Karva Chauth: Eine Prüfung der Willensstärke

"Karva Chauth" - Frau betrachtet, nach dem Fastenbrechen, den Mond durch ein Sieb
Heute Nacht, am 18. Oktober, als ich durch die Straßen des Hauptbasars in Neu Delhi schlendere, ist etwas anders:

Es ist 23:30 Uhr und die Straßen sind voller Menschen. Die meisten unter ihnen sind Frauen, aber auch ein paar Kinder. Die örtlichen Geschäfte und Basare haben immer noch geöffnet und verkaufen Kosmetik (shringar), traditionellen Schmuck, Puja (religiöse) Gegenstände, wie zum Beispiel Karvalampen, die Puja thali (thali heißt Teller) und einige seltsame Siebe (im Moment weiß ich noch nicht, wofür wir diese benötigen werden, aber ich freue mich darauf, es herauszufinden). Außerdem sehe ich heute sehr viele Hennas (temporäre Körperkunst aus der Farbe des Hennastrauchs). An jeder Straßenecke gibt es eine Schlange, in der mindestens 5-10 Frauen warten, bis sie an die Reihe kommen. Die Frauen lassen sich zumeist ein Mehndi (Henna) beidseitig auf ihre Hände und Unterarme malen, manchmal sogar auf die Füße.

Heute ist die Nacht vor dem „Karva Chauth“ Festival. Karva Chauth ist ein hinduistisches Fest, welches zumeist im Norden Indiens gefeiert wird. Verheiratete Frauen oder jene, die bald verheiratet werden, fasten vom Sonnen- bis Mondaufgang und beten dabei für die Sicherheit und ein langes Leben ihrer Ehemänner, Verlobten oder Angebeteten. Vom Sonnen- bis zum Mondaufgang dürfen sie nichts essen oder trinken, und traditionellerweise müssen die Männer das Fasten der Frauen brechen, indem sie ihnen den ersten Bissen Essen zuführen.

Als ich zum ersten Mal von Karva Chauth hörte, war ich sofort fasziniert davon – ich finde es ziemlich beeindruckend, dass all diese Frauen trotz der enormen Hitze von 35° Celsius fasten. Während des Ramadan fasten Muslime einen Monat lang, von Tagesanbruch bis zum Sonnenuntergang, und ich habe mich immer gefragt, woher sie die Kraft dafür nehmen – in Anbetracht der enormen Hitze. Ich kann mir vorstellen, nichts zu essen, aber nicht einen Schluck zu trinken, den ganzen Tag über und trotzdem noch arbeiten zu müssen, stelle ich mir als echte Herausforderung vor. Da ich glaube, dass man etwas erst komplett verstehen kann, nachdem man es selbst ausprobiert hat, entschließe ich mich dazu, am Karva Chauth teilzunehmen und wie die indischen Frauen zu fasten. Als jemand, der wirklich viel Wasser trinkt, habe ich den meisten Respekt davor, dass ich keinen einzigen Schluck werde zu mir nehmen dürfen. Mal sehen, wie das klappt …

Die meisten Inderinnen müssen an diesem Tag nicht arbeiten und ihre Männer dürfen ihre Arbeit früher verlassen, um das Fasten zu brechen. Die Frauen erledigen keine Hausarbeiten, sie treffen Freundinnen, tragen sich gegenseitig Henna und andere Kosmetika auf und beten für ihre Männer, während sie auf den Mondaufgang warten.

Fastende Frauen sitzen zusammen, während sie für ihre Männer beten

Bei Mondaufgang ist es üblich, dass die Frauen mit ihren Männern gehen, um die Spiegelung des Mondes – durch ein Sieb – in einem wassergefüllten Gefäß anzuschauen. Das Sieb wird benutzt, da es den Frauen nicht erlaubt ist, direkt den Mond anzusehen. Das Gefäß wird auf den Puja thali gestellt, zusammen mit der Karvalampe. Danach wird dem Mond Wasser dargeboten (som = Mondgottheit), um seinen Segen zu erhalten.

Der Mann bricht nun das Fasten, indem er Wasser von dem thali (Teller) nimmt, seiner Frau den ersten Schluck gibt und ihr dann etwas zu essen reicht (üblicherweise Milchkuchen).

(Um noch mehr Fotos des Festivals zu sehen, klicke bitte auf folgenden LINK.)

Tatsächlich ist die Tradition dieses Festes sehr alt: Vor langer Zeit mussten jene Frauen, die verheiratet wurden, ihre Siedlung verlassen, um mit dem Mann, seinen Freunden und seiner Familie in deren Siedlung zu leben. Da sie niemanden in der neuen Siedlung kannten, bekamen sie eine ‚Schwester‘ an die Seite gestellt, eine beste Freundin, die immer für sie da ist und ihr bei allem hilft. Die Verbundenheit dieser beiden Frauen wurde sehr wichtig, denn die Männer waren zu dieser Zeit oft fort, um zu arbeiten oder im Militär zu dienen. So taten sich die Frauen zusammen, um gemeinsam für das Wohlergehen ihrer Männer zu beten. Diese Tradition brachte später dieses Festival hervor.

„Karva Chauth“ bezeichnet genau genommen die Verbindung zwischen der frischgetrauten Braut und ihrer ‚Schwester‘.

Während des Tages geht es mir eigentlich ganz gut; erst am Nachmittag erreiche ich einen Punkt, an dem ich leichte Kopfschmerzen bekomme und mir ein wenig schwindelig wird. Ich muss einige Dinge erledigen und mich beschäftigen. Schneller als gedacht ist die Sonne untergegangen, aber der Mond lässt noch auf sich warten – drei Stunden noch. Der Mond soll heute um 20:45 Uhr aufgehen und es fühlt sich an, als warteten alle nur darauf. Als ich durch den Basar wandere, sind alle Geschäfte geschlossen, die Männer müssen schließlich nach Hause zu ihren Frauen, um mit ihnen zu beten. Es liegt eine spürbare Spannung in der Luft – eine Mischung aus Aufregung und Anspannung. Kurz vor Mondaufgang sehe ich viele Feuerwerke. Es fühlt sich alles so an, als würde die Feier jetzt erst losgehen.

Aber eine Frage bleibt: Wo genau ist der Mond? Im Süden, Norden, Osten oder Westen? Nach einiger Zeit, als wir entlang des Roten Forts spazieren und den Mond zwischen den hohen Gebäuden suchen, sehen wir etwas aufgehen – es ist oval, in vielen verschiedenen Gelbtönen schattiert und sieht aus wie ein riesiges Ei. Ist das der Mond? Er sieht anders aus, mehr wie ein Ballon. Sehr unsicher und voller Selbstzweifel, ob es sich nun um den Mond handelt oder nicht, spazieren wir weiter und beobachten das riesige, aufgehende Ei. – JA, es ist der Mond – der wunderschönste Mond, den ich je gesehen habe, ich glaube nicht, jemals so froh gewesen zu sein, ihn zu erblicken. Wir bleiben stehen und halten das Ritual ab.

Karva Chauth hat mich eines gelehrt: Wenn du etwas wirklich willst und zu dir selbst sagst: „Heute werde ich nichts essen und nichts trinken, bis ich den Mond sehe“, dann kannst du das auch schaffen. Die menschliche Willenskraft ist extrem stark und wir können uns selbst manipulieren, wenn wir das wollen. Erster Schritt: Entscheide; zweiter Schritt: Handle.

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Übersetzung ins Deutsche: Hannah Kohn

Credits

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Fastende Frauen halten den Puja thali in ihren Händen Fastende Frauen halten den Puja thali in ihren Händen Seema Jain CC BY-SA 4.0
Fastende Frauen sitzen zusammen und beten für ihre Ehemänner. Fastende Frauen sitzen zusammen und beten für ihre Ehemänner. Pranav Bhasin CC BY-SA 4.0
"Karva Chauth" - Frau betrachtet, nach dem Fastenbrechen, den Mond durch ein Sieb „Karva Chauth“ -Frau betrachtet, nach dem Fastenbrechen, den Mond durch ein Sieb Pranav Bhasin CC BY 2.0