Julia häkelt überall – seit ihrem sechsten Lebensjahr

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Julia Ponomareva aus Russland nahm sich auf ihrer Reise nach Wien die Zeit, um uns etwas über ihre brennende Leidenschaft zu erzählen: Häkeln. In ihrer Heimatstadt ist sie dafür prominent, überall zu häkeln, wo sie sich gerade befindet. Jedes ihrer handgefertigten Stücke ist unverwechselbar und erzählt eine eigene kleine Geschichte. Die Liebe zu dem, was sie tut, kann man an ihrer Arbeit erkennen.

Liebe Julia, erzähl’ mir doch etwas über dich. Welchen Beruf hast du ursprünglich ausgeübt?

Ich bin in Celabynsk geboren, das liegt im europäischen Teil Russlands. Dort absolvierte ich auch die medizinische Akademie und arbeitete vier Jahre lang als Ärztin in einem Blutlabor. Ich entschied mich dann für eine Stelle als Büroleiterin. Dies tat ich acht Jahre lang – bis mein Sohn zur Welt kam. Nach der Geburt meines Sohnes kehrte ich nicht mehr zu meiner Arbeitsstelle zurück. Und als mein Sohn etwas älter war, fing ich mit dem Häkeln an.

Wer hat dir das Häkeln beigebracht?

Ich stricke, seit ich sechs Jahre alt bin. Meine Oma hat mir das Stricken beigebracht. Das Häkeln aber habe ich über Bücher gelernt. Bevor ich mit dem Häkeln begann, strickte ich Pullover und Schals. Ich dachte stets, dass meine ersten Häkelstücke nicht so toll seien, doch die Leute mochten sie. Mein erstes Häkelkunstwerk unterscheidet sich extrem von der Qualität, in der ich jetzt häkle. Viele Leute bestellten es aber, und auch mein Sohn mochte es sehr. Und heute lasse ich mich auch gerne manchmal von Youtube-Videos inspirieren.

Wie alt ist dein Sohn jetzt?

Er ist neun Jahre alt.

Wie kommst du zu deiner Kundschaft?

Ich häkle gerne überall. Manchmal fragen mich die Leute im Bus oder in Cafés, was ich da mache. Ich mag es nicht, zu Hause zu häkeln. Einige Leute erkennen meine Handwerke gar bei Freunden wieder. In der Vorweihnachtszeit oder an Feiertagen ist das Interesse an meinen Stücken auch größer.

Das Ausstellen und Verkaufen meiner Produkte in den Shops anderer Leute ist für mich keine Option, weil ich so gerne die Geschichten dahinter erzähle … Wie und warum ich dieses oder jenes Spielzeug nämlich überhaupt kreiert habe. Ich liebe es auch, individuelle Kreationen anzufertigen, für Neugeborene beispielsweise oder für Anlässe wie Geburtstagspartys.

Was hat dich inspiriert, diese Kreationen zu entwickeln? Wie hat alles angefangen?

Ich habe mein erstes Püppchen nur aus Neugierde und aus dem Wunsch heraus gemacht, etwas Neues auszuprobieren. Und ja, ich fühlte Freude, während ich häkelte. Doch als ich sah, wie erfreut erwachsene Menschen auf meine Sachen reagieren, wuchs meine Begeisterung.

Was waren deine größten Erfolge, seit du mit dem Häkeln begonnen hast – und welche Herausforderungen begegneten dir dabei?

Ich weiß nicht, wie sich über Erfolg reden lässt … Ich schätze, ich tue einfach das, was mir am besten gefällt. Und wenn dies einen anderen Menschen glücklich macht, gibt es wohl nichts Schöneres, nicht?

Schwierigkeiten … Nun, leider ist es der verheerenden Wirtschaftslage meines Landes zu verdanken, dass die Menschen meine Sachen nicht mehr bestellen können. Auch für mich selbst kann ich keine weiteren Fortschritte in meinem Land erkennen …

Was war das unvergesslichste oder berührendste Ereignis, das du in Bezug auf deine Handwerkskunst erlebt hast?

Ich kann mich an zwei besondere Ereignisse erinnern: Das erste war, als mir Fotos aus einem Kinderhospiz gezeigt wurden mit meinen Stücken. Da wurde mir klar, dass meine Arbeit Sinn macht. Es ist die eine Sache, zu wissen, dass ich für einen guten Zweck häkle, und es ist eine ganz andere, auch den Beweis dafür geliefert zu bekommen. Und zweitens ist es mir ein Ereignis, wenn mich mein neunjähriger Sohn immer dann fragt, wenn er mich stricken sieht: “Häkelst du das für mich?”

Wie lange dauert der Prozess für die Anfertigung deiner gehäkelten Kreationen?

Meine Häkelobjekte nehmen mehr Zeit in Anspruch als ein Pullover, weil ich einfach auf mehr Details achtgeben muss. Normalerweise brauche ich für die Herstellung eines Einzelstücks einen ganzen Tag. Mein Körper und meine Hände verweilen dabei in einer statischen Position. Deshalb ist es zu anstrengend, mehr als eine Stunde hindurch zu stricken. Das ist auch der Grund, warum ich alle Stunden für mindestens 20-30 Minuten pausieren muss. Somit ist es für mich einfacher, im Bus zu häkeln, mich mit Freunden zu treffen und zu häkeln oder in einem Café zu sitzen und zu häkeln.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Ich habe einen Traum: Einen kleinen Laden irgendwo in Europa, in dem die Menschen Handgefertigtes einfach mehr schätzen und so auch die Möglichkeit haben, etwas Exklusives zu kaufen. Etwas für die Seele, das schön und nicht nur ein Ding der Notwendigkeit ist. Und ich möchte nicht nur meine Kreationen verkaufen, sondern auch diverse zauberhafte Accessoires, die  zur Dekoration des Eigenheims dienen.

Falls sich unsere Leser an dich wenden wollen, um eines deiner maßangefertigten Häkelstücke zu bestellen – wie lässt es sich mit dir in Kontakt treten?

Natürlich würde mich das sehr freuen!
Meine E-Mail-Adresse ist laila1@mail.ru und meine Telefonnummer lautet +7 919 358-44-25.

Vielen Dank für das Gespräch!

Es war mir ein Vergnügen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

Credits

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00_Cover_Julia-with-jellyfish 00_Cover_Julia-with-jellyfish Julia Ponomareva CC BY-SA 4.0
01_Julia-with-bear 01_Julia-with-bear Idealism Prevails CC BY-SA 4.0
05_dwarfs 05_dwarfs Julia Ponomareva ©Julia Ponomareva
02_bear 02_bear Julia Ponomareva ©Julia Ponomareva
04_owl-bags 04_owl-bags Julia Ponomareva ©Julia Ponomareva
03_bags 03_bags Julia Ponomareva ©Julia Ponomareva

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