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Indien – Die Zukunft eines Giganten

Veranstaltungsdaten

Datum
22. 5. 2017
Veranstalter
Diplomatische Akademie Wien
Ort
1010 Wien, Favoritenstraße 15a
Veranstaltungsart
Referat & Diskussion
Teilnehmer
Samir Saran, Berater der indischen Regierung, Vizepräsident der Observer Research Foundation
Werner Fasslabend, Moderator, Präsident des Austrian Institute for European and Security Policy

Im Zentrum dieser Veranstaltung der Diplomatischen Akademie stand Indien: ein Land, dem international im Vergleich zu seiner wirtschaftlichen Stärke und Entwicklung viel zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht werde.

Seit dem New Delhi Consensus 1991 habe sich Indien stark verändert.

Das Land öffnete sich für ausländische Investitionen und den wirtschaftlichen Aufschwung, den andere asiatische Staaten bereits erlebt hatten, nachgeholt. Das letzte große Stück des Weges Indiens an die Weltspitze werde in den nächsten 15-20 Jahren passieren,

so Samir Saran, Berater der indischen Regierung und des World Economic Forum für die Region Südostasien.

Er sieht vier große Trends für diese Zeitspanne:

  1. In 20 Jahren werde das Bruttoinlandsprodukt Indiens bei einer Wachstumsrate von 6-8 Prozent auf etwa 10 Billionen Dollar steigen und das Land damit weltweit zu den größten Märkten zählen. Die Institutionen würden allerdings langsamer als die Wirtschaft wachsen, was zu Problemen führen werde.
  2. 2037 werde Indien etwa 10 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe an andere Länder leisten und damit ein wichtiger Player in diesem Bereich sein. Das Land werde seinen eigenen Ethos und seine Erfahrungen in andere Länder exportieren und dadurch möglicherweise mit den Ideen Chinas oder der OECD in Konflikt geraten.
  3. Da die militärische Macht nur halb so stark wachsen werde wie die Wirtschaft (die Steuerquote Indiens liege nur bei 16 Prozent), werde Indien (im Gegensatz zu China) keine Interventionen planen oder sich an Friedensmissionen beteiligen.
  4. Ob der starken Technologie-Orientierung werde das Land keine billige Arbeitskraft benötigen. Es habe kaum billige Ressourcen und (aufgrund nationalistischer Tendenzen weltweit) für sein Wachstum nur einen begrenzten Zugang zum Weltmarkt.
Samir Saran
Samir Saran

Saran sieht weiters vier Trends, die Indien in den nächsten zwei Jahrzehnten formen würden:

  1. Das große Projekt des 20. Jhdts. sei gewesen, dass der Staat für Bildung, Infrastruktur und soziale Sicherheit sorge. Entweder habe der Staat direkt gehandelt oder über Lizenzen für private Organisationen. Im 21. Jhdt. stünden in Indien Technologie- und Pharma-Firmen im Mittelpunkt der Entwicklung – und diese würden keinen Staatseinfluss wollen, sondern freie Märkte.
  2. Die letzte Volkszählung 2011 zeige, dass die Städte schneller wachsen, als sie die Hinzugezogenen aufnehmen könnten. In den Dörfern würden Konflikte von der Gemeinschaft geregelt – das funktioniere in der Anonymität der Stadt nicht mehr. Deshalb komme es zu Blockaden und Demonstrationen. Saran nennt dies Ruralisierung der Städte.
  3. Die demografische Entwicklung zeige eine wachsende Gruppe der 5- bis 25-jährigen, die mittlerweile 450 Millionen Menschen ausmacht. Bei Forderungen anderer Länder, Indien müsse mehr für die Bildung seiner Jugend tun, lächelt Saran milde: Bei nur 1.000 Dollar pro Bildungsempfänger seien das 450 Milliarden Dollar pro Jahr, das gesamte indische Staatsbudget belaufe sich jedoch nur auf 380 Milliarden Dollar. Ähnliche Finanzprobleme gebe es im Gesundheitssektor. Und in etwa 30 Jahren werde Indien 300 Millionen Pensionisten haben, die es auch zu finanzieren gelte. Manche indischen Bundestaaten hätten 10 Prozent weniger Frauen als Männer. Hier müssten Infrastruktur und Arbeit entstehen, sonst könne es Unruhen in diesen „testosterongesteuerten Gesellschaften“ („testosterone fueled societies“) geben. Etwa 12 Millionen Jobs müsste Indien jährlich schaffen, tatsächlich seien es aktuell nur 7-8 Millionen.
  4. Die Globalisierung werde die eklatanten Unterschiede in der indischen Gesellschaft teilweise auflösen – jedoch nur auf ökonomischer Ebene, nicht auf kultureller. Es bleibe abzuwarten, wie die Menschen sich in diese neue Welt integrieren werden.

Die 116 Millionen Muslime Indiens leben großteils in schlechten Gegenden. Dass sie heute relativ friedlich leben, liegt laut Saran vor allem am „community management system“: In den Dörfern würden meist Familien- und Dorfälteste nach Ausgleich zwischen widerstreitenden Parteien suchen.

Doch heute nimmt die Familiengröße ab, die Menschen werden mobiler und ziehen weg, die alten Strukturen beginnen sich aufzulösen – mit unbekanntem Ergebnis.

Indien ist laut Saran das erste grüne Wachstumswunder:

Trotz mehr als doppelter Bevölkerungsgröße verbrauche Indien nur 10 Prozent der Energieressourcen im Vergleich zur EU. Solarenergie sei bereits billiger als Kohle.

Die Prozessinnovation sei die große Stärke Indiens. Eine Milliarde Inder besäßen bereits Handys, die Zahl der Internetnutzer wachse um 8 Millionen pro Monat. Über das Zahlungssystem des Digital Citizenship können sogar Kleinstbeträge ohne Gebühren überwiesen werden. Die digitale Transformation Indiens reduziert rasch und effizient die Kosten für Wirtschaft und Bevölkerung. Über das digitale „community management system“ sei z.B. das Gesundheitssystem zentralisiert worden, wodurch viel Bürokratie eingespart werden konnte.

Die Angst, durch den Abbau der Bürokratie viele Arbeitslose zu schaffen, teilt Saran nicht:

Durch die Zunahme selbstständiger und Teilzeitjobs, die v.,a. durch den Abbau der zuvor blockierenden Bürokratie geschaffen würden, könnten diese Arbeitslosen aufgefangen werden. Außerdem sei die Welt heute zusammengewachsen, und man könne über das Internet weltweit anbieten. Für Indien sei die Umstellung auf die digitale Wirtschaft aufgrund vieler Faktoren viel einfacher als für die meisten Länder des Westens.

Mobilität werde in Indien großgeschrieben – allerdings nicht die physische: Nur 9,82 je 1.000 Einwohner besitzen ein Auto. Das Land setze auf digitale Mobilität, Transportwege würden uberisiert.

Laut Saran herrscht in Asien eine Asymmetrie:

Die wirtschaftlich starken Länder wie China oder Indien seien auf dem militärischen Sektor keine großen Player, während andere – wie Russland oder Pakistan – zwar militärisch stark, aber wirtschaftlich eher unbedeutend seien. Die in Asien regelmäßig auftretenden Grenzkonflikte (Vietnam, Kaschmir, Südchinesisches Meer etc.) würden mit den digitalen, aber auch den kulturellen Veränderungen der Länder zusammenhängen.

Die Staaten würden immer mehr auf Selbstverteidigung statt auf Kooperation setzen, das Provokationslevel sei stetig hoch. Der große Friedensstifter in Asien seien die Atomwaffen.

Im Verhältnis zu China sieht Saran Indien etwa 10-15 Jahre lang im Nachteil:

Das sei der Preis der Demokratie. Die one belt one road Strategie und die damit verbundenen hohen Investitionen in Infrastrukturprojekte sieht er als nicht sinnvoll an, denn in spätestens 25 Jahren könne man mittels 3D-Drucker alles ausdrucken, was man zum Leben brauche. Weiters versteht er Indien, gerade im Zuge der Neuorientierung der USA, als wichtigsten Vorkämpfer der liberalen Weltordnung:

Fällt Indien, sei der Liberalismus tot. Dem aufkeimenden Nationalismus möchte man einen gesunden Patriotismus entgegenhalten: Zu viele Länder hätten das internationale Projekt fallengelassen, um sich in ihre eigenen Grenzen zurückzuziehen.

Worüber sich der indische Experte sorgt, ist, wer den Part des officer friendly im Internet, den es in Indien gibt, in den Sozialen Medien des Westens übernimmt. Die Rüpel würden das Internet besser für ihre Zwecke als die Masse der Menschen nutzen: Um sie zu bekämpfen, müsse es gemeinschaftliche Organe geben.

Credits

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india the future of a giant india the future of a giant Kottakkalnet CC BY SA 4.0
Samir Saran Samir Saran Christian janisch CC BY SA 4-0
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