Mein allererster Schwarm

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Millionen von Geschichten, Tausende Novellen, unzählige Gedichte und unendlich viele Lieder sind geschrieben worden, um die Schönheit der Frauen zu preisen. Um von ihrer Fähigkeit, die Männer verrückt zu machen, ihrer lieblichen Arroganz, ihrem verführerischen Ausdruck, ihren faszinierenden Aufmachungen und atemberaubenden Attitüden zu erzählen.

Und dennoch war bis heute niemand in der Lage, die Schönheit einer Frau wirklich erschöpfend zu beschreiben. Ganz egal, ob Mona Lisa, die schöne Helena, Königin Guinevere oder die obsessiv liebende Julia: Die Menschen haben Hunderte Jahre damit verbracht, die Schönheit der Frauen zu definieren.

Es ist eine universelle Tatsache, dass dies niemals jemandem gelingen wird, doch noch immer versuchen es die Männer, indem sie Briefe, eine Novelle oder einen Artikel schreiben oder ein einziges Mal in ihrem Leben ein Lied komponieren. Ungeachtet dieser Milliarden nicht erfolgreicher Bemühungen ist hier ein weiterer Versuch, eine weitere Geschichte.

Das Geschehnis, von dem ich euch erzählen möchte, ereignete sich an einem 3. Mai, als ich 16 Jahre alt war und eines der angesehensten Colleges Nepals besuchte. Dieses College war sehr schön inmitten wunderbarer grüner Felder gelegen, weit weg von der Stadt. Auf dem Weg dorthin durchquerte man diese Felder und wurde von der Schönheit dieser Landschaft eingenommen.

Zwei Monate zuvor, im März, waren die Zeugnisse für die 10. Klasse ausgegeben worden, und ich hatte mit Bravour bestanden. Ich wohnte nun in einem Hostel und bereitete mich auf die Aufnahmeprüfung für die weiterführende Schule vor. Die Vorbereitungskurse fanden am Morgen von sechs bis acht Uhr statt. Danach ging ich etwas essen, um mich dann an eines der Fenster zu setzen, von dem aus man auf die grünen Felder blickte, die das College umgaben.

Man konnte aber auch die Schüler sehen, die ein und aus gingen. Wann immer der Raum geöffnet war, ging ich zu diesem Fenster und beobachtete die Schüler, vor allem natürlich die Mädchen – manchmal den ganzen Tag lang, von neun Uhr morgens bis halb fünf am Nachmittag, die ganze Woche außer am Samstag. Ich wusste nicht einmal so recht, warum ich das tat.

Es war, als würde mich etwas zu diesem Fenster ziehen, Tag für Tag aufs Neue. Es fühlte sich an, als ob etwas in mein Leben eintreten wolle, als ob ich nach etwas suchte. Ich weiß nicht, ob es an mir selbst lag, dass ich das so erlebte, vielleicht war es einfach normal in diesem Alter oder vielleicht war es auch der Wille Gottes.

Doch schien sicher, dass sich etwas Ungewöhnliches in meinem Leben ereignete. Die Tage vergingen, und ich wurde niemals müde, mein Herz war rastlos. Wieder und wieder ging ich zu diesem Fenster, mit suchendem Auge und neugierigem Geist, und verbrachte so meine Zeit.

Eines Morgens sah ich wieder zu diesem Fenster hinaus und genoss es, von den wunderbaren Strahlen der Sonne geküsst zu werden. Ich versuchte, mich auf das Kapitel des Buches zu konzentrieren, das ich gerade las. Doch plötzlich bemerkte ich ein Mädchen, das sich, noch weit entfernt in den Feldern, dem College näherte.

Mir fiel auf, dass etwas anders war an ihr. In ihren Bewegungen war etwas Göttliches. Sie bewegte sich graziös, und der sanfte Wind wehte das seidig weiche Haar in ihr ebenmäßiges Gesicht. Es schien, als sei der Wind eifersüchtig mir gegenüber, als wolle er verhindern, dass ich sie sehe, und sie gleichzeitig ein wenig necken. Ich weiß nicht warum, und doch fühlte es sich an, als ob sie wegen mir käme.

Es heißt, die Schönheit liege im Auge des Betrachters, und für mich war sie die Göttin der Schönheit. Als sie den Eingang des Colleges erreichte, wandten sich alle Gesichter ihr zu, alle erstarrten zu Statuen mit offenen Mündern und großen Augen. Alle glotzten sie sie an mit Blicken voller Gefühle, Leidenschaften und Lüsten. Ich war vollständig von diesem Mädchen eingenommen, meine ganze Aufmerksamkeit gehörte nur ihr. Als sie in Richtung des Fensters ging, an dem ich saß, wusste ich, dass sie das Mädchen meiner Träume war. Während sie näher und näher kam, verschlug es mir die Sprache, und ich  verwandelte mich ebenfalls in eine Statue. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, nicht einmal mehr blinzeln oder sprechen.

Das Mädchen war wunderschön und absolut atemberaubend mit ihrem lockigen braunen Haar, ihrer Haut weiß wie Schnee, gekleidet in Schwarz und Rot mit hohen Absätzen, mit ihren rot glänzenden Lippen, scharf gerundeten Augen und einer fantastischen Figur. Ich konnte deutlich die beiden Ringe an ihren Fingern sehen und die Armreifen an ihrem rechten Handgelenk. Als ich sie betrachtete, wurde ich überwältigt von Verlangen, Liebe, Zuneigung und Emotionen.

Es fühlte sich an, als sei dieses Mädchen geboren worden, um meine erste Liebe zu sein, mein erster Schwarm und meine Seelengefährtin für immer. Doch plötzlich verschwand sie.

Nach diesem Erlebnis verbrachte ich meine Zeit nur noch damit, auf sie zu warten und darüber nachzudenken, wann sie wieder zum Eingang des Colleges zurückkehren würde. Ich streckte meinen Kopf aus dem Fenster, um nach ihr Ausschau zu halten. Plötzlich ein lautes Geräusch: tack, tack, tack. Das Geräusch hoher Absätze? Es schien sich dem Klassenraum zu nähern, in dem ich saß.

Ich spitzte meine Ohren und fragte mich, ob sie es vielleicht sein könne, ob sie zu meinem Klassenzimmer kommen würde. Mein Herz raste, als das Geräusch näher kam, ich spürte Schweißperlen auf meiner Stirn und wurde sehr nervös und gleichzeitig hoffnungslos. Plötzlich stoppte das Geräusch, und als ich meine Augen öffnete, sah ich ein Mädchen in der Tür meines Klassenzimmers. Es war sie.

Oh mein Gott, wie schön sie war! Wie verführerisch, wie großartig! Ihr Haar, ihr Gesicht, ihr Körper, alles an ihr war überwältigend attraktiv.

Als sie hereinkam, konnte ich von der letzten Bank aus, wo ich saß, spüren, wie die Aura ihrer Präsenz den ganzen Raum erfüllte. Es fühlte sich an, als sei ich zu einem vollständigen Mann in einem vollständigen Raum geworden. Das Mädchen war so umwerfend, dass sie mich mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen erstarren ließ. Es fühlte sich an, als sei ich im Netz ihrer Schönheit gefangen. Ich wünschte, ich könne ihr ins Ohr flüstern, dass ich sie liebe, und sie mein machen für immer – doch wie nur…???

Sie sah mich an mit Augen voller Neugier, irgendwie seltsam, doch es schien, als sei ich vom Wind ihrer Schönheit davongeweht worden. Ihr Gesicht schien so weich wie die Blütenblätter der Rosen. Plötzlich fragte sie: „Wo finde ich den Rektor?“ Ich stand unter Schock; ich versuchte zu sprechen, ihr zu antworten, doch alle meine Bemühungen waren vergebens. Also tat ich mein Bestes mit Gesten und schüttelte den Kopf, um ihr mitzuteilen, dass ich es nicht wisse. Sie wandte sich ab und ging wieder davon. Ihre Worte, ihre Stimme waren so weich und zugleich so scharf wie ein Schwert, das jedes Herz entzweischneiden könnte.

In diesem Moment wurde mir klar, wie sich Leute verlieben und warum sie sich selbst opfern im Namen der Liebe. Sie war wie ein Engel, für mich die schönste Frau der ganzen Welt.

Als sie davon ging, wünschte ich, ich könnte mit ihr gehen, an ihrer Seite, nur sie hörend und nur sie sehend. Doch wie sollte das möglich sein? Sie war nicht mehr als eine Fremde für mich. Ich dachte, dass sie vielleicht zurückkommen würde, nachdem sie den Rektor gefunden hatte, und ging wieder zum Fenster, um sie noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Doch es vergingen zuerst Sekunden, dann Minuten und schließlich Stunden, ohne dass sie zurückkehrte. Sie ließ mich zurück in einer Welt aus Träumen und mit nichts als Bildern in meinem Kopf. Ich fragte mehrere Freunde nach ihr, doch niemand konnte mir sagen, wann oder wohin sie gegangen war.

Sie machte mich zu ihrem Bewunderer; sie machte mich berauscht von ihr, und dann verschwand sie. Sie schenkte mir unvergessliche Gedanken und Erinnerungen. Bis heute halte ich sie für das schönste Mädchen, das mir jemals begegnet ist.

Sie ist das Mädchen meiner Träume, das ich niemals werde vergessen können bis zu meinem letzten Atemzug. Jahre sind vergangen seither, doch noch immer denke ich an sie, noch immer träume ich von ihr. Wohin auch immer sie gegangen sein mag, was auch immer sie tun mag, mit wem auch immer sie zusammen sein mag – noch immer würde ich ihr gerne sagen, dass da irgendwo irgendjemand ist, der sie vermisst und von ihr träumt.

Darum halte ich sie noch immer für meine erste Liebe, für meinen ersten Schwarm und für das einzige Mädchen meiner Träume, das ich niemals vergessen kann bis zu meinem letzten Tag.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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