Marusthali – Leben in der Wüste

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Dies ist eine Geschichte über die Wüste, erzählt von einem Wüstenbewohner selbst in einem exklusiven Interview, das von Dr. Isabel Scharrer in Jaisalmer geführt wurde.

Der Bundesstaat Rajasthan im äußersten Westen Indiens ist auf seiner ganzen Fläche eine trostlose und unbarmherzige Landschaft. Rajasthan ist das Juwel Indiens, hervorgegangen aus der Vereinigung von zweiundzwanzig kleineren Königreichen und daher in der britischen Zeit bekannt als Rajputana, „Land der Könige“. Die touristisch wichtigsten Städte Rajasthans werden auch mit Hilfe ihrer Farben unterschieden.

Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans, ist auch als die „rosa Stadt“ bekannt, wegen des intensiven Gebrauchs von rötlichen oder rosa Farben, die man in vielen Basaren dieser Stadt sieht. Jodhpur, die „blaue Stadt“, hat eine labyrinthische, ummauerte Altstadt als Zentrum, die sich unterhalb der Hauptfestung ausbreitet. Bei einem Besuch dieser Stadt spürt man die Illusion der Kühle durch die Wahl blauer Farben.

Jaisalmer, erbaut aus dem örtlichen Sandstein, wird die „goldene Stadt“ genannt, und auch fossiles Holz wird in den Tempeln und Festungen genutzt. Die meisten Fossilien in ihrer natürlichen Erscheinungsform kann man im Akal Fossil Park sehen, ein Ort, der einen in Zeiten jenseits der Menschheitsgeschichte führt, in die prähistorische Jurazeit, die 180 Millionen Jahre zurückliegt. Das Gebiet des Fossilienparks war zu dieser Zeit ein Wald. Das Land versank im Meer, und die Baumstämme wurden als Fossilien konserviert. Weit im Süden des Staates liegt Udaipur, deren Gebäude größtenteils in weißer Farbe erstrahlen, die die Hitze der Sonne am besten abhält.

Der größte Teil Rajasthans ist „marusthali“. Im Hindi, der Muttersprache der meisten Inder, ist dies das Wort für „Wüste“. Der Begriff ist aus dem Sanskrit abgeleitet, dort bedeutet er „das Land der Toten“. Sanskrit ist eine der ältesten Sprachen der Welt und wird auch als die Mutter der meisten heutigen Sprachen angesehen. Sogar viele englische Wörter sind aus dem Sanskrit abgeleitet.

Es ist nicht ganz falsch, eine Wüste als das „Land der Toten“ zu bezeichnen: Sie ist unbarmherzig und für die meisten Lebewesen unbewohnbar. Eine Wüste lässt normalerweise kein ständiges Leben zu, nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Beide, Menschen und Tiere, müssen sich an die extremen Lebensbedingungen anpassen, um dort existieren zu können.

Jaisalmer, im westlichsten Teil Rajasthans gelegen, befindet sich in der großen indischen Thar-Wüste, die sich über 6200 Quadratkilometer erstreckt. Diese Stadt ist unvergleichlich, sie bricht alle Regeln des Wüstenlebens. Dieser Teil der Thar-Wüste wurde schon in alter Zeit von Menschen erobert.

Eine Wüste wird als unmenschlich angesehen, als todbringend und unbarmherzig allen Lebensformen gegenüber. Und doch ist diese Wüste die am dichtesten besiedelte der Erde.

Derzeit leben dort mehr als 13 Millionen Menschen. Die Besiedelung geht auf König Rawal Jaisal und das Jahr 1156 zurück. Er hatte seinen Regierungssitz rund 16 Kilometer entfernt, in einem Teil der Wüste, der ein Bindeglied zwischen Indien und Persien, Ägypten, Afrika und dem Westen war. Eines Tages stieg König Jawal Jaisal auf den höchsten Berg seines Reiches, der sich rund 750 Meter über das restliche, ebene Land erhebt und „Trikut“ genannt wird. Der Berg erlaubt eine weite Sicht und die Überwachung des umgebenden Landes.

Dort traf er auf einen Eremiten namens Eesaal, der ihm sagte, er solle auf Anweisung von Krishna eine Festung weit entfernt in der Wüste errichten. Da König Rawal Jaisal ein Nachkomme Krishnas war, erklärte er sich einverstanden. Später stellte sich sein Entschluss als weise heraus, denn die berühmte Seidenstraße führte durch dieses Land. Das großartige Jaisalmer Fort wacht noch immer stolz über sein Land und erzählt Geschichten vom Mut und Glanz der Regenten von Rajput.

Jaisalmer hat sich seinen mittelalterlichen Charme bewahrt, der in seinen engen, farbenfrohen Straßen sichtbar wird, in seinen großartigen Festungen und Palästen, in seinen verschwenderischen Havelis und Bazaren. Das Jaisalmer Fort ist das einzige noch bewohnte Monument mit mehr als 1000 Bewohnern. In Jaisalmer wird auch Gips gewonnen, ein weiches Calciumsulfatmineral. Es wird hier großflächig abgebaut und als Dünger verwendet, aber auch als Hauptbestandteil vieler Varianten von Putz.

Jedes Jahr im Winter erwacht das normalerweise karge Land von Jaisalmer zum Leben. Zu dieser Zeit werden die Festlichkeiten des Desert Festivals abgehalten. Während dieses Festivals zeigt die Stadt dem Rest der Welt den Wert ihrer Kultur und ihrer Traditionen.

Das Festival bringt die Leidenschaft der Bewohner Rajasthans zum Ausdruck und ist eine farbenfrohe Explosion von Spaß, Lachen und Abenteuerlust.

Die meisten der Menschen, die im Festungskomplex oder dessen Nähe arbeiten, kommen von nahegelegenen Dörfern hierher, und das schon seit Generationen. In diesem Artikel werden wir über das Leben in der Wüste sprechen und versuchen, ihren Lebensstil und ihre Kultur zu verstehen. Rund 35 Kilometer weiter entfernt, nahe der indisch-pakistanischen Grenze, gibt es ein abgelegenes Dorf. Wie so viele andere kam der junge Mann, von dem ich erzähle, mit 16 Jahren aus diesem Dorf zur Festung, um dort sein Glück zu suchen.

Sein Name ist Amir, und er ist heute 22 Jahre alt. Er kam mit der Unterstützung seines Onkels, um beim Fort Arbeit zu finden. Er erzählte uns von sich und seiner Familie und sprach darüber, wie schwer es ist, in diesem Teil des Landes einfach nur zu überleben. Die Menschen seines Dorfes setzen sich aus hinduistischen und muslimischen Familien zusammen, die in Harmonie miteinander leben. Er erklärte uns auch, wie sich die Menschen in der Wüste selbst behandeln, wenn sie krank sind. Wir erfuhren von ihm, dass es für die Kinder sehr schwierig sei, eine Schule zu besuchen, weil die Schulen alle sehr weit entfernt sind. Er erzählte auch noch von vielen weiteren Schwierigkeiten, mit denen sich die Bewohner der Wüstenregion jeden Tag auseinandersetzen müssen.

Hören wir Amir zu, wie er vom Leben in der Wüste erzählt.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Amir

Credits

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Jain Tempel beim Sonnenaufgang, Jasailmer Jain Tempel beim Sonnenaufgang, Jasailmer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Markt, Jasailmer Markt, Jasailmer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Jain Tempel, Jasailmer 2 Jain Tempel, Jasailmer 2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sicht auf Jasailmer Festung Sicht auf Jasailmer Festung Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Die goldene Stadt, Jasailmer Festung Die goldene Stadt, Jasailmer Festung Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Die rosa Stadt, Hawa Mahal Palace, Jaipur, Die rosa Stadt, Hawa Mahal Palace, Jaipur, Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Die blaue Stadt - Jodphur Die blaue Stadt – Jodphur Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Amir Amir Sourabh Sharma CC BY-SA 4.0
Agasthiyamalai_range_and_Tirunelveli_rainshadow Agasthiyamalai_range_and_Tirunelveli_rainshadow PlaneMad CC BY-SA 3.0