Hoffnung, Angst oder Mut – Interview mit Gregor Fauma

Im Rahmen der 36. Internationalen Sommergespräche der Waldviertel Akademie sprach Programmkurator Dr. Reinhard Linke mit dem Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen Univ. Lekt. Mag. Gregor Fauma über die aktuelle Coronakrise und sein Buch Unter Affen.

Es gibt Menschen, die an Herausforderungen wachsen und diese aktiv suchen, aber auch jene, die daran zerbrechen. Ob 2020 ein markantes Jahr der Menschheitsgeschichte sein wird, wird vor allem davon abhängen, ob diese Krise ohne Krieg(e) gemeistert wird. Ebenso abzuwarten bleibt ob die kurzfristige Entschleunigung des Lebens einen signifikanten Eindruck bei den Menschen hinterlassen wird, so Fauna. Positiv sieht der Wissenschaftler die gelebte Solidarität, auch zwischen verschiedenen Staaten in Europa.

Der Lockdown der Demokratie durch Ausgehverbote und fehlerhafte Gesetze, die reihenweise vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurden, seien zwar im Einzelfall problematisch, die intendierte Wirkung sei aber eingetroffen: wir schützen uns gegenseitig. Viele Menschen außerhalb Europas leben seit jeher mit Einschränkungen ihres Alltags; die Diskussion um Demokratiegefährdung zB durch das Tragen von Masken sei sehr europazentriert – für die Mehrheit der Menschen sieht Fauma bisher keine großen Auswirkungen dahingehend, dass 2020 ein Wendejahr der Menschheitsgeschichte sei. Wichtig sei es, zuerst einmal zu Überleben; danach könne man sich um (durchaus problematische) verfassungsrechtliche Themen kümmern.

Auf die Frage der Suche nach dem starken Mann meint Fauma, dass wir im Westen gewählte Repräsentanten des Volkes haben, denen wir für mehrere Jahre das Vertrauen übertragen haben – und es gibt Instrumente, sie wieder abzuwählen.

Der Mensch ist sein soziales Wesen – ohne Gemeinschaft kann er nicht überleben: in der Savanne war der Mensch das klassische Opfer. Das erfüllende Gefühl, für andere da zu sein, dürfte bei vielen Menschen in der Coronakrise wieder verstärkt hervorgetreten sein. Ebenso der langfristige, unbewußte Gedanke, dass man selbst im Alter Hilfe von anderen benötigen wird, und sich jetzt ein positives Image aufbauen kann. Mit der Solidarität vorbei war es aber, als der Lockdown beendet war: als z. B. manche Branchen aufsperren durften, andere nicht.

Viele Verhaltensweisen, die wir Menschen an den Tag legen, zeigen unsere evolutionären Wurzeln im Tierreich auf: Brutpflege, Ressourcenbeschaffung, Rivalität um Sexualpartner und Machtpositionen findet man bei den Affen wie auch bei uns. Technologie ist eines der wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale zum Tierreich – ob wir damit aber ein besseres Leben erschaffen, ist eine andere Frage. Der Mensch müsse sich das sapiens des homo sapiens erst verdienen, meint Fauma: mit Weit- und Einsicht handeln sei bisher nicht unsere Stärke gewesen. Auch im Umgang mit Konflikten gibt es noch viel Luft nach oben.

Das Problem mit nationalen Solidargemeinschaften, die vor allem seit der Flüchtlingskrise 2015 eine Blütezeit erleben, ist, dass sie künftige Entwicklungen nicht in ihre Überlegungen mit einbeziehen: Menschen, die neu in einem Land ankommen, können natürlich ihnen entgegen gebrachte Leistungen nur über einen längeren Zeitraum „abarbeiten“. Trotz des Reichtums in Österreich scheint die Bereitschaft zu Teilen regional begrenzt zu sein.

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Hoffnung, Angst oder Mut Wolfgang Müller 1

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