Gute Arbeit und das Diktat des Mehrwerts – Prof. Heinz-Josef Bontrup

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Heinz-Josef Bontrup ist Gast der neuesten Folge von „Reiner Wein“. Das Gespräch wird in insgesamt drei Folgen präsentiert.

Auf die Frage des Interviewers Gunther Sosna, was denn Arbeit im wirtschaftlichen Sinne sei, meint der Träger des Bundesverdienstkreuzes Prof. Bontrup, dass nur menschliche Arbeit Werte schafft: es gibt kein Unternehmen ohne Menschen – und die sind es, die die Maschinen bewegen.

Die Zahl der Arbeitslosen wurde in den letzten Jahrzehnten durch Teilzeitarbeit reduziert – dies allerdings zu dem Preis, dass viele Menschen von diesen Jobs nicht leben können: jeder fünfte abhängig Beschäftigte muss mit 11 Euro pro Stunde brutto über die Runden kommen. Wenn diese Leute in Pension gehen, schlittern sie in eine (in Summe) gigantische Altersarmut. Dass Vollbeschäftigung herrsche, sei eine reine Mystifikation: Deutschland ist Lichtjahre davon entfernt.

Die erste große Phase von Massenarbeitslosigkeit nach dem 2. Weltkrieg traf 1974/75 ein – und Deutschland habe sich seitdem nicht mehr davon erholt. Politik und Wirtschaft haben auf ganzer Linie versagt: denn hohe Arbeitslosigkeit ist eine Ressourcenverschwendung und es fallen hohe Kosten für die Alimentierung an, bei geringeren Steuereinnahmen. Diese fiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit liegen pro Jahr bei 40 bis 45 Milliarden Euro und sind damit größer als die jährliche Staatsverschuldung. Ohne diese Kosten hätte Deutschland seit Mitte der 70erjahre einen fiskalischen Überschuss erwirtschaftet.

1845 beschrieb Friedrich Engels, der selbst Unternehmer war, die Zustände des englischen Industriekapitalismus und das Elend, das er dort vorfand. Schon etwas früher, mit der französischen Revolution, die das Ende der Feudalherrschaft und den Beginn des modernen Kapitalismus markiert, wurde der Lohnarbeiter geboren: die Knechtschaft unter den Feudalherren wurde durch jene der Kapitalisten ersetzt. Bontrup empfiehlt, das Kommunistische Manifest von Marx und Engels zu lesen. Beide loben zu Beginn den Kapitalismus, da er wie keine andere Gesellschaftsordnung davor die Produktivkräfte so stark entwickelt hat; allerdings zum Preis der Ausbeutung des lohnabhängigen Arbeiters, der allein den Mehrwert schafft.

Einkommen setzt sich gesamtgesellschaftlich betrachtet aus vier Teilen zusammen: dem Lohn für die Arbeitskraft, dem Zins, der Pacht und dem Profit. Die letzten drei Einkommensarten sind der sogenannte Mehrwert; derjenige, der ihn erhält, muss – im Gegensatz zum Lohnarbeiter – nicht selbst dafür arbeiten. Somit ist der einzige, der Mehrwert schaffen kann, der abhängig Beschäftigte. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass auch Vorstände und Geschäftsführer Lohnarbeiter sind – im Gegensatz zu den Eigentümern des Unternehmens. Im heutigen, entwickelten Kapitalismus haben viele Menschen Einkünfte aus mehreren der vier Einkommensarten.

Laut Marx macht es keinen Sinn, den Kapitalismus zu individualisieren: denn auch der Unternehmer ist Gefangener seiner Rolle in diesem System, das insgesamt überwunden werden muss. Auch das Moralisieren über hohe Vorstandsgehälter hält Bontrup für überflüssig: denn der Vorstand übernimmt nur die Rolle des Kapitalisten, der sich anderweitig beschäftigen will und nur an der Profitrate, die er vorgibt, interessiert ist. Die durchschnittliche Profitrate in Industrieunternehmen liegt bei etwa 20 Prozent pro Jahr.

Zum Ende des Gespräches wird über die ersten Gegenreaktionen gegen die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und mögliche Parallelen zur heutigen Situation mit weltweiter Verelendung ebenso reflektiert, wie über das Konkurrenzverhältnis der Arbeiter untereinander.

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Bontrup1 Wolfgang Müller 1

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