionalforscher Univ.Prof. Dr. Martin Heintel und der Neurologe und Biologe Univ.Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek mit dem Wettbewerb zwischen Stadt und Land, der auf vielen Ebenen festzustellen ist.

In ihrem Vortrag fokussiert sich Dr. Biffl auf die Themen Urbanisierung und Landflucht, die ihrer Meinung nach zwei Gesichter eines Phänomens sind. Die drei Dimensionen dieses Phänomens sind: weltweit lassen ich sowohl Globalisierungs-, als auch Individualisierungsprozesse (neue Familienformen etc) feststellen; ebenso unbestritten hat der technologische Wandel einen Einfluss auf die Urbanisierung. Die Multinationalisierung der Konzerne seit den 70ern, verbunden mit der Auslagerung von Teilen der Wertschöpfungsketten hat ein unentwirrbares Netz gegenseitiger Abhängigkeiten über Kontinente hinweg gespannt. Durch die Schaffung multilateraler Wirtschaftszonen kam es zu Auf- bzw Abwertungen ganzer Regionen, gefolgt von (Kosten)Wettbewerb zwischen diesen Zonen, wobei die Peripherie dabei zu den Verlierern gehört. Städte spielen dabei die Rolle von spezialisierten Drehscheiben – manche sind für Finanzen bekannt, andere für Infrastrukturelle Produkte etc. Die Individualisierung läßt sich ua an den zunehmenden Scheidungsraten ablesen. Frauen werden sich ihrer eigenen Chancen und Vorstellungen stärker bewusst als früher. Arbeitsplatzunsicherheit, geringe Einstiegsgehälter und hohe Mobilität tragen ebenfalls nicht zu stabilen Beziehungen bei. Im ländlichen Raum sind Beruf und Familie immer schwieriger zu kombinieren. Entsprechend kommt es zu Abwanderungen in die Stadt. Auch die Technologie mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation trägt zur Entwurzelung bei – einhergehend mit geringerem Verantwortungsbewusstsein für die Region, aus der man stammt, da die lokale Interaktion der globalen Vernetztheit Platz macht.

Es bedürfe einer Neuorganisierung des Gemeindewesens, so Biffl. Arbeitsplätze müssen mittels Wirtschaftsförderungen geschaffen werden, damit nicht ganze Regionen nur noch als Schlafplatz dienen. Soziale Dienste müssen professionalisiert, Infrastruktur muss geschaffen werden, damit Beruf und Familie auch am Land vereinbar ist. Frustrierend für viele Menschen, die innovative Ideen umsetzen wollen, sei die parteipolitische Defragmentierung auf allen Ebenen: wenn sinnvolle Pilotprojekte an Interessenskonflikten zwischen parteinahen Sozialorganisationen scheitern, sei das nur noch schwer hinzunehmen.

Im Mittelalter gab es klare (auch physische) Grenzen zwischen Stadt und Land, so Dr. Heintel. Heute verschwimmen die Grenzen mit dem Umland immer mehr, auch wenn die Kompetenzaufteilung (politisch, behördlich etc) noch klar vorhanden ist. Städte und sie umgebende Länder stehen heute oftmals in einem Konkurrenzverhältnis, anstatt kooperativ nach besseren Lösungen zu suchen. Nordeuropäische Länder sind hier Vorreiter, die Solidarität für ländliche Gegenden ist dort ein generationenübergreifend akzeptiertes, hohes Gut. An Hand des Waldviertels beschreibt der Wissenschaftler die Herausforderungen – auch unter dem Blick auf die verwendete, meist morbide Sprache in der betreffenden Diskussion, die kaum dazu geeignet ist, um Zuwanderung zu fördern.

Von seiner Profession her hat Dr. Lalouschek es oft mit Menschen zu tun, die ihre persönlichen Grenzen zu wenig konkret ziehen und dadurch oft Ziel von Ausbeutern werden. Als Hirnforscher wird ihm viel zu wenig über die disruptiven Auswirkungen der digitalen Konzerne gesprochen, die weder physische noch psychische Grenzen akzeptieren. Sie sammeln unser Geld, unsere Daten und unsere Aufmerksamkeit. Lalouschek ist täglich damit konfrontiert, wie dieser von den Konzernen ausgeübte Druck unser Unterbewusstsein, aber auch unsere Sicht auf die Welt manipulieren und verändern. Fehlende Erfolgserlebnisse auf Grund zahlloser Aufgabenstellungen führen zu irrationalen Angstzuständen und enden oft in der Ersatzbefriedigung Konsum(wahn) oder Medikamentenabhängigkeit. Angst führt zu Abgrenzung und Egoismus und schließlich zu Isolation. Entsolidarisierung greift um sich, wie es auch überall in der Gesellschaft feststellbar ist. Einer Mehrheit ist klar, dass etwas schiefläuft – gleichzeitig fühlen sich die Menschen ohnmächtig, etwas dagegen unternehmen zu können. Daraus lassen sich an Hand der Stressforschung zahlreiche Krankheitsbilder ableiten.

In seinen hunderten Therapiesitzung stellte Lalouschek immer wieder die Frage nach den Zielen und (unbewussten) Sehnsüchten des Patienten: in keinem einzigen Fall wurde er dabei mit einer negativen Sehnsucht konfrontiert. Dies zeigt ihm, dass Menschen unabhängig von Herkunft oder Ethnie eine Sehnsucht nach einen menschlichen Leben haben.

Obwohl es weltweit tausende Organisationen gibt, die sich mit der Verbesserung der Welt (ökologisch, sozial etc) beschäftigen, gibt es so gut wie keine Auswirkungen davon. Die Vermutung liegt nahe, dass dies an den zahlreichen hidden agendas liegt, über die in der Öffentlichkeit nie diskutiert wird. Wie die Gemeinschaft es dennoch schafft, einen signifikanten Einfluss auf das Weltgeschehen zu erlangen, erklärt Lalouschek in einem spannenden Gedankenexperiment

Credits

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Grenzenlose Regionen-Teil1 Wolfgang Müller CC BY SA 4.0