Krisenregion Sahel – Hintergründe, Analysen, Berichte

Politik

Anfang Oktober luden das VIDC und der Promedia Verlag zur Präsentation des Buches „Krisenregion Sahel“. Unter der Moderation von Hannes Hofbauer kommen die drei MitautorInnen Günther Lanier, Franz Schmidjell und Ishraga Mustafa Hamid zu Wort.

Für den stellvertretenden Geschäftsführer des VIDC, Franz Schmidjell, ist es wichtig, dass wir in Zeiten des Krieges in der Ukraine nicht den Blick für andere Krisenregionen dieser Welt verlieren – im Falle des Sahel auch deshalb, weil die dortigen Entwicklungen von europäischen Politiken stark beeinflusst werden, wie Schmidjell an einigen Beispielen zeigt. Erfolge dieser Politiken sind für ihn nicht die Anzahl getöteter Jihadisten, sondern die Anzahl gebauter Schulen, Kliniken oder Märkte. Es wäre längst an der Zeit, regionale Friedensinitiativen, die sehr oft von Frauen ausgehen, zu unterstützen.

Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum ein so umfassendes Werk über die Sahelzone wie das Vorliegende, meint Verleger und Publizist Hannes Hofbauer. Im Folgenden gibt er einen Einblick in die multiplen Krisen, die diese Region heimsuchen.

Der Ökonom und Ethnologe Günther Lanier, der seit 20 Jahren in Burkina Faso lebt, verfasste 7 Beiträge für das vorgestellte Buch. Zu Beginn gibt er einen Überblick über verschiedene Aktionen und Demonstrationen, mit denen die Frauen in Burkina Faso ihre gesellschaftliche Stellung in den letzten Jahren verbessert haben. Im Buch selbst finden sich länderspezifische, aber auch themenspezifische Kapitel, die den Sahel verbinden. Diese Zone definiert sich vor allem ökologisch, über die Niederschlagsmenge. Ein übergreifendes Projekt ist die Green Great Wall, die 2005 von der Afrikanischen Union ins Leben gerufen wurde. Der Mangel an Demokratie ist für viele Menschen dieser Weltregion Nebensache – denn auch als demokratisch gewählte Politiker an der Macht waren verbesserte sich ihr Leben nicht. Unternehmen können in der Sahelzone relativ geringe Löhne zahlen, da viele Menschen (noch) Zugang zur Subsistenzwirtschaft haben. Eine tatsächliche Krise stellt der Terrorismus dar; hauptbetroffen sind der Norden Nigerias und Mali. Muammar Gaddafis Sturz in Libyen 2011 setzte sehr viele Waffen frei, die ihren Weg in die Sahelzone fanden. Dennoch sterben zB sehr viel mehr Frauen in Mali im Kindbett, als an islamistischer Gewalt – ohne das es deshalb einen Aufschrei in der Weltöffentlichkeit gäbe.

Die Pull- und Pushfaktoren der Migration sind der Schwerpunkt des Beitrags der sudanesischen Politikwissenschafterin und Menschrechtsaktivistin Ishraga Mustafa Hamid. Auch im Sudan haben sich Frauen in den letzten Jahren stärker in die gesellschaftlichen Prozesse eingebracht; zahlreiche Frauenbewegungen kämpfen für Gleichberechtigung. Erschreckend findet sie, dass das brutale Ritual der Frauen-Beschneidung vor allem von Frauen verteidigt wird, und weniger von Männern. Die Wurzeln der Frauenbewegung im Sudan liegen im Winderstand gegen die Kolonialherrschaft in den 1940erjahren. Viele Frauenrechte wurden schon 1964 erreicht, danach aber in den Wirren diverser Militärputsche und Revolutionen wieder verloren. In der Dezemberrevolution 2018 waren die Frauen die treibende Kraft und mussten die Repressionen des Staates über sich ergehen lassen. Der Kampf gegen Diktaturen ist eine der effektivsten Mittel zur Reduktion der Migrationswellen. Die zivile Übergangsregierung nach der Revolution 2018 war für viele Sudanesen eine große Enttäuschung. Der Militärputsch im Oktober 2021 hat das Land in seiner gesellschaftlichen Entwicklung um mindestens 30 Jahre zurückgeworfen.

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